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Segen oder Schaden? Die Impfung gegen die gefürchtete Blauzungenkrankheit scheidet die Geister. Die Behörden wollen die Bauern dazu verpflichten - aber die sind skeptisch.

Landwirte klagen vor Gericht

Blauzungenkrankheit: Expertenstreit um Impfung

Die Bauern kämpfen mit allen Mitteln gegen die Impfung, mit der die Blauzungenkrankheit bei Rindern, Schafen und Ziegen eingedämmt werden soll. Am Mittwoch ging der Streit vor Gericht.

Johannes Wachinger aus Pliening (Kreis Ebersberg) fürchtet die Impfung gegen die Blauzungenkrankheit. „Wir haben schlechte Erfahrungen mit Impfungen gemacht“, sagte der Jungbauer. Nach anderen Impfungen seien seine Tiere krank geworden. Er erzählt von Missbildungen, schlechter Fruchtbarkeit – und horrenden Tierarztkosten. Das alles möchte er nicht noch einmal erleben. Deshalb klagt er mit Johann Spitzl aus Straußdorf (Kreis Ebersberg) gegen die allgemeine Impfverfügung des Landratsamts.

Die Fronten sind verhärtet. Deshalb sollte ein Gutachter gestern Licht ins Dunkel bringen. Tierarzt Jörn Gethmann vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, berichtete von einem Feldversuch zur Sicherheit der umstrittenen Impfung, bei der 450 Tiere geimpft und beobachtet wurden. Sein Fazit: „Bei den Untersuchungen wurden keine Schäden festgestellt.“ Bei einer Gruppe von Schafen sei es zwar verstärkt zu Fehlgeburten gekommen. Das könne jedoch auch eine andere Ursache haben: Stress zum Beispiel – eine Impfung sei Stress. Außerdem habe man schon vor der Impfung Aborte festgestellt.

Allerdings musste der Gutachter auch einzelne „Ausreißer“ in der Studie einräumen. So hätten einige Tiere eine „Mastitis“ bekommen, eine Entzündung der Milchdrüse – eine schlimme Krankheit für einen Milchviehbetrieb. Dieses Ergebnis beunruhigte Johann Spitzl. Man müsse die einzelnen Tiere betrachten, nicht die ganze Herde, findet er. „War der Impfstoff ausschlaggebend für die Mastitis?“, fragte er den Gutachter, „ich muss wissen, was die Ursache ist.“ Der Tierarzt konnte ihm diese Frage aber auch nicht beantworten.

Ein weiteres Problem, das in der Diskussion auftauchte: Die Wirksamkeit der Impfung. Spitzl legte dem Gericht eine Aufstellung des FLI vor, wonach in den Jahren 2008 und 2009 auch nach Impfungen noch Krankheitsfälle auftraten. Dafür hatte der Gutachter aber eine Erklärung parat: Der Impfstoff sei noch nicht ausreichend zur Verfügung gestanden. Auch habe die Impfung nicht lang genug zurückgelegen, um schon schützen zu können. Nach langer Diskussion über Antikörper, Fehlgeburten und Zellzahlen waren die Bedenken der Bauern nicht ausgeräumt. „Das heißt also: Wos Gwiss woas ma ned“, brachte es Johann Spitzl auf den Punkt. Er spricht von einem „Impfstoffversuch“. Der Stoff ist erst vorläufig zugelassen.

Nun wird mit Spannung erwartet, wie das Münchner Verwaltungsgericht entscheidet. Es machte allerdings schon deutlich, dass sein Entscheidungsspielraum sehr eng ist. Die allgemeine Impfpflicht bestehe Kraft Gesetzes. Das Gericht könne nur eingreifen, wenn die Einschätzungen des Gesetzgebers fehlerhaft sind. Wann das Urteil fällt, ist noch unklar.

von Nina Gut

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