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Pflegeskandal: Diakonie um Schadensbegrenzung bemüht

Dinkelsbühl - Der Chef eilte selbst vor Ort und versprach Besserung: Wenige Tage nach Bekanntwerden angeblicher Pflegemissstände im Dinkelsbühler Stephanus-Altenheim bemüht sich die Diakonie als Träger um Schadensbegrenzung.

Nachrichten von einem Pflegeskandal haben aber nicht nur den Präsidenten des Diakonischen Werks Bayern, Ludwig Markert, alarmiert, sondern auch die bayerische Landeskirche auf den Plan gerufen. Auch ein hochrangiger Vertreter der Protestanten informierte sich in Dinkelsbühl über die Lage. Schließlich trifft die evangelische Kirche der Vorwurf schwer, in einem von ihr betriebenen Altersheim werde todkranken älteren Menschen Hilfe versagt. Das behauptet nicht etwa ein anonymer Briefschreiber, sondern eine junge Frau, die mit ihrem Namen zu den Vorwürfen steht: die 27 Jahre alte Pflegehelferin Stephanie Flähmig.

Sie hatte im Stephanus-Heim von Dezember 2008 bis Ende Februar 2009 gearbeitet - bis sie mit dem dortigen Umgang mit den älteren Menschen nicht mehr klar kam und kündigte. "Schon am Probearbeitstag habe ich gemerkt, dass da was verkehrt läuft", berichtet sie. Ihr anfänglicher Eindruck habe sich später bestätigt: "Der Umgangston gegenüber den älteren Menschen war unfreundlich und ziemlich barsch", erinnert sich die gelernte Arzthelferin, die seit mehr als fünf Jahren in der Pflege arbeitet. Statt Zuwendung zu bekommen wurden ältere Männer und Frauen angeschnauzt. "Da war ein ganz grober Umgangston üblich. Keine Seltenheit waren Worte wie "Halt's Maul", wenn jemand nach Ansicht einer Pflegerin nicht schnell genug gegessen hatte."

Einmal habe sie erlebt, wie eine genervte Pflegerin einem älteren Heimbewohner aus Verärgerung brutal auf den Rücken schlug. "Man hat einfach gemerkt: Die Pfleger standen ständig unter Zeitdruck. Das war ein ganz großes Problem", berichtete die 27-Jährige, die inzwischen in einem Altersheim in Wallerstein (Landkreis Donau-Ries) arbeitet. Am meisten aber bedrückte sie, dass wiederholt leidenden älteren Menschen ärztliche Hilfe versagt wurde. "In einem Fall hatte ein bettlägeriger Heimbewohner unter akuter Atemnot gelitten. Das war allgemein bekannt. Aber es hat ganz lang gedauert, bis die Stationsleitung einen Arzt holte", berichtet Flähmig.

Schwerer wiegen hingegen die Vorwürfe einer Kollegin. So habe sich in einem anderen Fall eine Heimbewohnerin beim Essen verschluckt und keine Luft mehr bekommen. Dennoch habe die Stationsleiterin einer Pflegerin untersagt, einen Arzt zu holen. Erst als die Vorgesetzte nicht mehr zugegen gewesen sei, habe die Pflegerin einen Notarzt gerufen. Die ältere Frau sei später gestorben.

Die Diakonie Bayern hält es sich derweil mit Einschätzungen zu den bis zu acht Jahre zurückliegenden Fällen zurück. "Wir warten erst die Berichte vom Medizinischen Dienst und der Heimaufsicht ab", erläuterte Diakonie-Sprecher Daniel Wagner am Dienstag. Viel hänge auch von der Bewertung der Staatsanwaltschaft Ansbach ab. Generell aber räumt Wagner ein: "Dass in den Heimen manchmal unter Zeitdruck gearbeitet wird, ist leider Realität." Auch gebe es auf manchen Stationen zu wenig Pfleger. "Dafür ist aber der Pflegedienstschlüssel - das Verhältnis von Pflegern zu betreuten älteren Menschen - verantwortlich. Und der wird zwischen den Pflegekassen und den Trägern ausgehandelt wird. Generell kann man sagen: Es gibt zu wenig Geld im System."

Dennoch gehe das Diakonische Werk davon aus, dass es in den rund 350 Alten- und Pflegeheimen der Diakonie im Freistaat ein funktionierendes Beschwerde- und Qualitätsmanagement gibt, betont Wagner. Das schließe aber nicht aus, dass einzelne Mitarbeiter in bestimmten Situationen überfordert seien. "Wenn man die Belastungen der Mitarbeiter kennt, dann weiß man: Das ist ein sehr anspruchsvoller Job", unterstreicht Wagner. In solchen Fällen sei eine Fortbildung der Mitarbeiter notwendig. Auch im Stephanus-Heim in Dinkelsbühl werden die Vorwürfe, auch wenn sie sich nur teilweise bewahrheiten sollten, wohl nicht ohne Folgen bleiben. Diakonie-Präsident Markert scheint dabei auch vor personellen Konsequenzen nicht zurückzuschrecken.

Von Klaus Tscharnke

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