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Der ehemalige KZ-Aufseher Demjanjuk.

Anklage gegen KZ-Aufseher Demjanjuk erst nach Auslieferung

München - Die Staatsanwaltschaft München wird gegen den mutmaßlichen ehemalige KZ-Aufseher John Demjanjuk erst nach seiner Auslieferung aus den USA Anklage erheben.

Ein Termin dafür sei weiter offen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Nötzel der Deutschen Presse-Agentur dpa. Seine Behörde arbeite unter Hochdruck an der Sicherung von Beweisen. Vor einer Anklage werde der 88-Jährige die Gelegenheit zur Aussage erhalten. "Er ist bisher nicht vernommen worden." Eine Anklage ohne Vernehmung sei aber nur zulässig, wenn der Beschuldigte nicht greifbar sei. Sollte Demjanjuk in München vor Gericht gestellt werden, rechne er mit einem Verfahren "mit großem Aufwand und langer Zeitdauer", sagte Nötzel. Wann Demjanjuk ausgeliefert werden soll, ist weiter offen. "Er kann nächste Woche kommen, oder übernächste Woche - wir wissen es nicht", sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft München I. "Wir haben unser Ersuchen auf den Weg gebracht - es hängt nicht von uns ab."

Die nächsten Schritte müssten in den USA getan werden. Unklar sei derzeit, ob der im US-Staat Ohio lebende 88-Jährige reisefähig und dann auch verhandlungsfähig sei. Auch nach dem Fall Demjanjuk sei das Kapitel der Verbrechen aus der Nazi-Zeit nicht abgeschlossen. "Es gibt immer noch aufzuarbeitende Kriegsverbrechen, bei denen jedoch verantwortliche Fehler noch nicht ermittelt werden konnten." Seit Monaten muss sich in München etwa ein heute 90-jähriger ehemaliger Kompanieführer eines des Gebirgspionierbataillons wegen eines Massakers an Zivilisten in der Toskana verantworten.

Der aus der Ukraine stammende Demjanjuk soll von März bis Ende September 1943 als 23-jähriger Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Menschen jüdischen Glaubens geleistet zu haben. Obwohl seitdem gut 65 Jahre vergangen seien, gebe es Zeugen, die in einem Prozess aussagen könnten, sagte Nötzel. In anderen Fällen habe sich gezeigt, dass sich Zeugen trotz ihres hohen Alters oft überraschend gut erinnern könnten. "Wenn man traumatische Erlebnisse hat, bleibt das in Erinnerung."

Demjanjuk hatte sich nach dem Kriegsende zunächst in Deutschland aufgehalten und war 1952 in die USA ausgewandert. Mit dem Erhalt der US-Staatsbürgerschaft nahm er anstelle seines Vornamens Iwan den Vornamen John an. Als seine Mitwirkung am Holocaust bekannt wurde, lieferten ihn die USA 1986 an Israel aus. Dort wurde er wegen seiner angeblichen Tätigkeit als grausamer Wachmann "Iwan der Schreckliche" im Vernichtungslager Treblinka zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof Israels sprach Demjanjuk aber 1993 frei, da seine Identität nicht sicher geklärt werden konnte.

Um nicht erneut an der ungeklärten Identität zu scheitern, habe die Staatsanwaltschaft den von der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg für echt gehaltenen SS-Dienstausweis Demjanjuks umgehend durch das Landeskriminalamt untersuchen lassen. Vorwürfe, seine Behörde habe das Verfahren verzögert, wies Nötzel strikt zurück. Vor der Beantragung des Haftbefehls habe neben der Echtheit des Ausweises auch die Zuständigkeit des Gericht geklärt werden müssen. Hier gelte der letzte Wohnsitz in Deutschland - Demjanjuk habe nach Kriegsende zwar einige Zeit in einem Lager in Feldafing gelebt, dann aber auch in Bremerhaven und Baden-Württemberg. "Deshalb hat der Generalstaatsanwalt die Frage dem Bundesgerichtshof vorlegen lassen", sagte Nötzel. "Sonst hätte die Verteidigung sofort die fehlende Zuständigkeit der Münchner Gerichte gerügt."

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