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Splitterbruch: die verwüstete Wartehalle des S-Bahnhofs Geltendorf. 7000 Euro kosten die Reparaturen hier jedes Jahr.

Vandalismus in der Region

Die alltägliche Zerstörungswut

München - Zersplitterte Fenster, beschmierte Wände, aufgeschlitzte Sitze – durch Vandalismus entstehen jedes Jahr Millionen-Schäden. Der Steuerzahler büßt, denn meist entkommen die Täter. Dagegen helfe nur eines, heißt es: mehr Videokameras.

Wer derzeit die Toiletten am S-Bahnhof Geltendorf (Kreis Landsberg) ansteuert, hat Pech. An den Türen hängen Schilder: „Die WC-Anlage ist wegen der andauernden Vandalismusschäden vorübergehend geschlossen.“ Unbekannte haben Klobrillen herausgerissen, Papierhalter und einiges mehr. Das geht schon eine Weile so, und Verwalter Volker Ludwig von der Main Asset Management ist sauer: „Kaum haben wir es repariert, schon machen sie es wieder kaputt.“ Damit nicht genug: Auch die Wartehalle ist verwüstet. Glassplitter liegen am Boden, die Wände sind mit Graffiti verschmiert. 7000 Euro kosten die Erneuerungen jedes Jahr. „Geltendorf ist ein Vandalismus-Bahnhof“, schimpft Volker Ludwig.

Ist er nicht, sagt die Bundespolizei. Für sie halten sich die Missetaten dort im Rahmen. „Das kommt ab und zu mal vor, ist aber im üblichen Ausmaß“, sagt ein Sprecher. Mehr als zehn Anzeigen pro Jahr gebe es nicht wegen des Bahnhofs Geltendorf. Mehr als 1500 Fälle von Sachbeschädigung verzeichnet die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) Jahr für Jahr bei Bussen, Tram und U-Bahnen und den zugehörigen Haltestellen. Fast jeden Tag werden zerkratzte Scheiben oder zerschnittene Sitze gemeldet, Wandkritzeleien und dergleichen mehr.

2,2 Millionen Euro musste die MVG 2007 hinblättern, um die Schäden zu beseitigen. Weil das aus Fahrgeldeinnahmen finanziert wird, zahlt der Fahrgast drauf. Nur in 350 von 1500 Fällen kamen die Täter selbst für die entstandenen Kosten auf. In allen anderen bleibt die Forderung nach Schadensersatz 30 Jahre bestehen – ein schwacher Trost.

In Bayern ist Vandalismus ein verbreitetes Übel: Nicht weniger als 137 000 Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum führt die Kriminalstatistik 2007 auf. Nur eine von vier Taten wird aufgeklärt. Der Polizeichef von Bad Tölz, Markus Deindl, weiß, warum: „Die meisten Sachbeschädigungen bleiben eben unbeobachtet oder werden nicht gemeldet“, berichtet er. „Die Chance, den Vandalen für die Schadensbeseitigung heranzuziehen, ist daher gering.“

Auch in der Tölzer Blumentrog-Affäre tappten die Ermittler im Dunkeln. 2008, in einer Augustnacht, hatten Rowdies die Blumen aus den riesigen Pflanzkübeln gerissen, die direkt vor dem Rathaus standen. Die Erde verteilten sie über den gesamten Schlossplatz, der am Morgen danach einem Trümmerfeld glich. „Einfach nur hirnlos“ fand das Bürgermeister Josef Janker. Über die Täter wurde viel spekuliert. „Aber niemandem konnte die Tat nachgewiesen werden“, sagt Christian Bayer vom Ordnungsamt. Immerhin: Die neuen Pflanzen kosteten die Bürger keinen Cent. Eine Gärtnerei spendierte sie.

Ob herausgerissene Blumen, zerstörte Parkbänke, verwüstete Spielplätze oder verschmierte Unterführungen: In den meisten Fällen zahlt der Steuerzahler für die Instandsetzung. Es sei denn, der Vandale wird gefasst – oder abgeschreckt. Ein Mittel, um Vandalen an S-Bahnhöfen abzuwehren, sieht die Bundespolizei in Überwachungskameras. „Die Vandalen fühlen sich beobachtet und schlagen nicht mehr zu“, heißt es.

