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Land unter: Das Luftbild zeigt die kleine Gemeinde Eschenlohe im Kreis Garmisch-Partenkirchen: Der Ort wurde beim Pfingsthochwasser vor zehn Jahren komplett überflutet.

Pfingsthochwasser vor zehn Jahren

Der Tag, an dem das Wasser kam

Am Wochenende jährt sich das Pfingsthochwasser von 1999 zum zehnten Mal. Seither wurden in Oberbayern 500 Millionen Euro in Hochwasserschutz investiert. Die Menschen fühlen sich sicher -  meistens.

Wenn der Regen gegen die Fensterscheiben peitscht, wenn es „draußen so richtig rauscht“, dann geht Katharina Wörle, 53, auf den Balkon – und schaut nach, „was die Loisach macht“. Der Fluss gegenüber, der hat sie schon mal überrascht. Vor zehn Jahren, da kam das Wasser über Nacht. „Zum Glück hat’s uns damals einen Baum ans Haus geschwemmt – sonst hätt’s uns das ganze Haus weggeschwemmt.“

Auf dem Bankerl vorm Haus sitzen Katharina und Sebastian Wörle oft. „Seit die Mauer da ist, schläft man ruhiger.“

Doch den Stall, den hat’s erwischt: Die Hühner – alle ertrunken in der braunen Brühe, die zu Pfingsten Eschenlohe überflutete. Die 14 Kühe überlebten, immerhin – die standen weiter weg, auf einer Weide. Als das Wasser dann endlich weg war, „sah unser Hof so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen“: der Boden aufgerissen, alles voll mit Schlamm. Und die Wiesen und Wälder, die zur Landwirtschaft gehören – das musste auch wieder in Ordnung gebracht werden. Viel Zeit hat das gekostet und vor allem viel Geld, mehrere zehntausend Euro. Aber eigentlich wollen Katharina Wörle und ihr Mann Sebastian, 61, nix mehr hören vom Hochwasser. „Jetzt haben wir die Mauer – und jetzt schlafen wir ruhiger.“

Seit 2006 steht in Eschenlohe entlang der Loisach ein riesiger Schutzwall aus Beton. „Schön schaut’s nicht aus“, sagen die Leute im Dorf und zucken mit den Schultern. „Aber was soll man machen? Wieder absaufen?“ 1999 war schlimm genug. Aber dann kam ja noch 2005: Wieder eine Flut – und noch mehr unter Wasser. „Des 2005, des hätt’s wirklich nicht gebraucht“, sagt Katharina Wörle und ihre Stimme fängt an zu beben. „Da bekommst schon eine Wut im Bauch.“ Sie spricht das aus, was viele in Eschenlohe nicht verstehen: Da passiert also 1999 eine Katastrophe. Und dann dauert es noch sechs Jahre – und eine noch größere Katastrophe –, bis man sich auf eine Verbauung einigt. Das sei doch absurd.

Sehen Sie Bilder vom Hochwasser 1999 im Kreis Fürstenfeldbruck

Pfingsthochwasser 1999: Bilder aus Fürstenfeldbruck

Nach dem Hochwasser 2005 geht es dann aber sehr schnell: Der damalige bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser fährt nach Eschenlohe. Man sitzt zusammen im Rathaus, Faltlhauser hat einen Taschenrechner in der Hand – und kalkuliert die Kosten. Am Ende stehen sechs Millionen Euro. Den größten Teil übernimmt der Freistaat, 885 000 Euro muss der Ort selbst berappen.

