Der Mittagsmörder Klaus G. rennt bei einer Tatortbegehung im September 1965 vor Schaulustigen davon, die ihn wüst beschimpfen. foto: dpa

Der Mittagsmörder kommt frei

Straubing - Als Mittagsmörder wurde er in den 60er Jahren bekannt - wegen seiner brutalen Taten sitzt Klaus G. seit 47 Jahren im Gefängnis. Rekord in Bayern. Jetzt wird der 71-Jährige entlassen.

Klaus G. lebt in einer Zelle, im Gefängnis Straubing, acht Quadratmeter hat er Platz. Er sieht immer die gleichen Mauern, die gleichen Fenstergitter, das gleiche Bett. Und das seit 47 Jahren. Kein Gefangener in Bayern sitzt so lange im Knast wie der heute 71-Jährige. Als Mittagsmörder erlangte er in den 60er Jahren schreckliche Berühmtheit. Jetzt kommt Klaus G. frei.

Immer wieder war der Serienmörder aus Hersbruck (bei Nürnberg) in den vergangenen Jahren für seine Freilassung vor Gericht gezogen. Stets vergeblich. Jetzt entschied der Bundesgerichtshof nach Informationen der tz, dass er freigelassen werden muss. Endgültig. Am 27. Juli 1967 hatte das Gericht den damaligen Studenten wegen fünffachen Mordes und besonders schweren Raubes zu „lebenslangem Zuchthaus“ verurteilt. Eine Strafe, die es heute so gar nicht mehr gibt. Lebenslang bedeutete damals lebenslang.

Der Mittagsmörder - wer ist dieser Mann? Eine seiner brutalen Taten begeht er an einem Novembertag im Jahre 1962: Es ist kurz vor Mittag, Klaus G. betritt die Sparkasse in Neuhaus, einem kleinen Ort bei Nürnberg. Der Student der Wirtschaftswissenschaften trägt eine Hornbrille, ist gerade 22 Jahre alt geworden. Er geht zum Schalter, zieht eine Pistole und schreit „Hände hoch!“ Dann springt er über den Tresen und stopft 5000 Mark in seine Ledertasche. In diesem Moment betritt ein gewisser Oskar Seidel die Bank. Vom Krieg hat er einen Hörschaden, er bekommt von dem Überfall nichts mit. Seidel geht zum Tresen und fasst in seine Tasche, um seine Brille herauszuholen. Klaus G. interpretiert das falsch: Er schießt Oskar Seidel in die Brust. Als dieser tot zusammenbricht, läuten draußen gerade die Mittagsglocken der Kirche. Gut zwei Monate zuvor hatte er die Sparkasse in Ochenbruch überfallen, wieder mittags. Den Leiter der Bank hatte er dabei erschossen. Auch er starb. Und im März 1963 geht er in ein Waffengeschäft in Nürnberg, zieht seine Pistole und erschießt die Inhaberin und deren Sohn. Dann verlässt er das Geschäft seelenruhig.

Diese Kälte ist es, die dem Waffennarr den Titel „Die Bestie“ in den Zeitungen einbringt. Bei den späteren Verhören schütteln auch hartgesottene Kriminaler über den so brav aussehenden Studenten den Kopf: „Ich habe noch nie einen so gnadenlosen Menschen getroffen“, wird einer der Ermittler zitiert. So antwortet Klaus G. auf die Frage, warum er seine Morde immer mittags beging, mit: „Ich bin halt nicht früher fertig geworden.“

Auch bei seiner letzten Tat im Juni 1965 zeigt G. kein Mitleid: Im Kaufhaus Brenninkmayer in Nürnberg entreißt er einer Frau die Handtasche und rennt los. Der Hausmeister sieht ihn, läuft ihm nach. Klaus G. zieht wieder seine Pistole. Der Hausmeister stirbt, zwei Passanten werden schwer verletzt. Der Täter wird überwältigt. Er wandert in den Knast, die Zeit des Mittagsmörders ist vorbei.

47 Jahre ist das nun her. Wer ist dieser Klaus G. heute? Im Gefängnis in Straubing ist der einstige Mittagsmörder Sprecher der Gefangenen. Er ist anerkannt, jeder der Insassen kennt ihn und seine Geschichte. Er gilt als intelligent, liest Kant, spielt Geige und singt im Gefängnischor. Nach so einer langen Zeit im Gefängnis - kommt da jemand „draußen“ überhaupt wieder zurecht? Als Klaus G. in den Bau wanderte, da war Ludwig Erhard Bundeskanzler und die Rolling Stones hatten mit Satisfaction einen Riesenhit. Genau deshalb wird Klaus G. nicht einfach so in Freiheit gesetzt. Er wird voraussichtlich in ein Heim für entlassene Straftäter kommen - und so langsam an die neue Welt gewöhnt. Hier wird sein Tagesablauf geplant, auch wenn er jederzeit raus kann.

Ob Klaus G. noch gefährlich ist? Das weiß er wohl nur selber. Vor rund 18 Monaten stoppte das Oberlandesgericht die Freilassung noch mit dem Argument, „dass das Risiko, dass er erneut ein schwerwiegendes Verbrechen begeht, noch zu groß ist“. Es gibt aber auch Gutachten, die das Gegenteil behaupten. Dort steht: Den kann man freilassen.

Von Armin Geier

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