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Mit Schmährufen wird Klaus Gosmann von Bürgern bei einer Tatortbegehung bedacht. Der Mittagsmörder nimmt die Beine in die Hand.

Der Mittagsmörder: Keiner sitzt länger im Gefängnis

Straubing - Kein Häftling in Bayern ist länger hinter Gittern als er: Klaus G., der Mittagsmörder. Als Student mordete er kaltblütig und berechnend – als alter Mann will er endlich frei sein. Doch vorerst lassen ihn die Richter nicht laufen: „Das Risiko ist zu groß.“

Die Opfer: Sparkassen-Kunde Oskar Seidel

Nur ein einziges Mal lässt Klaus G. in den vergangenen 45 Jahren die dicken Gefängnismauern in Straubing hinter sich. Eskortiert von einer Handvoll Vollzugsbeamten marschiert der verurteilte Mörder in einen Supermarkt – zum Preisvergleich. Im Knast hatten Häftlinge den Aufstand geprobt. Die Schwerverbrecher beschweren sich, dass der Kaufmann im Gefängnis Wucherpreise für Lebensmittel verlangt. G., der Mittagsmörder, kämpft für seine Mitgefangenen um Gerechtigkeit: Er durchforstet Supermarktregale, notiert Preise auf einem Block – und kehrt wieder zurück in seine Zelle im Hochsicherheitstrakt. Dort sitzt er seit seiner Verurteilung im Jahr 1967. Klaus G., heute 69 Jahre alt, hat mindestens fünf Menschen kaltblütig erschossen. Kein Häftling in Bayern sitzt länger hinter Gittern als er.

Sparkassen-Filialleiter Erich Hallbauer

30. November, 1962: Es ist kurz vor Mittag, und Klaus G. betritt die Sparkasse in Neuhaus, 50 Kilometer östlich von Nürnberg. Der Student der Wirtschaftswissenschaften ist 22 Jahre alt, trägt Hornbrille und lässt sich einen Hundertmark-Schein wechseln. Bevor die Bankangestellte das Geld ausbezahlen kann, zieht G. eine Pistole, schreit „Hände hoch!“, springt über den Tresen. Hastig packt er 5000 Mark in seine Ledertasche. Da tritt Oskar Seidel an den Schalter. Der Lagerhausverwalter ist seit dem Krieg schwerhörig, er hat von dem Überfall nichts mitbekommen. Der 51-Jährige will nur zwei Formulare abgeben und greift zur Lesebrille in der Brusttasche. Das wird ihm zum Verhängnis. G., der Räuber, versteht die Geste falsch – er schießt vier Mal auf den Schwerhörigen. Als Seidel zu Boden sinkt und stirbt, läuten die Kirchenglocken zu Mittag. Klaus G. flüchtet in einem gestohlenen Auto. Gut zwei Monate zuvor hat G. den Leiter der Sparkassenfiliale in Ochenbruck erschossen. Von der Beute, 3060 Mark, kauft er sich ein neues Auto. Im März 1963 streckt er Mutter und Sohn in ihrem Waffengeschäft in Nürnberg nieder. Immer schlägt G. zur Mittagszeit zu.

Hermann Thieme

Zwei Jahre vergehen, bis er wieder tötet: Am 1. Juni 1965 will er – mittags – im Kaufhaus Brenninkmeyer in Nürnberg einer Kundin die Handtasche stehlen. Hausmeister Hermann Thieme packt ihn, G. reißt sich los, flieht durch die überfüllte Geschäftsstraße, schießt auf den Hausmeister, tötet ihn und verletzt zwei Passanten schwer. Doch diesmal scheitert seine Flucht. G., inzwischen 25 Jahre alt, wird überwältigt. Das Morden zum Mittagsläuten hat ein Ende, Klaus G., dem Mittagsmörder, kann der Prozess gemacht werden.