Die Münchner Verkehrsgesellschaft setzt bereits solche Kameras ein. 800 sind an den U-Bahnhöfen installiert, auch in den rund 130 MVG-Bussen werden die Fahrgäste videoüberwacht. Spätestens in zwei Jahren soll das in allen 580 U-Bahnwagen und 92 Tramzüge möglich sein. Denn: „Wir wissen, dass die Videoüberwachung in Fahrzeugen zu einem Rückgang von Vandalismustaten führt“, sagt Sprecher Christian Miehling.

Wird der Täter geschnappt, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er wird bestraft – meist geht es um eine Geldbuße. Oder er hilft, den Schaden zu beseitigen. Täter-Opfer-Ausgleich heißt das dann. „Die Schadensverursacher müssen dann bei der Sanierung helfen“, sagt Christl Steinhart von der Stadt Freising. Die Maßnahme sei sehr effektiv, da die Vandalen merkten, was sie angerichtet hätten. Beim Münchner Projekt „ProGraM“ rücken selbsternannte Graffiti-Künstler in Blaumännern an und schrubben die Wände rein. Im Schnitt gelten jährlich 40 bis 50 Sprayer ihre Schuld so ab. Doch allein 2007 hat die Münchner Polizei 2494 Fälle von „Sachbeschädigung durch Graffiti“ gezählt. Der Schaden: fast eine Million Euro.

Die Bahn muss bei der Beseitigung von Graffiti Spezialisten einsetzen. „Für die Lackbehandlung der Züge gelten besondere Arbeits- und Umweltvorschriften“, sagt Bahn-Sprecher Hartmut Sommer. Sieben Tage lang stehen die Waggons in der Werkstatt, wenn sie neu lackiert werden müssen.

Rund 46 000 Fälle von Vandalismus haben bei der Bahn 2007 einen Schaden von mehr als 50 Millionen Euro verursacht. Genug, um die Jagd auf die Missetäter zu verschärfen. „Wir wollen durch gezielte Prävention den Raum für Vandalismustäter einengen und ihr Entdeckungsrisiko spürbar erhöhen“, sagt Jens Puls von der DB Sicherheit. Geplant ist, mehr Sicherheitspersonal in den Zügen mitfahren zu lassen. Auch Schutzlacke, an denen Graffiti schlecht haften, könnten helfen. Zerfließen nämlich die Konturen, ist die Fläche für Sprayer uninteressant. Schließlich hält er sein Werk für Kunst.

Uninteressant sind für die Vandalen inzwischen auch die beleuchteten Straßenpfeiler in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) und die Leitpfosten. Die hatten sich die Wüteriche von November 2007 bis Januar 2008 als Lieblingsziele auserkoren. „Es war zum Sport geworden, die Straßenpfeiler auf dem Nachhauseweg umzuhauen“, berichtet Bernd Schewe von der Polizei Penzberg. Er hat selbst viele der rund 240 Sachbeschädigungen aufgenommen. Erst als sie Polizisten in Zivil nachts auf Streife schickten, zu Fuß oder per Rad, sei die Serie eingerissen. Der Schaden in Höhe von über 150 000 Euro aber blieb.

Auch durchs nahe Wolfratshausen ziehen bisweilen die Vandalen. „Durchs ganze Stadtgebiet hindurch werden mal Wegweiser, mal Verkehrszeichen, mal Spielplätze zerstört“, erzählt Ludwig Dengler. Auffallend sei, dass sich die Pfade der Verwüstung oft an den Strecken zu Diskotheken oder zur S-Bahn entlangziehen. „Erst treffen sich die Jugendlichen zu Wodka-Events auf den Spielplätzen, dann gehen sie auf Partys, und auf dem Heimweg schlagen sie Pfosten um.“ Was dagegen unternommen werden kann? Ludwig Dengler denkt nicht lange nach: „Nichts“, sagt er, „im Prinzip sind wir machtlos.“

Tanja Köhler

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