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Vanessa (†12) wurde am Rosenmontag 2002 ermordet.

"Mit Vanessa ist meine Zukunft gestorben"

Wenn das eigene Kind ermordet wird: Eine Mutter erzählt

Augsburg - Mehr als 27 Jahre nach der Tat hat am Donnerstag in Augsburg der Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer von Ursula Herrmann begonnen.

Die Eltern und der Bruder des Mädchens sind an dem Verfahren als Nebenkläger beteiligt. 52 Verhandlungstage sind bisher angesetzt. Wie werden sie den Verhandlungsmarathon verkraften? Wie werden sie mit den Aussagen des Angeklagten umgehen?

Die tz sprach über das Thema mit Romana Gilg (49), der Mutter von Vanessa, die am Rosenmontag 2002 in ihrem Bett ermordet wurde, während die Eltern einen Faschingsball besuchten. Ein Jahr später begann der Prozess gegen den Mörder. Michael W., der heute 26 ist, wurde zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Frau Gilg, verfolgen Sie das Verfahren Ursula Herrmann?

Romana Gilg: Ja, aber nur am Rande, weil es in mir vieles aufwühlt.

Sie sind damals im Prozess gegen Vanessas Mörder ebenfalls als Nebenkläger aufgetreten, wie wichtig war das für Sie?

Gilg: Enorm wichtig. Aber unsere Situation damals ist nicht mit der von Ursulas Eltern zu vergleichen.

Inwiefern?

Gilg: Vanessas Mörder hatte ein Geständnis abgelegt. Es gab keine Zweifel ...

... während der Prozess in Augsburg völlig offen scheint.

Gilg: So sieht es zumindest aus. Ich hoffe, dass sich die Staatsanwaltschaft ihrer Verantwortung bewusst ist. Stellen Sie sich vor, dass Zweifel bleiben, der Mann aber freigesprochen wird. Das muss für die Eltern eine unerträgliche Vorstellung sein. Dann bekäme der Mörder ihrer Tochter auch noch eine Haftentschädigung. Dann muss man sich fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn man dieses Verfahren niemals begonnen hätte.

Ursulas Eltern waren zum Prozessauftakt nicht im Gerichtssaal. Sie wollten damals dabei sein...

Gilg: Grundsätzlich denke ich, dass es für die Verarbeitung einer Tat sehr hilfreich sein kann, den Prozess zu verfolgen. Aber die Entscheidung muss jeder selbst treffen. Es gibt immer Vor- und Nachteile. Die sollte man im Vorfeld mit einem Anwalt und einem Psychologen genau abwägen.

Wie haben Sie den Prozess gegen Vanessas Mörder damals erlebt?

Gilg: Es war unglaublich anstrengend. Aber wir wollten verstehen, was einen Menschen dazu bringt, ein hilfloses Kind zu töten. Das Leben zu missachten.

Haben Sie im Prozess darauf eine Antwort bekommen?

Gilg: Nein, aber die Beschäftigung mit der Psychologie und dem Täter war wichtig.

Er sagte damals, es sei einfach „passiert“.

Gilg: Das war furchtbar, das war wie ein Schlag ins Gesicht. So eine Tat passiert nicht einfach. Er ist sicher für vieles in seinem Leben nicht verantwortlich – aber für den Mord an Vanessa ganz sicher.

Wie weit saßen Sie von ihm entfernt?

Gilg: Etwa fünf Meter.

Haben Sie ihm in die Augen geschaut?

Gilg: Ich habe ihn sehr genau angeschaut. Er hat mich in den vier Tagen aber nie angesehen.

Im Prozess dreht sich alles um den Täter, die Angehörigen des Opfers spielen keine Rolle...

Gilg: Das ist schwer zu ertragen. Ich würde mir wünschen, dass man auch als Angehöriger Fragen stellen darf. Dass einem alle Unterlagen zur Verfügung gestellt werden, auch die der Polizei. Natürlich nicht im laufenden Ermittlungsverfahren, aber danach. Denn es bleiben immer noch Fragen offen. Mich quält bis heute, dass wir nie erfahren haben, wie der Mörder in unser Haus kam.

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Der Mörder bekam kostenlos einen Anwalt gestellt, Sie mussten Ihren bezahlen?

Gilg: Damals war die Rechtslage tatsächlich noch so. Uns hat aber der Weiße Ring großzügig geholfen und weitgehend die Kosten übernommen. Inzwischen ist es so, dass bei schweren Gewaltverbrechen die Kosten für die Nebenklage der Staat übernimmt. Es tut gut zu sehen, dass sich beim Opferschutz langsam etwas ändert. Dazu zählt auch, dass inzwischen auch eine Sicherungsverwahrung für jugendliche Täter möglich ist.

Was liegt noch im Argen?

Gilg: 15 Jahre nach Ende des Strafvollzugs wird Vanessas Mörder der Mord aus dem Führungszeugnis gestrichen... Können Sie sich vorstellen, was das für uns bedeutet? Vanessas Tod kann man nicht streichen. Überlegen müsste man sich auch, warum junge Männer im Alter zwischen 18 und 21 Jahren bei Verkehrsdelikten und Straftaten in Zusammenhang mit Einreise- und Einbürgerungsrecht zu 86 Prozent nach Erwachsenenrecht behandelt werden, bei schweren Straftaten sich das aber genau anders herum verhält. Ist das nicht merkwürdig? Vor allem, wenn man sich überlegt, dass die Rückfallquote bei 77 Prozent liegt! Und der Erziehungsgedanke die entscheidende Begründung für die Anwendung des Jugendstrafrechts bei Heranwachsenden ist.

