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In Egling (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) hatten Unbekannte 2007 nach Freinachts-Tradition 20 Gartentore und mehr um den Maibaum gelegt.

Brauchtum: Woher kommt die Freinacht?

Wenn die Sonne am Donnerstag untergeht, geht es für die Polizei erst richtig los. Alljährlich nutzen Jugendliche die Freinacht zu mehr oder weniger harmlosen Scherzen. Woher kommt eigentlich dieser Brauch und was gehört wirklich dazu?

Gesprengte Briefkästen, brennende Mülltonnen oder gestohlene Gullideckel. „Vieles, was in den vergangenen Jahren in der Nacht zum 1. Mai angestellt worden ist, hat mit Brauchtum gar nichts gemeinsam“, warnt Innenminister Joachim Herrmann und kündigt verschärfte Polizeikontrollen an. Doch Streiche zur Freinacht gehören durchaus zum Brauch – egal, was man davon hält. Die Frage ist vielmehr: Wo verläuft die Grenze?

"Beim Vandalismus“, antwortet Michael Ritter prompt. „Bräuche sind dafür da, soziale Bindungen zu stärken und das Gemeinschaftsgefühl zu prägen“, erklärt der wissenschaftliche Berater des Bayerischen Landesverbands für Heimatpflege. Sogenannte Rügebräuche, bei denen andere bloßgestellt werden, haben durchaus langjährige Tradition. Ein Blick in die Vergangenheit schafft Klarheit.

Unter Historikern dominieren zwei unterschiedliche Erklärungen, wie die Freinacht entstand. Die eine nennt die Zeitenwende im bäuerlichen Kalender als Ursprung. Der 1. Mai galt als Beginn des Sommerhalbjahres. An der Nahtstelle zwischen Sommer und Winter, so der Glaube, treiben böse Geister und Hexen ihr Unwesen. Die gilt es mit Feuer und Lärm zu vertreiben. Daher wird die Freinacht auch häufig als Walpurgisnacht bezeichnet, in der schauerliche Hexen ihren Sabbat feiern.

Doch der Experte ist skeptisch. „Die Erfahrung bei allen Bräuchen lehrt, dass sie meist einen sehr nüchternen Ursprung haben.“ Ritter glaubt an eine andere Theorie. Doch „nüchtern“ ist auch diese nicht. „Der 1. Mai war viele Jahrhunderte lang der Tag der Musterung.“ Belege dafür reichten bis ins Mittelalter zurück. Die jungen Burschen haben vor jenem Tag das getan, was sie auch heute noch tun. „Sie haben es krachen lassen.“ Wie sich daraus die Streiche entwickelten, ist denkbar profan. Die angehenden Soldaten tranken einen über den Durst und trieben anschließend Unfug. „Über die Jahrzehnte hinweg hat sich das zu einem Brauch entwickelt“, glaubt Ritter. Menschen entwickeln sich laufend weiter und mit ihnen die Bräuche.

Irgendwann ersann man die Funktion der öffentlichen Bloßstellung. Dem schlampigen Nachbarn wurde der Heuwagen auf den Misthaufen gestellt, herumliegende Besitztümer auf dem Dorfplatz gestapelt. „Heute geht der Trend zum Vandalismus. Dafür ist der Brauch sicher kein Freibrief“, kritisiert Ritter – und rennt bei der Polizei offene Türen ein. „Sachbeschädigung ist eine Straftat, da drücken wir kein Auge zu“, macht Konrad Rutzinger von Polizeipräsidium Oberbayern Süd klar. „Wir behandeln die Vergehen wie in jeder anderen Nacht des Jahres.“

Rutzinger kennt keine Gnade. Gartentür abmontieren? „Diebstahl und Hausfriedensbruch.“ Maibaum umsägen? „Sachbeschädigung, obendrein sehr gefährlich.“ Wenigstens werde das Treiben nicht immer schlimmer. Auch Michaela Grob vom Polizeipräsidium Oberbayern Nord bestätigt: „Die Zahl der Straftaten hat über die Jahre nicht zugenommen.“ Laut Innenministerium bleibt den Feiernden somit nur ein letzter Strohhalm: Ein nach den traditionellen Regeln durchgeführter Diebstahl eines Maibaums werde als Brauchtum „geduldet“.

Von Thomas Schmidt

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