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Auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte

Das schwierige KZ-Mahnmal

Kaufering – Ein Streit um Opferzahlen überschattet eine neue KZ-Gedenkstätte am Bahnhof Kaufering (Kreis Landsberg). Ehemalige KZ-Häftlinge sind entsetzt darüber, wie sich die Dachauer KZ-Gedenkstätte positioniert.

Als Peter Gardosch am 18. Juni 1944 nach Kaufering (Kreis Landsberg) kam, war er 13 Jahre alt. Die Schrecken von „Kaufering III“, einem Außenlager des KZ Dachau, überlebte er nur mit viel Glück und auch deshalb, weil er sich älter machte, als er wirklich war. Lange hat der gebürtige Siebenbürger über seine Vergangenheit geschwiegen. Aber mit einem geharnischten Brief hat sich der ehemalige Unternehmensberater in Brandenburg jetzt in die Kontroverse über die neue KZ-Gedenkstätte Kaufering eingeschaltet. Gardosch wirft der neuen Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, einen „verletzenden Stil“ vor. Er fühle sich „zutiefst beleidigt“. Gardosch spricht von „makabrer Totenzahlenakrobatik“ und „schierer Missgunst“, von der sich die KZ-Gedenkstätte leiten lasse.

Der Stein des Anstoßes fällt jedem auf, der am Bahnhof Kaufering Station macht. Der ehemalige Israel-Korrespondent der ARD, Friedrich Schreiber (77) aus Gräfelfing, hatte aus eigenen Mitteln am Bahnhofsvorplatz ein Todesmarsch-Mahnmal finanziert – mit einer Inschrift, in der von „etwa 20 000“ getöteten Häftlingen in den insgesamt elf Lagern bei Landsberg und Kaufering die Rede ist. Außerdem hat Schreiber zusammen mit dem Kauferinger Bürgermeister Klaus Bühler einen Güterwaggon des Typs „G 10“ am Bahnhof aufstellen lassen – mit solchen Waggons wurden die Häftlinge transportiert.

Die Initiative stieß in der KZ-Gedenkstätte Dachau auf wenig Gegenliebe. Die Gedenkstätte hatte unter ihrer früheren Leiterin Barbara Distel die Dimension der Kauferinger Lager lange unterschätzt und kaum etwas unternommen, um erhaltene Lagerreste zu sichern. Stattdessen verbiss sie sich in einen jahrelangen fruchtlosen Kleinkrieg mit der „Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert“, der ein Teil des ehemaligen Lagergeländes von „Kaufering VII“ bei Hurlach gehört – das Grundstück sollte auf Betreiben von Distel zwischenzeitlich sogar enteignet werden. Distels Nachfolgerin Gabriele Hammermann hat sich die Außenlager des KZ Dachau zum Arbeitsschwerpunkt gesetzt, sich dabei aber ungut eingeführt. In einem Brief an Bürgermeister Bühler vom 6. April – erst drei Wochen vor der Einweihung – kritisiert sie die von Schreiber genannte Todeszahl als „wissenschaftlich nicht belegt“. Die Aufstellung des Güterwaggons an einer Rampe stelle eine „problematische Scheinauthentizität“ her, es erinnere sie zu sehr an Auschwitz. Das Konzept insgesamt nennt Hammermann „ahistorisch“. Nicht minder ablehnend urteilte die Landsberger Historikerin Edith Raim, die Anfang der 90er Jahre die (in Teilen aber überholte) erste wissenschaftliche Arbeit über den Lagerkomplex Landsberg/Kaufering vorgelegt hat. Sie spricht von einem „falschen Mahnmal am falschen Ort“ und nennt die von Schreiber angenommene Todeszahl von 20 000 Personen „völlig abwegig“.

Bühler reagiert auf die Kritik empfindlich. In einer Podiumsdiskussion Mitte Mai nannte er Hammermann und Raim „arrogant, besserwisserisch und überheblich“.

Kein Einzelfall: Auch Zwi Katz, ein heute in Israel lebenden ehemaliger KZ-Häftling, ist von der Debatte entsetzt. Er hat, wie er unserer Zeitung sagte, Nächte geopfert, um schließlich einen langen Brief zur Debatte zu schreiben. Die Kauferinger Initiative hält er für „ein gesegnetes Werk“, und er ist bestürzt über den „Schwall von unfairer Kritik“, der sich über Schreiber ergieße. Kaufering sei doch „ein kaltes Krematorium“ gewesen, sagt Katz, wo die Häftlinge „durch zwölfstündige Betonarbeit“ und „äußerste Unterernährung in einen schrecklichen Hungertod“ getrieben worden seien. Die von Hammermann und Raim genannte Todeszahl von 14 500 Personen hält er für eine „fast aus den Fingern gesaugte Zahl“. Schreiber hingegen zieht von der Zahl der Häftlinge (rund 30 000) die 10 000 Frauen und Männer ab, die Ende April 1945 noch in den Lagern waren. „Das ergibt 20 000.“ Er hat nachgeforscht, von wann die Annahme von 14 500 Toten eigentlich stammt. Heraus kam: aus dem Jahr 1949, als eine vom Landrat eingesetzte Kommission kursierenden Todeszahlen zwischen 6000 und 60 000 entgegentreten wollte. Allerdings war die schließlich veröffentlichte Zahl 14 500 ein Kompromiss verschiedener Schätzungen, sie basierte nicht auf einer eigenen Zählung. Dennoch kursiert die Zahl seit 60 Jahren in der Literatur. „Von promovierten Historikern hätte man mehr erwartet“, kommentiert dies Ex-Häftling Zwi Katz.

Dirk Walter

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