Heute sind in Eschenlohe alle Deiche erneuert und erhöht. Durch die neue Schutzmauer ist das Dorf gegen ein Hochwasser wie 2005 gewappnet – plus sogar noch 15 Prozent, heißt es offiziell. Außerdem führt eine neue Brücke über die Loisach. Anders als bei der alten, die schon 1999 unter Wasser stand, hat sie keinen Mittelpfeiler und ist auch höher – damit im Ernstfall mehr Wasser unten durchpasst. Oben, mitten auf der Brücke, steht seit 2008 eine Statue von Johannes Nepomuk. Die Anwohner kennen sie schon, Fremde bleiben meist stehen und lesen, was auf dem kleinen Täfelchen steht, das daneben hängt: Da wird also erzählt, dass der Generalvikar des Prager Bischofs in die politischen Auseinandersetzungen mit dem böhmischen König geraten war, und dass er sich weigerte, das Beichtgeheimnis zu brechen – und deshalb 1393 in der Moldau ertränkt wurde. Heute gilt Johannes Nepomuk als Schutzpatron der Schiffer und Flößer, seine Statue steht auf Brücken: „zum Schutz gegen Wassergefahren“.

Wenn Katharina Wörle in ihrer Stube sitzt und aus dem Fenster schaut, sieht sie die Brücke – und die Statue. „Wissen’s“, sagt sie nachdenklich, „wir hoffen jetzt wirklich, dass sich alles bewährt.“ Ihr Mann Sebastian nickt, dann blickt er seine Frau an. „Aber das heißt nicht, dass wir einen Probelauf brauchen.“ Schon zweimal nicht vor diesem Herbst.

Denn nicht weit entfernt vom Haus der Familie Wörle gibt es ja noch so eine kleine Schwachstelle – und die soll erst in den kommenden Monaten behoben werden. Es geht um ein poröses Teilstück der Bahnlinie südlich von Eschenlohe. Geplant ist dort ein Dammbalkenverschluss. Noch ist es aber nicht so weit. Und bis dahin haben die Menschen im Dorf hin und wieder ein mulmiges Gefühl – vor allem an Tagen, an denen es nicht aufhören will zu regnen: Was, wenn genau an dieser Stelle das Wasser doch mal durchkommt? Versinkt dann der Ort erneut?

Experten zufolge tendiert diese Wahrscheinlichkeit gegen null. „Wir haben die Ausbreitung des Wassers und die Veränderung der Pegel mit einer Genauigkeit berechnet und simuliert, die vor wenigen Jahren nicht ansatzweise möglich war“, sagt Johannes Riedl, Vize-Leiter des zuständigen Wasserwirtschaftsamtes. „Die Auswirkungen der Maßnahmen in Eschenlohe auf die oberen und unteren Flussanlieger wurden von uns so gut und so ausführlich untersucht wie bei keinem anderen Projekt bisher.“ Auch andernorts in Oberbayern hat sich viel getan. Die Regierung hat bislang rund 500 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert – und es soll noch mehr werden. Das Geld soll auch in die Entwicklung technischer Systeme fließen, mit denen sich Katastrophen, wie das Pfingsthochwasser 1999 oder die Flut 2005, besser vorhersagen lassen.

Bislang seien an den großen Gewässern rund 75 Prozent aller Überschwemmungsgebiete ermittelt – und zum Teil sogar schon festgesetzt, sagt Regierungspräsident Christoph Hillenbrand. An der Isar etwa, in München, Freising und Moosburg, seien die meisten Deiche saniert worden. An allen „Hochwasserbrennpunkten“, in Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz und Mittenwald, liefen „die Arbeiten auf Hochtouren“.

Katharina Wörle und ihr Mann Sebastian haben nie darüber nachgedacht, von der Loisach wegzuziehen. „Mit der Natur musst du leben“, sagt Katharina Wörle. „Die ist manchmal unberechenbar.“ Dann blickt sie aus dem Fenster. „Aber man kann sich schützen“, sagt sie und deutet auf die Mauer. Sie hat dort Blumen gepflanzt, „damit’s nicht so kahl aussieht“. Und ihr Mann mäht den Rasen drum herum. „Irgendwie gehört das da draußen ja auch zu unserem Garten dazu.“

Von Barbara Nazarewska

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