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Schickes Modell: Nils Hitze (l.) lässt sich von Tobias Meier die neue Challenger von Trix erklären. Sie kostet knapp 700 Euro.

Fährt der Zug in Richtung Social Media?

Modellbahn, Briefmarke & Co: Deutsche Hobbys in der Alterskrise

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Wo früher die neue Märklin durchs Zimmer fuhr, stehen heute Computer und Spielekonsolen. Die einst typisch deutschen Hobbys wie Modellbahn und Briefmarkensammeln stecken in der Alterskrise, sind nicht mehr angesagt. Das belegen die Zahlen. Doch es gibt noch junge Sammler.

Dachau – Nils Hitze ist unzufrieden. Der 35-Jährige steht auf der Modellbahnbörse in Dachau zwischen Modellbahnen von der Dampflok bis zur Münchner S-Bahn, Modelle von Märklin, Trix oder Roco. 20 Stände gibt es in der Halle des Allgemeinen Sportvereins Dachau, für Hitze ist das Richtige nicht dabei. „Das passt alles nicht“, sagt er. Er sucht nicht nach der neuesten Bahn, sondern nach künstlichem Gras für seine Tabletop-Module. Damit will der Webentwickler selbst modellierte Geländestücke für strategische Rollenspiele bekleben.

Nils Hitze fällt auf in der Halle: Blaues T-Shirt, kurze Hose, Flip-Flops und ein Strohhut. Um ihn herum: Eine Handvoll Kinder und Jugendliche und vor allem Männer um die 60. „Das ist normal und entspricht etwa dem Altersschnitt, den die Firma Märklin veröffentlicht hat“, erklärt Franz Gruber, 58, Veranstalter der Modellbahnbörse und selbst begeisterter Modellbahner. Sein Hobby steckt, wie viele andere einst typisch deutsche Hobbys, in der Alterskrise. Es gibt immer weniger, die sich dafür interessieren. „Wenn ein Sammler stirbt, wird die Anlage oft verkauft. Es kommen schon auch junge Leute nach“, sagt Gruber. In seiner Familie ist er aber der einzige Modellbahner, die Kinder konnte er nicht begeistern. Er hofft auf seine Enkel, im August wird er zum ersten Mal Opa.

Andreas und Marion Drexler nehmen ihre Briefmarken unter die Lupe.

Doch woran liegt es, dass das einst so beliebte Hobby immer älter wird? Franz Gruber sieht den Hauptgrund im breiteren Freizeitangebot. „Heute geht man lieber in die Kletterhalle, da geraten klassische Hobbys ins Hintertreffen.“ Dazu kommt: Die Modellbahn braucht Platz. Viel Platz. Das war auch der Grund, warum Nils Hitze als Jugendlicher aufgehört hat. Seitdem schlummert die Leidenschaft. Vor acht Jahren zog er mit seiner Frau und den Kindern, mittlerweile sind es sieben, in ein Haus in Dachau. Der Platz war wieder da. Er begann, seine eigenen Spielfelder zu modellieren, die Kinder sind mit dabei. Seit vergangenem Jahr spielt Hitze mit dem Gedanken, eine neue Landschaft mitsamt Modelleisenbahn zu bauen.

Fast 700 Euro füreine Modellbahn

Deshalb bleibt sein Blick immer wieder auf den verschiedenen Modellbahnen hängen. Die Tour über die Börse bringt ihn an den Stand von Tobias Meier, 43, Inhaber eines Spielwarenladens in Gilching. „Was kostet die denn?“, fragt Hitze und zeigt auf die neue „Challenger“, ein Modell einer amerikanischen Dampflok aus den 1930ern. Knapp 700 Euro kostet das Modell in der Spurweite H0, Maßstab 1:87, 42,5 Zentimeter lang. „Puh“, stöhnt Hitze. Das ist eindeutig zu viel. Er hat sich eines der teuersten Stücke an Meiers Stand herausgepickt. „Das muss man erst einmal in seinen Finanzen unterbringen“, sagt er.

Der Preis spielt bei der Entscheidung für oder gegen das Hobby Modellbahn eine große Rolle, da sind sich Gruber, Meier und Hitze einig. Neben dem Zug dürfen auch Waggons, Schienen und Landschaft nicht fehlen. Je nach gewünschtem Modell und Größe kommen da schnell mehrere Hundert Euro zusammen. Das schreckt ab, meint Hitze. Interessant findet er die Züge trotzdem. Am häufigsten wird im Münchner Speckgürtel übrigens die S-Bahn verkauft. Wegen des Alltagsbezugs.

Vergrößert werden die Details der Marke sichtbar

Aus dem Alltag größtenteils verschwunden ist die Briefmarke. Und damit das Hobby Briefmarkensammeln aus der Öffentlichkeit. Gab es in den 1960ern einen regelrechten Run auf die „Aktie des kleinen Mannes“, fragen mittlerweile selbst Sammler in Internetforen: „Hat ernsthaftes Briefmarkensammeln Zukunft?“ Die Meinungen gehen auseinander, einig sind sie sich aber darin: Die Zahlen sinken – der Bund der Deutschen Philatelisten zählt rund 32 500 organisierte Mitglieder, 1989 waren es noch 78 000 – der Altersschnitt steigt. In Bayern ist der gemeine Briefmarkensammler 67 Jahre alt, sagt Ludwig Gambert, 71, Vorsitzender des bayerischen Landesverbands.

