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Ungewisse Aussichten: Der Flughafen München in der Abenddämmerung.

3. Startbahn

Mammutverfahren vor dem Ende

Freising - 60 000 Einwendungen, 600 Redner, 50 Anhörungstage - das Planfeststellungsverfahren zum Bau der 3. Startbahn am Flughafen München ist gigantisch. Jetzt naht das Ende. Einige Betroffene haben schon konkrete Absiedlungsgedanken.

Er hielt die Eröffnungsrede, er will auch das Schlusswort sprechen: Hartmut Binner, Sprecher des Aktionsbündnisses Aufgemuckt, ist eine Symbolfigur des Widerstands gegen das Großprojekt am Erdinger Moos. Seit Beginn der Anhörungen zum Planfeststellungsverfahren im Ballhaus-Forum Unterschleißheim Mitte November ist Binner fast täglich vor Ort. Lärm, Umwelt, Grundwasser, die aus Sicht der Startbahn-Gegner wackligen Prognosen zum zukünftigen Flugaufkommen - all das ist von insgesamt knapp 600 Rednern vorgebracht worden.

30 Erörterungstermine für die rund 60 000 privaten Einwender gab es, zuvor 18 Erörterungstage, an denen Kommunen und Verbände ihre Bedenken vortrugen. Am Montag, Dienstag und Donnerstag finden die letzten Termine mit noch einmal über 70 Einwendern statt. Dann ist Schluss, die Rednerliste ist bereits geschlossen.

Die Flughafen München GmbH (FMG) spricht davon, dass die Erörterung "trotz aller Emotionen in einer "sachlichen Atmosphäre" stattgefunden habe. Auch Binner sagt: "Es war ermüdend, aber fair." Er lobt die Einsatzbereitschaft der in 61 Bürgeriniativen versammelten Startbahn-Gegner. "Von der Hausfrau bis zum Professor haben Redner aus allen Bevölkerungsschichten mitgemacht", sagt er. "Ich bin stolz auf diese Menschen."

Freilich: Die Erfolgsaussichten des geballt vorgetragenen Protests sind ungewiss. Die Regierung von Oberbayern will keine Prognose abgeben, wann denn nach Abschluss der Anhörung mit einem Planfeststellungsbeschluss zu rechnen ist. "Nicht vor Jahresende", sagt Binner dazu. Er kann viele kleine zwischenmenschliche Geschichten von den Anhörungen erzählen. Zum Beispiel, dass ihm der Chefjurist der Flughafen München GmbH, Volker Gronefeld, durchaus Respekt abgenötigt habe. "Der sprach immer dann, wenn’s hart auf hart kam, der kann jeden niederreden." Oder vom Auftritt der Kirchenvertreter. Der evangelische Dekan Jochen Hauer habe "hervorragend gesprochen und sich auch als Kirchenmann weit aus dem Fenster gelehnt". Allerdings merkt Binner kritisch an, "dass wir uns von der katholischen Kirche mit Ausnahme des Stadtpfarrer Michael Schlosser wenig vertreten fühlen". Aber Enttäuschung, Frustration gar, will Binner nicht an sich heran kommen lassen. "Ich bin Optimist."

Die Stimmungslage bei Franz Spitzenberger, Sprecher der Bürgerinitiative im Freisinger Ortsteil Attaching, klingt da schon eine Spur resignativer. Nach Abschluss der Anhörung am Donnerstag werden sich rund zehn Attachinger noch einmal zu einer Art "Sonder-Anhörung" in Unterschleißheim einfinden. Einerseits sind sie terminbedingt noch nicht zum Zug gekommen, andererseits aber wird es auch um potenzielle Übernahme-Ansprüche gehen. "Wir müssen zweigleisig fahren, unseren Widerstand dokumentieren, aber auch für unseren Ort kämpfen." Attaching wäre bei einer 3. Startbahn lärmtechnisch betrachtet zweigeteilt. Die kritische Marke von 70 Dezibel, ab der die "Absiedlung" einzelner Häuser möglich ist, wird nur in einem Teil des Dorfes erreicht. "Der Lärmkeil geht mitten durch den Ort", sagt Spitzenberger. Es könne aber nicht sein, dass von Attaching nur "ein Torso" übrig bleibe. In Verhandlungen soll erreicht werden, dass Luftamt und FMG auch bei unter 70 Dezibel einen Übernahme-Anspruch zugestehen. Etwa 250 bis 300 Leute würden wohl gesammelt umsiedeln, sagt Spitzenberger. Eine Idee, wo sie sich ansiedeln könnten, kursiert unter den Attachingern auch schon: Ein aufgelassenes Bundeswehr-Areal ("ehemaliges Radar-Gelände") nördlich von Freising wäre frei.

Noch ist es nicht soweit: Binner wartet mit Spannung auf den Planfeststellungsbeschluss. Sollte er pro Startbahn ausgehen, wird es von Anfechtungsklagen vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof wohl nur so hageln.

Dirk Walter

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