Karola Hannwacker

Mit 26 Jahren steht Klaus G. wegen fünffachen Mordes, vier davon in Tateinheit mit schwerem Raub, vor Gericht. Das Schicksal von zwei weiteren Menschen wird vom Prozess ausgeklammert: Im April 1960, G. ist gerade 19 und geht noch zur Schule, erschießt er eine wildfremde Frau und ihren Untermieter in Nürnberg an deren Haustüre. Auch von ihnen wollte er Geld.

Helmut Hannwacker

Was ist das für ein Mensch, der Mittagsmörder? Das fragen sich Ende der 60er Jahre viele Menschen in ganz Deutschland. Als unauffälliges Kind wuchs er in Hersbruck auf, weder Eltern noch Lehrer oder Klassenkameraden ahnen Böses. Medien nennen ihn den „Killer“, die „Bestie“, Journalisten belagern G., als er zu Prozessauftakt in den Sitzungssaal im Nürnberger Gericht geführt wird. Der Mittagsmörder trägt Anstaltskleidung und eine Sonnenbrille. Er ist Bundeswehrdeserteur, philosophiert vor dem Richter über Machiavelli und Nietzsche, klagt über Halsschmerzen, die ihn schon sein Leben plagen („Was ich an Halsschmerzen erlebt habe, das hat mir das Leben wirklich vergällt“) und erzählt von seiner Vorliebe für Waffen und teure Autos. Als es in der Verhandlung um den ersten Überfall geht, kommt der Richter auf ein Bild in der Zeitung zu sprechen: Darauf ist ein Suchhund zu sehen, der am Tatort in die falsche Richtung läuft. Gelacht hat er, als er das gesehen hat, erzählt G. auf der Anklagebank. Und lacht wieder.

Später sagt der Mittagsmörder: „Ich habe eben gedacht, solange ich nicht erwischt werde, brauche ich mich auch nicht als Täter fühlen.“ Fremde Menschen seien für ihn „wie Sachen“ gewesen. Das Gericht verurteilt ihn am 27. Juli 1967 wegen fünffachen Mordes und besonders schweren Raubes zu lebenslangem „Zuchthaus“ – eine Strafe, die es so heute gar nicht mehr gibt. G. wandert hinter Gitter in einer Zeit, in der Kurt Georg Kiesinger Bundeskanzler ist, im Fernsehen die erste Sendung im Farbe gezeigt, in West-Berlin mit der Kommune 1 die erste politische Wohngemeinschaft gegründet wird.

Inzwischen ist Klaus G. 69 Jahre alt, 45 Jahre hat er in der JVA Straubing, dem Gefängnis für die schweren Fälle, verbracht. Dort nimmt er am Gemeinschaftsleben teil, singt im Chor, spielt Geige, schreibt ein Buch. Raus darf er nie, jeden Antrag auf Freigang weisen die Richter ab. Dann ein Hoffnungsschimmer: Das Landgericht Regensburg prüft einen neuerlichen Antrag auf Entlassung. Der Mittagsmörder möchte, dass seine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, sein Anwalt argumentiert vor allem mit dem fortgeschrittenen Alter. Die Richter lassen Gutachten erstellen – und kommen zu dem Schluss: Den kann man freilassen.

Doch die Staatsanwaltschaft legt Beschwerde ein, beauftragt andere Experten mit neuen Gutachten. Anfang August revidiert das Oberlandesgericht Nürnberg in nichtöffentlicher Sitzung das Regensburger Urteil. G. bleibt im Knast. Details zu den Gutachten verrät Justizpressesprecher Thomas Koch nicht. Die amtliche Begründung lautet, „dass bei dem Verurteilten das Risiko, dass er erneut ein schwerwiegendes Verbrechen begeht, noch zu groß und daher eine günstige Prognose nicht möglich ist“.

Aus der JVA Straubing heißt es, das Urteil habe G. schwer getroffen. Doch er ließe sich nicht entmutigen, gebe sich kämpferisch. Der Mittagsmörder wird nun vor das Bundesverfassungsgericht ziehen – um in allerletzter Instanz doch noch Recht zu bekommen.

Carina Lechner

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