Wenn Sie an Vanessa denken, welche Bilder haben Sie dann heute im Kopf?

Gilg: Wie sie ihn ihrem Bett liegt, wie sie im Sarg liegt. Aber es gibt auch noch Bilder, auf denen sie sehr lebendig ist. Von einem Spaziergang an Weihnachten und vom Geburtstag der Großmutter.

Erinnern Sie sich noch an die Zeit nach der Tat – oder verdrängt man das?

Gilg: Nein, das verdrängt man nicht. Der Schmerz ist unfassbar groß. Man ist auf den Mensch fixiert, den man verloren hat und vergisst beinahe die Menschen, die einem nah sind und noch lebendig sind.

Es gibt Untersuchungen, dass 80 Prozent der Familien, die von einem solchen Verbrechen erschüttert werden, kaputt gehen…

Gilg: Auch wir haben sehr zu kämpfen. Durch eine solche Tat verschiebt sich bei jedem die Werteskala – das ist übrigens auch der Fall, wenn man sein Kind bei einem Unfall verliert. Danach beginnt die Suche nach dem, was einem wirklich wichtig ist. Und das ist eine Lebensaufgabe, die jeder mit einem unterschiedlichen Tempo und eventuell auch unterschiedlichen Ergebnissen bewältigt…

Haben Sie Vanessa nach der Obduktion noch einmal gesehen?

Gilg: Ja. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es diese Möglichkeit in der Pathologie gibt. Denn als man Vanessa aus dem Haus gebracht hat, hat sie für mich noch gelebt. Ihren Tod habe ich erst dort im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Und das ist sehr wichtig.

Wie kann man als Verwandter, Freund oder Bekannter in einer solchen Situation helfen?

Gilg: Mit viel Mitgefühl. Mir hat das sehr gut getan. Auf Vanessas Beerdigung waren damals über 1000 Menschen, ich habe mehr als 300 Briefe bekommen. Das hilft sehr, auch wenn es die Wunde nicht heilen kann. Ich kann mich auch nur bei der Polizei bedanken. Alle Beamten haben unheimlich sorgfältig gearbeitet. Für einen Angehörigen ist so etwas enorm wichtig.

Standen Sie selbst auch unter Verdacht?

Gilg: Ja. Aber ich wusste, dass das ganz normal ist. Ich habe mir nur gedacht, ich muss alles dafür tun, damit sich das schnell erledigt hat, und sich die Kripo auf das Wesentliche konzentrieren kann. Als dann aber am nächsten Tag um zehn Uhr vormittags die Tatwaffe in einem Nachbargarten entdeckt wurde, war das Thema erledigt.

Haben Sie Kontakt zu anderen Familien, deren Kinder ermordet wurden?

Gilg: Ja, zum Beispiel zu den Eltern von Nora (Anm. d. Red.: Die 18-Jährige wurde im Dez. 2007 in Augsburg-Haunstetten ermordet). Aber es ist sehr schwer, sich gegenseitig zu unterstützen.

Sie waren Dipl.-Ing. der Elektrotechnik, Beamtin bei der Telekom, was machen Sie heute?

Gilg: Ich bin inzwischen Beamtin im Ruhestand und zu 50 Prozent schwer beschädigt. Zur Hälfte, weil ich Brustkrebs hatte, zur Hälfte wegen der Traumatisierung durch das Verbrechen an Vanessa – mit Vanessa ist meine Zukunft gestorben. Kinder sind unsere Zukunft. Deshalb habe ich mich jetzt entschieden, eine Ausbildung zur Kinderpflegerin zu machen. Das macht mir viel Freude.

Wolfgang de Ponte

Der Fall Vanessa: Mörder wollte vorzeitig aus der Haft entlassen werden

Michael W., der die Tat gestanden hat (Archivbild).

Romana und Erich Gilg verabschieden sich am Abend des 11. Februar 2002 von ihren Kindern und gehen auf den Rosenmontagsball. Als sie um ein Uhr nach Hause kommen, finden sie Vanessa (12) tot im Bett. Der Mörder hat sie mit 21 Messerstichen getötet. Die Polizei sucht schließlich nach einem Mann, der als „Tod“ verkleidet war, und verhaftet schließlich Michael W.. Der damals 19-jährige Lehrling wird wegen Mordes zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt.

Im April 2008 stellte er Antrag auf vorzeitige Haftentlassung, der aber abgelehnt wurde. Er wird nun wohl erst 2012 aus dem Knast kommen. Romana Gilg sagt dazu: „Wenn er glaubhaft machen kann, dass er sich geändert hat, hat er eine Chance verdient. Aber er hat niemals Liebe, Vertrauen oder Zuverlässigkeit erlebt. Glauben Sie, dass sich daran etwas im Gefängnis geändert hat?“ Vanessas Mutter wüsste gern, ob in der Haft die „Entwicklungsdefizite“ von Michael W. behandelt wurden. „Angehörige sollten ein Recht darauf haben, dies zu erfahren – so wie sie auch ein Recht darauf haben sollten, über den Haftentlassungstermin informiert zu werden. Sonst steht er eines Tages vielleicht einfach neben mir beim Bäcker.“

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