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Jens Voigtländer, 29, ist seit neun Jahren Erzieher am Kindergarten Heilige Familie Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) - nur selten wird er von Eltern auf seine Stellung als einziger Mann unter neun Frauen angesprochen.

Girl´s Day: Neue Wege für Jungs

Frauenberufe sind auch was für Männer

Beim „Girls’ Day“ sollen heute die Mädchen wieder in technische Berufe hineinschnuppern. Und die Buben? Die können parallel dazu Frauen-Berufe testen, beim Projekt „Neue Wege für Jungs“. Es geht um viel – auch um die Zukunft des Mannes.

Typische Männerberufe gibt’s viele. Etwa diesen: Laufsteg-Trainer. Wenn Top-Models das Stöckeln lernen, sind männliche Lehrer gefragt. Die Stars der Branche sind elegante Herren und heißen Bruce Darnell, J. Alexander oder Alamande Belfor. Wenn es sein muss, stöckeln sie selbst. Damit die Mädels es lernen. Als Hebammen taugen indes nur Frauen. 2500 gibt es in Bayern, darunter kein Mann. In Dresden arbeitet ein Entbindungspfleger – ein Exot. Schwangere wollen nur ihren eigenen Mann im Kreißsaal stehen haben. Jedes Jahr bewerben sich ein, zwei Männer an der Hebammenschule am Klinikum der Uni München. „Durch das Auswahlverfahren hat es aber noch keiner geschafft“, so die Leitende Lehrerin Marianne Kerkmann. In Bayern kam bis dato nur ein Mann auf eine Hebammenschule, in Erlangen – und warf hin. Manche Bastionen sind eben uneinnehmbar.

Andere schon. Und damit das möglichst viele Mädchen auch merken, können sie sich heute beim „Girls’ Day“ mal in technischen Berufen versuchen wie Autoschlosser oder Vermessungstechniker – Jobs, in denen Männer dominieren. 1628 Veranstaltungen sind in Bayern vorgesehen, um ihnen die Scheu vor Männerdomänen zu nehmen.

Seit ein paar Jahren gibt es auch die Parallelaktion: Sie heißt „Neue Wege für Jungs“. Bei diesem Projekt können sich Buben Frauenberufe ansehen wie Arzthelfer, Erzieher oder Florist. Es gibt Schnupperpraktika in sozialen, medizinischen und anderen Einrichtungen. 160 Veranstaltungen für männliche Schüler steigen heute in Bayern.

200 Jungs nehmen alleine in Germering (Kreis Fürstenfeldbruck) teil – vor allem Achtklässler von zwei Hauptschulen, einer Realschule und zwei Gymnasien. Der Einzelhandel lässt sie in der Drogerie- oder Gemüseabteilung mit anpacken, 13 Buben gehen zu einem Foto-Dienstleister, andere schauen in Jugendeinrichtungen herein. „Das erweitert später einmal das Berufswahlspektrum“, sagt Koordinator Hans-Ulrich Pollaschke. „Außerdem denken die Jungen über die Rolle des Mannes neu nach und gewinnen mehr Sozialkompetenz.“ Bei Praktika in Altenheimen sei „die soziale Einsicht am größten“, weiß Pollaschke.

Fast hundert Praktika hat Rosenheim den männlichen Siebt- und Achtklässern angeboten – in Kindergärten, Horten und an anderen frauentypischen Arbeitsplätzen. „In der Erziehung gibt es einfach zu wenige männliche Vorbilder“, findet Herbert Wörndl vom Stadtjugendring. Auch Reinhard Dietrich, Geschäftsführer der Kindertagesstätte „Biokids“ in Martinsried (Kreis München), fehlt es an männlichen Bezugspersonen für Kinder. Viele Buben erlebten Männer nur als harte Kerle im Fernsehen – oder als Papas, die schimpfen, wenn sie von der Arbeit kommen. Man müsse Rollenmodelle aufbrechen. „Kinder sollen lernen, dass sie sich auch bei einem Mann zum Trösten auf den Schoß setzen können – und dass auch eine Frau Fußball spielt.“

Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) steht hinter der Offensive: „Junge Männer profitieren von vielfältigen Möglichkeiten“, sagt sie. „Besonders zukunftsträchtig sind hier soziale Berufe.“ Bislang sind Männer in sozialen, pflegerischen oder Gesundheitsberufen noch in der Minderheit. Von über 26 700 Erziehern in Bayern ist gerade mal jeder fünfzigste männlich, von den etwa 340 Podologen – das sind Fußpfleger, die auf Krankenschein arbeiten – jeder Achte, und von den 24 611 Altenpflegern jeder Sechste. Bei Dessousverkäufern liegt die Männerquote übrigens bei Null. Dessousläden stellen keine Verkäufer ein – weder die Ketten, noch die Läden um die Ecke. „Es geht um zu intime und persönliche Anliegen“, so eine Sprecherin des Herstellers Palmers. Kurios: In Saudi-Arabien verkaufen fast nur Männer Büstenhalter und Negligés.

Von Robert Arsenschek und Tanja Köhler

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