Misshandlungen: Heimkinder berichten im Landtag

München – Gewalt statt Liebe, Arbeit statt Spiel: Ungezählte Heimkinder litten auch in Bayern unter einem brutalen Erziehungssystem. Am Dienstag berichteten sie im Landtag von ihrem Leid.

Als es endlich so weit ist, kann sie es nicht fassen. Monika Wiesböck, 57, steht Ende März am Flughafen Washington und kann nicht glauben, dass sie ihn endlich umarmen darf: ihren Bruder. Sie weint. Sie ist glücklich, aber sie ist auch wütend. Weil die Behörden so lange verhindert haben, dass die Geschwister sich wiederfinden. Sie rückten die Adresse einfach nicht raus.

Monika Wiesböck und ihr Bruder sind getrennt voneinander in Münchner Kinderheimen aufgewachsen, der Bub kam mit sechs Jahren in eine amerikanische Gastfamilie. In den Heimen wurden sie geschlagen, gedemütigt, misshandelt. Und jetzt müssen sie um Entschädigung kämpfen. In unserer Zeitung hatte die Kreutherin ihren Fall im März öffentlich gemacht.

Am Dienstagnachmittag sitzt die 57-Jährige aus Kreuth (Kreis Miesbach) im Senatssaal des Landtags in München. Sie ist eines von 80 ehemaligen Heimkindern, die dem Sozialausschuss von ihrem Leid berichten sollen. Nur zum Eröffnungsvortrag des Sozialpädagogik-Professors Manfred Kappeler (siehe Interview unten) ist die Öffentlichkeit zugelassen – das wollten einige Betroffene so. Andere hätten sich gewünscht, dass auch die eigentliche Anhörung öffentlich ist – damit die Schicksale nicht länger eine Privatangelegenheit der Opfer bleiben.

Monika Wiesböck sitzt in einer hinteren Reihe, ganz aufrecht, und hört dem Vortrag zu. Kappeler spricht von „schrecklichen Verhältnissen“, die zahllose Kinder und Jugendliche in staatlichen und kirchlichen Heimen der 50er und 60er Jahren erleben mussten. Spielen war tabu, Zuneigung auch. Zwangsarbeit stand auf der Tagesordnung, die Kleinen mussten in der Landwirtschaft schuften, obwohl Kinderarbeit verboten war. Jugendliche mussten ebenfalls ran – Sozialbeiträge für die Rente wurden aber nicht abgeführt. „Deshalb leiden jetzt viele unter Altersarmut“, sagt Kappeler. Einige Zuhörer nicken, manche klatschen, ein älterer Mann verlässt den Saal. Er hat Tränen in den Augen.

Kappeler macht nicht nur den Behörden von damals Vorwürfe. Er kritisiert auch den „Runden Tisch Heimerziehung“. 2009 wurde er gegründet, er soll die Opfer vertreten. Doch der Runde Tisch empfahl dem Bundestag, die Arbeit in den Heimen nicht für die Rente anzurechnen – „das muss man sich mal vorstellen“, sagt Kappeler. 120 Millionen Euro umfasst der Entschädigungsfonds, der den ehemaligen Heimkindern zur Verfügung steht. Bund, Länder und Kirchen haben je 40 Millionen Euro eingezahlt. Doch die Antragsfrist läuft schon Ende 2014 aus – „dafür gibt es keinen Grund“, so Kappeler. Der Hintergrund, den er vermutet: Der Betrag soll so gedeckelt werden. Außerdem klagt er an, dass sich die Länder zehn Prozent aus dem Fonds genommen haben, um die Antragsstellen (bei den Jugendämtern angesiedelt) zu finanzieren. „Unverschämtheit“, sagt er. Im Publikum ruft ein Mann: „Diebe! Das ist unser Geld.“

Die Emotionen kochen hoch, auch später in der nichtöffentlichen Runde. „Ich kann das verstehen“, meint Wiesböck hinterher. Das Leiden, sagt sie, hört nie auf. Sie selbst treibt die Frage um, was die Anhörung gebracht hat. Sie will, dass ihr keine bürokratischen Hürden in den Weg gelegt werden, wenn sie Entschädigungen beantragt. Wenn sie Geld für Flüge nach Amerika, zu ihrem Bruder, beantragt. Sie will ihn noch so oft wie möglich sehen. „Mir läuft die Zeit davon“, sagt sie.

Den Landtag verlässt sie skeptisch. Ob die Politiker es ernst gemeint haben, als sie ihr Bedauern geäußert haben? Sie hofft es sehr.

Carina Lechner

Rubriklistenbild: © dpa

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