Bluttat in der WM-Nacht

Mörder verhaftet: Reichenhall atmet auf

Bad Reichenhall – Der mutmaßliche Täter von Bad Reichenhall ist gefasst. Die Bürger der Kurstadt atmen auf und hoffen, dass bald wieder Ruhe einkehrt. Es war das dritte Mal innerhalb von 15 Jahren, dass Bad Reichenhall in eine Schockstarre verfiel.

Es ist die letzten drei Wochen kein Tag vergangen, an dem in Bad Reichenhall nicht über die Nacht des 14. Juli gesprochen wurde. Der Ort ist nach den beiden brutalen Raubüberfällen, bei denen ein 72-Jähriger getötet und eine 17-Jährige mit einem Messer schwer verletzt wurde, in eine Art Schockstarre verfallen. Die Bürger des Kurorts hatten Angst, im Dunkeln auf der Straße zu sein, einige trauten sich abends nicht einmal mehr auf die eigene Terrasse. Zweimal nahm die Polizei einen dringend Tatverdächtigen fest – zweimal hofften die Menschen, dass der Alptraum endlich vorbei sei. Zweimal musste die Polizei die Verdächtigen wieder laufen lassen. „Wir wären alle so froh, wenn der Täter endlich gefasst wäre“, sagt die Reichenhallerin Sandra Rieder. Nun sieht es ganz so aus, als könnten die Menschen der Kurstadt endlich aufatmen.

Auf dieser einsamen Landstraße in Norwegen wurde der 20-jährige Soldat von der Polizei gefasst.

Am Dienstagabend hat die norwegische Polizei einen 20-jährigen Soldaten festgenommen, nach dem seit Montag europaweit gefahndet wurde (wir haben berichtet). Die Ermittler hatten in seinem Spind in der Bundeswehrunterkunft in Bad Reichenhall die Täterbekleidung mit Blutspuren der beiden Opfer gefunden. Außerdem entdeckten sie in dem Schrank eine leere Messerscheide, in die der Messertyp passen würde, mit dem der Täter die 17-Jährige verletzt hatte. Es ist ein Kampfmesser mit 18 Zentimeter langer Klinge, das bei der Bundeswehr verwendet wird. Die Tatwaffe war bereits vor einer Woche im Gebüsch gefunden worden.

Hinweise einiger Kameraden des 20-jährigen Soldaten hatte die Polizei auf seine Spur gebracht. Einige Bundeswehrler hatten „Wahrnehmungen gemacht“, berichtete Hans-Peter Butz, der Leiter der Mordkommission. Der Soldat aus Morbach in Rheinland-Pfalz war nach Informationen der „tz“ in seiner Heimat bereits wegen Eigentumsdelikten, Ladendiebstahl und Körperverletzung polizeibekannt. Er war seit 2013 in Bad Reichenhall stationiert. Kurz nach der Tatnacht wurde er nach Unterfranken abkommandiert. Vier Tage später meldete er sich krank – und war vermutlich seit dem 22. Juli auf der Flucht.

Seine Spur führte nach Norwegen. Dort, in der Nähe von Trondheim, fiel einer Streife am Dienstagabend ein junger Fußgänger auf. Bei der Überprüfung stellte sich heraus, dass es sich um den Gesuchten handelte. Nach Informationen des norwegischen Journalisten Hendrik Sundgård waren fünf Polizeifahrzeuge auf der verlassenen Landstraße unterwegs. Es seien wohl zehn Beamte gewesen, sagte er gegenüber der „tz“. Der 20-Jährige ließ sich widerstandslos festnehmen und befindet sich derzeit noch in norwegischen Polizeigewahrsam. Es steht noch nicht fest, wann er nach Bayern überstellt wird. Gegen ihn besteht Haftbefehl wegen Mordes und Mordversuchs, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese. „Wir stehen vor einem Puzzle, aber wir sind davon überzeugt, dass wir die Person festgenommen haben, die für den Mord verantwortlich ist.“

Die Nachricht verbreitete sich gestern rasend schnell in Bad Reichenhall. Die Bürger sind erleichtert, dass der Täter vermutlich gefasst ist. Und dass er nicht aus ihren Reihen kommt. Oberbürgermeister Herbert Lackner unterbrach sogar seinen Urlaub, um Staatsanwaltschaft und Ermittlern bei einer Pressekonferenz für den Fahndungserfolg zu danken.

Die Nachrichten über Mord und Totschlag haben dem beschaulichen Kurort, der von Urlaubern lebt, schwer zugesetzt. Hoteliers und Kurbetriebe in der 17 000-Einwohner-Kommune bangten um ihr Geschäft. Es war das dritte Mal in 15 Jahren, dass Bad Reichenhall mit Tragödien in den Schlagzeilen war. 2006 kamen bei dem Einsturz der Eissporthalle 15 Menschen ums Leben. 1999 erschoss ein 16-Jähriger vom Balkon seines Elternhauses aus vier Menschen, darunter seine eigene Schwester, ehe er sich selbst eine Kugel in den Mund jagte. Der Amoklauf erregte damals bundesweit Aufsehen – unter anderem, weil bei der Bluttat der Schauspieler Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin Claudia Amm schwer verletzt wurden.

Nach der Festnahme des 20-Jährigen hoffen die Bürger nun, dass sie sich bald wieder sicher fühlen können. Dass endlich wieder Normalität einkehrt. Die Angst hat die Reichenhaller in den vergangenen Wochen eng zusammengeschweißt. Sie haben für die schwer verletzte 17-Jährige eine Spendenaktion gestartet. Mitte August findet ein Benefizkonzert für sie statt. Sandra Rieder hat die Aktionen mitorganisiert. Sie sagt: „Das Mädchen soll wissen, dass wir alle hinter ihr stehen.“

Katrin Woitsch und Paul Winterer

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