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Paul L. wie ihn seine Familie, die Freunde und die Nachbarn in Gündlkofen kannten: braungebrannt und gutgelaunt

Sein Schicksal, sein Leben

Das ist der Tote aus dem Baum

"Die Ungewissheit“, sagt Klaus Kiefl, „die ist jetzt weg. Endlich.“ Diese Ungewissheit, die den heute 39 Jahre alten Sattler aus Ergoldsbach fast 30 Jahre begleitete, hat sich am Mittwoch aufgelöst.

An jenem Tag hatte er in der Zeitung von einem Toten gelesen, der in einem Wald bei Gündlkofen gefunden worden war. Das Skelett war in elf Metern Höhe an eine Fichte gefesselt gewesen, die Hose mit Moos überzogen, neben dem menschlichen Körper hing an einem Kabel eine verrostete Pistole.

„Mir war sofort klar – das kann nur mein Opa Paul sein, der Vater meiner Mutter“, sagt Klaus Kiefl. Es war im Juli 1980, als der Enkel seinen Großvater das letzte Mal sah. „Ich weiß noch, es war ein heißer Sommertag.“ Von jenem Tag an hatte der damals 10-jährige Bub keinen Opa Paul mehr – erst gut drei Jahrzehnte später sollte Klaus Kiefl erfahren, wie und wo sich sein Großvater das Leben nahm. Dass Paul L. (damals 69) sein Leben beendet hatte, war seiner Familie all die Jahre klar gewesen. Er hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen mit den Worten: „Sucht nicht, ihr werdet mich nie finden.“

Die Polizei suchte trotzdem. Die Zeitung druckte das Foto, tagelang streiften Polizisten und Dorfbewohner durch die Wälder rund um Gündlkofen bei Landshut, kreiste ein Hubschrauber in der Luft. Allein – sie fanden Paul L. nicht. Und irgendwann stellte die Kripo die Suche ein, der Rentner war wie vom Erdboden verschluckt. Und die Familie von Paul L. musste sich damit abfinden. „Manchmal, wenn wir durch den Wald gegangen sind, haben wir uns gesagt ‚Jetzt schau‘n wir mal nach dem Opa‘“, erinnert sich sein Enkel – entdeckt haben sie ihn nie.

Erst am Samstag vor einer Woche lüftete sich das Rätsel um Paul L. Am frühen Nachmittag führen Annika (13), ihr Bruder Sebastian (20) und dessen Freundin Steffi aus Gündlkofen den Nachbarshund Gina im Wald Gassi. An einem Forstweg, vier Meter entfernt, endeckt die 13-Jährige Knochen an den Wurzeln einer Fichte. „Die sahen komisch aus, hatten so Metall- und Kunstoffteile drin.“ Die drei Jugendlichen rätseln – von einem Tier oder Menschen? Sebastian fotografiert mit Steffis Handy den Fund. Dann gehen die Drei nach Hause.

Steffi lassen die Knochen keine Ruhe. Am Montag, in ihrer Mittagspause, geht die angehende Industriekauffrau zu einer Tierärztin in Landshut – und zeigt ihr die Fotos. „Sie war unschlüssig, ob es Knochen von einem Tier sind, vielleicht von einem Hund, die haben ja auch manchmal künstliche Hüftgelenke.“ Steffi will es genau wissen, sie geht weiter zu einem Orthopäden. „Der war sich dann ziemlich sicher, dass es menschliche Knochen sind.“ Am Nachmittag schicken Steffi und Sebastian die Handyfotos per E-Mail zur Kriminalpolizei Landshut. Gegen 18 Uhr ruft ein Beamter zurück – und will den Ort sehen, wo sie die Knochen gefunden haben. „Als wir an der Fichte waren, war es schon dämmrig“, erzählt Sebastian. Mit einer Taschenlampe leuchten die Polizisten die Bäumstämme ab – und entdecken an jener Fichte, an dessen Wurzeln die Knochen lagen, einen menschlichen Körper in mehreren Metern Höhe.

Sie fanden die Knochen in einem Wald nahe Gündlkofen bei Landshut: Sebastian (20), Annika (13) und Steffi (20) vor der Fichte, an der das Skelett hing

Am nächsten Tag kommen Männer vom THW Landshut und bauen ein Gerüst auf. Dann befreien Polizisten das Skelett aus seinen Fesseln. Sie bringen die Überreste zur Gerichtsmedizin nach München – und wälzen die Vermisstenakten. Sie stoßen auf Paul L. Als seine Tochter dann bestätigt, dass ihr Vater eine künstliche Hüfte hatte, wird aus der Vermutung langsam Sicherheit.

Den genauen Grund, weshalb Paul L. nicht mehr leben wollte, weiß sein Enkel Klaus Kiefl nicht. „Ihm sollte damals auch seine zweite Niere entfernt werden. Vielleicht wollte er so nicht weitermachen, wollte sich keiner anstrengenden Dialyse unterziehen.“ In Erinnerung bleiben dem Enkel die Spieleabende mit seinem Opa. „Er hat immer mit mir Halma gespielt, weil man da nicht würfeln musste. Er hasste Glücksspiele.“

Paul L. war zeitlebens ein bodenständiger Mann, der Bäckermeister betrieb jahrelang in Ergolding eine Bäckerei. Außerdem tüftelte er gerne, meldete die ein oder andere Erfindung sogar zum Patent an. In den 70er-Jahren baute er in Gündlkofen ein Haus für seine Familie. „Er hat jeden Ziegelstein selbst gesetzt“, sagt sein Enkel. Eine große Leidenschaft seines Opas waren Reisen. „Am liebsten fuhr er nach Spanien.“ Seine letzte Reise führte Paul L. in den Wald. Sie dauerte fast drei Jahrzehnte lang.

Jacob Mell

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