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Wie gerecht ist Schule? Blick in ein Klassenzimmer.

„Chancenspiegel“ kritisiert Schulsystem

„Modernisierungsrückstände“ an Bayerns Schulen

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München – Eine neue Studie stellt Bayern ein mittelprächtiges Zeugnis bei der Chancengerechtigkeit an Schulen aus. Der „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung beurteilt anhand von Schuldaten aus den Jahren 2002 bis 2014 Faktoren wie Integrationskraft, Durchlässigkeit und Kompetenzförderung. Die Quintessenz:

Dem bayerischen Schulsystem seien „aufgrund deutlicherer Negativabweichungen vom allgemeinen Trend der Länder (...) Modernisierungsrückstände (...) zuzuschreiben“, heißt es in dem 430-seitigen Papier. „Ein öffentliches Schulsystem muss für vergleichbare Chancen sorgen und ein Mindestmaß an Fähigkeiten vermitteln, im Interesse der Jugendlichen und der Gesellschaft“, erklärten die Wissenschaftler Nils Berkemeyer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Wilfried Bos von der TU Dortmund.

Während das bayerische Kultusministerium die Analyse für „in Teilen fraglich“ hält, fordert die SPD mit Verweis auf die Bertelsmann-Studie einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschul-Platz – weil die Ganztagsschule die Chancengerechtigkeit fördere, wie SPD-Bildungsexperte Martin Güll meint.

Die Autoren kritisieren vor allem vier Punkte:

-Integrationskraft: Die Studie bewertet hier insbesondere die Integration behinderter Kinder in die allgemeinen Regelschulen. In Bayern besuchen 26,8 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine reguläre Grund- oder Mittelschule. Der Bundesdurchschnitt ist höher: 34,1 Prozent. Der relativ niedrige Anteil in Bayern ist allerdings gewollt, um die Förderschulen stabil zu halten.

-Ganztagsschulen: In Bayern gehen 15 Prozent der Schüler auf eine Ganztagsschule, bundesweit sind es jedoch 37,3 Prozent. Zum Teil sind es Betreuungsangebote, zum Teil regulärer Unterricht. Negativ angekreidet wird Bayern auch, dass nur knapp die Hälfte (49,2 Prozent) der Schulen als Ganztagsschulen deklariert sind – der deutschlandweite Schnitt liegt bei 59,4 Prozent. Doch ist der Anteil der Ganztagsschulen in Stadtstaaten wie Bremen oder Hamburg, der hier eingerechnet ist, traditionell höher als in Flächenstaaten wie Bayern oder Baden-Württemberg. SPD-Bildungssprecher Güll sagt, selbst die relativ schlechte bayerische Zahl sei noch geschönt: Viele Schulen in Bayern würden schon als Ganztagsschule deklariert, weil sie eine Mensa oder eine Betreuungsgruppe haben.

-Durchlässigkeit: Negativ vermerkt wird die Übertrittsquote zum Gymnasium. Bundesweit gehen 44 Prozent aller Grundschüler nach der 4. Klasse aufs Gymnasium, in Bayern waren es zum Schuljahr 2014/15 nur 39 Prozent. Beim sogenannten Schulartwechselverhältnis landet der Freistaat immerhin im Mittelfeld: Auf einen Schüler, der es von einer niedrigeren in eine höhere Schulart schafft, kommen 4,4 Schüler, die von einer höheren auf eine niedrigere Schulart wechseln. Bundesweit ist das Verhältnis noch schlechter, nämlich 1:6,0. Negativ vermerkt wird die Sitzenbleiber-Quote: Im Schuljahr 2014/15 mussten 4,8 Prozent aller Schüler der Jahrgangsstufen sieben bis neun eine Klasse wiederholen. Der Bundesschnitt lag bei 2,7 Prozent.

-Zertifikatsvergabe: Bei der Vergabe von Hochschulreife-Zeugnissen wird Bayern „fast konsequent der unteren Gruppe zugeordnet“, schreiben die Autoren. 28,2 Prozent der Schüler erwerben die allgemeine Hochschulreife. Das bayerische Kultusministerium bezweifelt diesen Wert. Die Bertelsmann-Studie habe „völlig übersehen“, dass 40 Prozent der Hochschulzugangs-Berechtigungen über Fachober- und Berufsoberschulen erworben werden. Positiv vermerkt die Studie, dass die Zahl der Schulabgänger, die am Ende nicht einmal den Mittelschulabschluss in der Tasche haben, geringer als anderswo sei: 4,5 Prozent – der Schnitt in Deutschland beträgt 5,8 Prozent. Gleichbleibend hoch ist der Anteil ausländischer Schüler ohne Abschluss: 12,6 Prozent (Bundesschnitt 12,9 Prozent). 

Unseren Kommentar zum Thema lesen Sie hier.

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