Strafzettel für Handwerker - während er Erste Hilfe leistete

Geretsried - Ein Handwerker hat in Geretsried einen Strafzettel bekommen, während er einer Frau nach einem Zusammenbruch Erste Hilfe leistet. Die Stadverwaltung zeigt sich unnachgiebig - der 42-Jährige ist empört.

Der Amtsschimmel kann mitunter kaltschnäuzig wiehern: Ein Handwerker bekam ein Strafmandat, während er gerade Erste Hilfe leistete. Die Stadt Wolfratshausen recherchierte akribisch – und besteht auf der Bezahlung des Strafzettels. Stephan Schiltenwolf ist ein ruhiger, gelassener Mann. Doch wenn er an die Begegnung mit einer Kommunalen Verkehrsüberwacherin denkt, kann er aufbrausend werden. „Da leistet man seine Bürgerpflicht und wird dafür bestraft“, empört sich der 42-jährige Stahlbautechniker.

Es ist der 11. November 2008 um 11.15 Uhr, als Stephan Schiltenwolf seinen Wagen an der Ecke Egerlandstraße/Fasanenweg vor einem Optiker-Geschäft in Geretsried (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) abstellt. Der 42-Jährige arbeitet in einem Schlossereibetrieb und ist spät dran für die Baustellenbesprechung mit Bauherr und Bauleiter. „Ich wollte derweil schauen, ob ein Parkplatz frei wird“, sagt Schiltenwolf. Plötzlich sehen die Männer, dass vor der gegenüberliegenden Bank eine Frau zusammenbricht. „Wir sind sofort hin, um Hilfe zu leisten.“ Die Frau sei sehr blass gewesen, schmerzverzerrt ihr Gesicht. Schiltenwolf alarmiert den Rettungsdienst. Verdacht auf Wirbelbruch, heißt es später von den Sanitätern.

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Inzwischen hat zehn Meter entfernt eine Frau von der Kommunalen Verkehrsüberwachung längst ihren Block gezückt und begonnen, ein Strafmandat mit der Verwarnnummer 20046807 für Schiltenwolfs verbotswidrig geparktes Auto auszufüllen. „Mir ist die Luft weggeblieben, als ich das sah“, erinnert sich der 42-Jährige. Er fragt sie, ob sie nicht von dem Strafzettel absehen könne. „Das müssen Sie mit der Stadt klären“, soll die Frau entgegnet haben. Schiltenwolf versucht es zu klären, doch die Verwaltung der Loisachstadt, die auch die kommunale Verkehrsüberwachung für Geretsried abwickelt, bleibt hart. Zähneknirschend zahlt der Handwerker 15 Euro Verwarngeld, eine Entschuldigung seitens der Stadt hält er dennoch bis heute für angebracht.

Doch die steht trotz mehrmaliger Telefonate mit dem Ordnungsamt noch immer aus. Das liegt daran, dass sich das Amt im Recht glaubt, da „die Ordnungswidrigkeit vorher begangen wurde“, wie Abteilungsleiter Martin Melf sagt. Um 11.23 Uhr sei der Strafzettel ausgestellt worden, „da ist noch keine Frau am Boden gelegen“, das hätten die Verkehrsüberwacherin und eine Zeugin bestätigt. Schiltenwolf beharrt darauf, dass er zu dieser Zeit bei der gestürzten Frau war. Minutiös haben die Stadtbeamten den Fall geprüft.

Nach Informationen unserer Zeitung liegen dem Amt genaue Daten des Rettungsdiensteinsatzes vor. Melf spricht von „Ermittlungen“, die angestellt worden seien, durch welche „der Tatverdacht nicht ausgeräumt werden konnte“. Um 11.28 Uhr wurde der Notruf abgesetzt, um 11.34 Uhr trafen die Sanitäter ein, wie der Leiter der Rettungsleitstelle Weilheim, Helmut Ochs, mitteilt. Mit „Fingerspitzengefühl“, so behauptet Melf, sei recherchiert worden. Es gelte, alle gleich zu behandeln und Willkür zu vermeiden. Für Schiltenwolf klingt das jedoch arg pedantisch. „Für mich ist das unverschämt und taktlos.“

Von Stefan Mühleisen

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