Das häufig ältere Männer sammeln, bestätigen Andreas Drexler, 48, und seine Tochter Marion, 11. „Viele Vereine werden zu alt und lösen sich auf“, sagt der Vater. Nicht gerade Werbung für ihr Hobby, doch Vater und Tochter sind, wie auch Sohn Lukas, 14, fasziniert von den kleinen Märkchen. „Der Papa macht manchmal einen Freudentanz, wenn er eine bestimmte Marke findet“, sagt Marion und verdreht die Augen. „Das ist die Bestätigung der Leidenschaft“, sagt Vater Andreas verteidigend.

Im Drei Rosen in Dachau präsentieren Vater und Tochter stolz einen Teil ihrer Sammlung: Briefmarken aus der DDR. Sie gehören zu Andreas’ Sammelgebiet, den deutschen Briefmarken zwischen 1945 und 2000. Über 150 – unvollständige – Alben hat er schon beisammen, belagert Wohnzimmerschränke, Regale und auch einen Teil des Schlafzimmers. „Das ist noch gar nichts. Es gibt Leute mit 2000 Alben“, sagt er. Marion hat selbst schon rund 1500 Briefmarken mit Pferdemotiven in 6 Alben beisammen. Natürlich sind da auch doppelte dabei, sagt sie.

Marion hat rund1500 Briefmarken

Seit vier Jahren sammelt Marion gemeinsam mit ihrem Bruder Lukas Briefmarken. Auf einer Spielwarenmesse in München hat sie das Fieber gepackt. Damit wurde auch die Leidenschaft von Vater Andreas wieder geweckt. „Ich hatte von früher noch etliche Marken“, sagt er. Aufgehört hat er vor über 30 Jahren, ursprünglich, „weil das nicht mehr in war“ – und die Mädels konnte er damit auch nicht beeindrucken.

Franz Gruber in Dachau.

Beeindrucken kann man mit Briefmarken auch heute nur wenige junge Leute, sagt Marion. In ihrem Freundeskreis sammelt niemand. „Was bist du denn für eine?“, sage der Blick, wenn sie in der Schule von ihrem Hobby erzählt. Das Problem: Die Briefmarke ist heute fast vollständig aus dem Alltag verschwunden. E-Mail und WhatsApp haben den Brief schon lange ersetzt. „In Deutsch hatten wir das Thema Brief, da wusste eine nicht mal, was eine Briefmarke ist.“ Ein weiterer Grund: „Die Jugend hat zu viel Freizeitstress. Chinesisch, Musik, dann noch zwei Sportvereine“, sagt Andreas. Da bleibe gar keine Zeit mehr, für ein weiteres Hobby. Marion reitet und tanzt. Auch die Hobbys fressen Zeit. „Das ist aber an festen Terminen zwei, drei Tage in der Woche.“ Mit den Briefmarken beschäftigt sie sich, wenn sie Lust darauf hat.

Auch wenn Briefmarkensammeln seit Jahren out ist, haben Marion und ihr Vater eine Idee, wie sie das Hobby wieder interessanter machen können: Sie wollen das Image aufpolieren und jung und alt zusammen bringen. Denn die Älteren haben es ihrer Meinung nach verpasst, jüngere Sammler auch über das Internet anzusprechen. Das bestätigt der Landesverband-Vorsitzende Ludwig Gambert: „Es wurden viel zu wenige Informationen ins Internet gestellt. Leider verschließen sich einige Vereine noch immer dieser Möglichkeit.“ Die Jüngeren stünden häufig ohne Mitsammler dar, wüssten nicht, dass es Vereine gibt. „Da hält das Hobby nicht lang“, sagt Andreas Drexler. Deshalb organisiert er, als Leiter der Jugendgruppe des Briefmarken-Sammler-Vereins Dachau, eine Ausstellung im Botanischen Garten in München. „Da kommen auch Nicht-Sammler und schauen“, hofft er.

Mit YouTube dieJugend erreichen

Eine ähnliche Strategie hat auch Nils Hitze für die Zukunft des Modellbahnbaus im Sinn. Er schlägt vor, mit der Modellbahn Rollenspiele zu veranstalten – und diese auf YouTube zu streamen. „So erreicht man heute die jungen Leute“, sagt Hitze voller Überzeugung. Sein Vorschlag scheint in die richtige Richtung zu gehen, auf Instagram gibt es unter dem Hashtag Modelleisenbahn über 25 000 Beiträge zu Zügen im Miniaturformat. Auf Social Media gelingt begeisterten Sammlern also bereits, ihr Hobby mit anderen zu teilen, nun muss es wieder außerhalb des Internets gelingen. Dann fährt die Münchner S-Bahn im Miniaturformat künftig vielleicht wieder öfter durchs Wohnzimmer und Briefmarken sind für Jugendliche vielleicht wieder mehr als ein Relikt aus der grauen Vorzeit vor WhatsApp und Co.

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