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In Wanderkarten stecken viele Informationen – aber man muss sie auch herauslesen können. Dagmar Stadler (links) erklärt das Kartenstudium.

Oberaudorf: Die erste Bergwanderschule Deutschlands

Oberaudorf - Schritt für Schritt zum Gipfelgenuss, dabei Mensch und Natur miteinander verbinden: Darum geht es Deutschlands erster Bergwanderschule, die in Oberaudorf gegründet worden ist.

Wer seine ersten Schwünge im Schnee machen möchte, sucht eine Skischule auf, fürs Kraxeln in Fels und Eis gibt es Bergsteigerschulen. Beim ganz normalen Bergwandern indes, der am weitesten verbreiteten alpinen Disziplin, denken sich viele: Was kann ich da schon falsch machen? Allerlei. Zu 54 Prozent der Bergunfälle kommt es durch Stolpern, körperliche Probleme bis hin zur totalen Erschöpfung aufgrund von Selbstüberschätzung der eigenen Fitness stellen mit 21 Prozent ebenfalls ein beträchtliches Risiko dar. Hier setzt die Bergwanderschule an: Sie vermittelt in unterschiedlichen Kursen die nötigen Basiskompetenzen, um hinterher selbstständig einfache Bergwanderungen durchführen zu können.

Das klingt auf den ersten Blick banal, denn Bergwandern kann eigentlich jeder, der gut zu Fuß ist und ein Mindestmaß an Kondition mitbringt. „Doch man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute sich verlaufen oder sich mit der Zeit vertun“, berichtet Oberaudorfs Bürgermeister Hubert Wildgruber von seinen Beobachtungen, die er an einem Wochenende auf einer Alm gemacht hat. Werner Schroller, Tourismusdirektor der Region „Kaiser-Reich“, ergänzt: „Im Gegensatz zum Skifahren oder Klettern bereiten sich die wenigsten aufs Bergwandern vor. Deshalb vermitteln erfahrene Berg- und Wanderführer, worauf es ankommt, damit die Tour zum sicheren Erlebnis wird. Wir wollen jene Leute fit machen, die sich bisher etwas mit dem Bergwandern schwer tun, die unerfahren sind und Sicherheit suchen.“

Unterrichtsraum ist die Natur, im Vordergrund steht die Praxis. Ob über Steine und Geröll, auf feuchten Wiesen oder verschlungenen Waldpfaden: „Ziel ist es, die fürs jeweilige Gelände richtige Gehtechnik sowie ein ökonomisches Haushalten mit den Kräften zu vermitteln“, erläutert Walter Fischer, einer der staatlich geprüften Bergwanderführer. „Oder was sagen uns Fauna und Flora über die Wettersituation? Aus der Natur kann man viel lesen.“

Das Kursprogramm ist in vier Module unterteilt, die Gruppen sind zwischen fünf und zehn Personen groß. Im Schnupperkurs (acht Euro) geht es im Rahmen einer geführten Wanderung um schonendes Abwärtsgehen, Trittsicherheit in unterschiedlichem Gelände, Wandertempo oder Orientierung. Aufbauend darauf erfolgt eine Vertiefung der Materie in drei Spezialkursen (je 30 Euro): Routenplanung, Gehtechnik und Tourtaktik.

Routenplanung

Der Unterschied zwischen Wandern und Bergwandern liegt darin, dass neben der reinen Distanz von Punkt A zu Punkt B auch eine bestimmte Höhendifferenz zu überwinden ist. Was bedeuten Höhenlinien auf Wanderkarten, welche Informationen kann man aus ihnen noch herauslesen? Wie lässt sich die Gehzeit für eine Tour berechnen? Neben dem Umgang mit Karte, Kompass und Höhenmesser wird auch erläutert, wie GPS-Systeme und elektronische Planungshilfen funktionieren.

Gehtechnik

Wer nicht die richtige Schrittlänge und den passenden Rhythmus findet, macht schnell schlapp. Wo ist die sichere Trittstelle auf felsigem Grund oder im weglosen Gelände? Was tun bei Blockwerk oder Geröll? Die Bergwanderführer erklären, wie man die Füße richtig setzt, welche Rolle der Körperschwerpunkt spielt, wie die Gelenke geschont werden und wie Tourenstöcke richtig zum Einsatz kommen.

Tourtaktik

Immer wieder laufen Bergwanderer einfach los, ohne sich vorher ausreichend Gedanken über den Ablauf der Tour zu machen. Wer nicht völlig ausgelaugt, sondern angenehm erschöpft sein Ziel erreichen will, muss wissen: Wie funktioniert das Zwiebelschalenprinzip der Kleidung, wie lässt sich das Gewicht des Rucksacks minimieren, wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Pause, was ist bei schlechter Sicht zu tun, welche Warnzeichen der Natur lassen einen plötzlichen Wetterumschwung erkennen? Eine Tour endet nicht am Gipfel – auch der Rückweg mag einkalkuliert sein. Die Terminplanung der Bergwanderschule in Oberaudorf nahe der deutsch-österreichischen Grenze ist flexibel, ein „offenes System“. Die Ausbildung erfolgt auf Touren, deren Niveau unterhalb der Klettersteige rangiert, hinterher erhalten die Teilnehmer eine Urkunde. Darüber hinaus organisiert das achtköpfige Wanderführer-Team auch Begegnungen mit Förstern, Bergrettern, Biologen oder Sennern, die interessante Geschichten aus der Bergwelt berichten können. Wanderführer Rainer Zuchtriegel umschreibt seine Vision so: „Das wahre Leben zu entdecken ist es, den Weg in die Freiheit zu finden.“

von Martin Becker

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