So leiden die armen, kranken Kälber: Aus den Augen sickern blutige Tränen

Maria hilf!

Unsere Kälber schwitzen Blut

Bayerns Bauern sind besorgt über neue Krankheit: am Samstag pilgern über 600 Bauern nach Altöttingen.

Heilige Maria von Altötting, bitte hilf unseren Kälbern … Über 600 Bauern werden am Samstag so zur berühmten Schwarzen Madonna beten. Aus allen Teilen Bayerns kommen sie zur ersten großen Bauernwallfahrt.

Von ihr erhoffen sich Bayerns Bauern Hilfe: die Schwarze Madonna von Altötting

Denn ihre Sorgen sind groß: Seit Jahren werden ihre Bauernhöfe von immer neuen Seuchen und Krankheiten heimgesucht. Und nach BSE und Vogelgrippe bedroht nun eine neue Krankheit die Tiere: Kälber schwitzen Blut! Von einem Tag auf den anderen sickert es aus ihrer Haut. In kürzester Zeit sind sie tot.
Andreas Remmelberger aus Burgkirchen (Kreis Altötting) hat die Wallfahrt mitorganisiert. Er sagt: „Wir Bauern wissen uns einfach nicht mehr zu helfen. Von weltlicher Seite ist keine Hilfe zu erwarten, deswegen bitten wir bei Maria um Schutz und Hilfe.“

Tatsächlich steht die Tiermedizin vor einem Rätsel. 110 Blutschwitzer-Kälber allein in Bayern vermeldet das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, bundesweit ist von 150 Fällen die Rede. Die Dunkelziffer aber ist viel höher, weil viele Landwirte die Krankheit noch gar nicht kennen, geschweige denn melden.
Sepp Kirmeier aus Wurmsham (Kreis Landshut) ist einer der betroffenen Bauern. Fünf Kälber sind ihm wegen der Blutschwitzer-Krankheit seit vergangenen Sommer schon verendet. Der erste Fall war ein Schock für ihn: „Das Kalb hat zuerst nichts mehr getrunken. Da denkt man ja erst mal noch nichts, das gibt’s öfter. Aber dann ist das Blut rausgekommen. Das hat’s richtig durch die Haut durchgedrückt. Es ist durch die Augen gekommen, durch die Nase. Bis der Tierarzt da war, war es schon tot.“ Der Landwirt, der 42 Kühe hat und etwa 50 bis 60 Kälber im Jahr, ist völlig ratlos. „Wir haben bis dahin ja noch nie was gehört von der Krankheit. Durchfall, Fieber – das kann man alles bekämpfen. Aber da ist man machtlos.“

Tierarzt Dr. Romulus Lutsch aus Neumarkt St. Veit ist Kirmeiers Tierarzt, er hatte schon 17 solcher Fälle. „Ich komme in den Stall und sehe: Das Tier ist nicht mehr zu retten. Die Bauern wollen es immer nicht glauben, sie denken, das Tier ist doch sicher nur von einem Insekt gestochen worden oder so. Aber ich muss sagen: Nein! Es stirbt.“
Das Schlimmste für den Tierarzt: „Man weiß einfach noch nichts über die Ursache. Der Landwirt ist nicht schuld, es liegt nicht an der Milch, nicht an der Stallluft. Es sind keine Bakterien und ist auch nicht vererbt. Viele Bauern sagen: Das ist ja wie in Afrika beim Ebola-Virus! Aber es ist auch kein Virus.“ Das einzige, was ein betroffener Bauer noch tun könne, sei, das Tier sofort in die Tierklinik zu schicken, mit Blut von der Mutter für Transfusionen. Schnellstens sollte nun mehr Geld in die Forschung investiert werden, um die Ursachen für das Blutschwitzen zu finden.

Viele aber vertrauen nicht mehr darauf. Wie Andreas Remmelberger: „Wir hoffen jetzt auf Hilfe von oben.“ Von der Jungfrau Maria. Überhaupt wollen sich die Bauern wieder auf ihre alten Weisheiten besinnen. Bis vor 25 Jahren etwa gab es in Bayern noch den Brauch, dass Kapuzinermönche im Frühling von Hof zu Hof zogen und den Bauern geweihte Kräuter für ihr Vieh gaben – als Schutz vor Seuchen und Krankheiten. „Das ist leider ausgestorben.“

Bei der Bauernwallfahrt werden die Pilger wieder von Kapuzinern begleitet – den geistigen Brüdern von Franziskus, dem Schutzheiligen der Tiere. Sein Beistand und die Güte der Gnadenmutter soll den Bauern helfen. Damit ihre Kälber keine roten Tränen mehr weinen.

Arzt: Wir kennen die Ursache noch nicht

Wie erklären Experten die neue Krankheit der Blut schwitzenden Kälber? Prof. Dr. Wolfgang Klee von der Klinik für Wiederkäuer mit Ambulanz und Bestandsbetreuung in Oberschleißheim, in der die kranken Tiere untersucht werden, hat der tz die wichtigsten Fragen zu den Kälbern mit Bluterneigung (Fachbegriff: „hämorrhagische Diathese“) beantwortet:

Herr Professor Klee, wann gab es in Bayern die ersten Fälle dieser Krankheit?
Prof. Klee: Die ersten Fälle, von denen wir Kenntnis erlangt haben, sind Anfang 2007 aufgetreten.

Wie viele wurden bisher bei Ihnen registriert?
Prof. Klee: In unsere Klinik sind bisher 25 betroffene Kälber lebend eingeliefert worden. Von knapp 100 Fällen, die unsere Definitionskriterien erfüllen, aus circa 65 Betrieben haben wir Kenntnis.

Was sind genau die Symptome?
Prof. Klee: Die Kälber bluten aus Wunden, aber auch aus der unverletzt erscheinenden Haut, in Schleimhäuten und im Magen-Darm-Kanal. Die meisten haben dazu auch hohes Fieber.

In welchem Alter sind die Kälber betroffen, und wie schnell müssen sie sterben?
Prof. Klee: Die Kälber sind meist zwischen 7 und 21, bzw. bis zu 28 Tage alt, wenn die Blutungen auftreten. Der Tod tritt meist innerhalb weniger Tage nach Auftreten der Blutungen ein.

Gibt es wirklich noch keine Ansätze, um die Ursachen der Krankheit eingrenzen zu können?
Prof. Klee: Unmittelbare Ursache der Blutung ist eine schwere Knochenmarksschädigung, deren Ursache wir aber noch nicht kennen.

Können die Tierärzte die blutenden Kälber überhaupt noch heilen?
Prof. Klee: Fünf der in unsere Klinik eingelieferten Kälber konnten nach intensiver Behandlung nach längerer Zeit entlassen werden.

Müssen wir uns jetzt Sorgen machen, wenn wir Kalbfleisch essen?
Prof. Klee: Ich denke nicht, dass es wegen dieser Kälberkrankheit Grund zur Besorgnis hinsichtlich der menschlichen Gesundheit gibt.

Andrea Stinglwagner

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