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BBV-Präsident Gerd Sonnleitner für manche Bauern zur Hassfigur geworden.

"Zustand des Hasses": Bauernpräsident Sonnleitner in Not

München - Bauernpräsident Gerd Sonnleitner ist wütend - und erschrocken. Der rasante Absturz der Milchpreise hat den Niederbayern in die schwerste Krise seiner zwölfjährigen Amtszeit gestürzt.

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Sonnleitner will kein Sündenbock sein

In seiner bayerischen Heimat ist Sonnleitner für manche Bauern zur Hassfigur geworden. “Verräter“, schmähten ihn unbekannte Täter mit Sprühparolen auf der Straße in seinem Heimatort Ruhstorf bei Passau. Am Freitag brechen sich Zorn, Frust und Angst des Bauernpräsidenten bei einer Pressekonferenz in München Bahn . “Man baut ein Feindbild auf“, klagt er. Den Medien wirft der erregte Sonnleitner den “Versuch des Rufmords“ vor. “Das ist ein Zustand, der nicht mehr erträglich ist, der unserer Demokratie schadet, der zu einem Zustand der Verhärtung, der Verbitterung und des Hasses führt.“

Die Stimmung unter den Milchbauern ist extrem aufgeheizt. In den vergangenen Monaten sind die ohnehin schon niedrigen Erzeugerpreise für Milch um ein Drittel gesunken. Je nach Region erhalten die Landwirte nur noch zwischen 20 und 30 Cent pro Liter. Wenn die Preise nicht bald steigen, droht vielen Milchbauern das Ende. Die Lage auf den Höfen sei “katastrophal“, sagt der 60 Jahre alte Sonnleitner. Sein Problem: Viele Bauern machen ihn mitverantwortlich für die Katastrophe.

Hauptursache der Misere auf dem Milchmarkt ist nach Ansicht vieler Landwirte die europaweite schrittweise Aufhebung der Produktionsbeschränkungen für Milch. 2015 soll die Milchquote endgültig fallen. Der von Sonnleitner geleitete Deutsche Bauernverband unterstützt das - auch wenn Sonnleitner in seiner gleichzeitigen Eigenschaft als bayerischer Bauernpräsident 2007 Widerspruch anmeldete. Doch als gesamtdeutscher Bauernpräsident steht er für das Ende der Quote.

Er solle zum Sündenbock gemacht werden, sagt Sonnleitner. “Ich habe immer im Interesse der Bauern für das Leben der Quote gekämpft.“ Er schiebt der Politik die Verantwortung zu. Im vergangenen Herbst wurde die Erhöhung der Milchquote in Brüssel beschlossen: “Bayern hat zugestimmt, die Frau Aigner hat zugestimmt, die Bundesregierung hat zugestimmt.“

Bei der Milchkrise geht es um weit mehr als nur um Milch - sie ist gleichzeitig eine Krise des Bauernverbands und ein Gefahrenherd für die Union, zu deren verlässlichsten Verbündeten über Jahrzehnte die Bauern zählten. Monatelang hielt sich der Bauernverband mit öffentlichen Protesten gegen den Verfall der Milchpreise zurück, während der konkurrierende Bund Deutscher Milchviehhalter ( BDM ) Milchstreik und Bauernproteste mobilisierte.

In Bayern pflegten über 90 Prozent der Bauern CSU zu wählen - doch beim christsozialen Wahldebakel 2008 waren es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Inzwischen hat die Milchkrise auch die viel größeren Milchbetriebe in Nord- und Ostdeutschland erfasst. “Ob groß, ob klein, ob Ost, ob West“ - alle seien gefährdet, sagt Sonnleitner.

Nun will auch Sonnleitner kommende Woche zwei Großdemos in Berlin und Frankfurt organisieren. Bei einer Sternfahrt sollen mehrere hundert Traktoren in Berlin einrollen. In Frankfurt sollen die Bauern im Bankenviertel gegen Exzesse des internationalen Finanzmarkts demonstrieren. Der Bauernpräsident hofft nun auf Rettung aus Berlin . Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) hat angekündigt, sich für eine Senkung der Agrardiesel-Steuern und andere Hilfsmaßnahmen einzusetzen. Wenn das klappt, könnte das für Sonnleitner eine Erleichterung bedeuten. “Wir stärken mit unserer Schlepper-Demo der Kanzlerin den Rücken“, sagt er.

Von Carsten Hoefer, dpa

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