Prozess geht weiter

Gutachter uneins: Ist Mollath krank oder querulatorisch?

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Regensburg – Zwei Psychiater, zwei Gutachten, zwei Meinungen. Am Tag zwölf im Mollath-Prozess kommt es erneut zu Emotionen – und einem kleinen Eklat.

Als Klaus Leipziger den Sitzungssaal betritt, fangen einige Zuschauer an zu tuscheln. Denn Leipziger ist nicht irgendwer. Er ist der Chefarzt der Forensik im Bezirkskrankenhaus Bayreuth, einer geschlossenen Psychiatrie für schuldunfähige Straftäter. Vor allem aber ist er der Mann, der Gustl Mollath bei einem Prozess im Jahr 2006 eine wahnhafte psychische Störung diagnostizierte – woraufhin der Richter Mollath einweisen ließ, weil der fortan als „gefährlich“ galt.

Nun also treffen sie wieder aufeinander, diesmal nicht im Landgericht Nürnberg-Fürth, sondern im Regensburger Landgericht. Die Atmosphäre ist – höflich ausgedrückt – frostig. Mollaths Prozess wird wiederholt, Leipziger ist heute aber nicht als psychiatrischer Gutachter da, sondern als Zeuge. Am Ende wird ihm Mollath Fragen stellen.

Vermutlich haben die beiden noch nie so lange miteinander gesprochen wie an diesem Donnerstagvormittag. Denn Leipziger, 63, weiß-graue Haare, weiß-grauer Bart, ernster Blick, hatte einst sein Gutachten erstellt, ohne jemals ein Wort mit Mollath gewechselt zu haben; der weigerte sich, an einer sogenannten Exploration teilzunehmen. Leipziger sagt auch jetzt: „Ich kann mich nicht konkret an ein Gespräch mit Herrn Mollath erinnern.“ In der Krankenakte seien nur Gespräche seiner Mitarbeiter mit dem Patienten dokumentiert.

Leipziger hat es nicht leicht im Zeugenstand: Links von ihm sitzt Mollath, der sich als Opfer der Justiz sieht und in der Öffentlichkeit viel Zuspruch genießt. Im Zuschauerraum haben sich zahlreiche Unterstützer eingefunden. Doch Leipziger macht auch keine besonders glückliche Figur. Zuerst liest er aus der Krankenakte vor, in der Mollath unter anderem „Halluzinationen“ attestiert werden. Kurz darauf stellt sich heraus, dass es sich dabei nicht um Beurteilungen seiner Abteilung handelt, sondern eines anderen Bezirkskrankenhauses – Leipziger sei in der Zeile verrutscht, er hätte darüber keine Silbe verlieren dürfen.

Die Zuschauer raunen, manche lachen leicht verächtlich. Mollaths Pflichtverteidiger Gerhard Strate reicht dieser „Verleser“, um für Leipziger die Entbindung von der Schweigepflicht wieder zurückzunehmen. Nun also geht es nur noch um die Verhandlung von 2006, bei der Leipziger als Gutachter zugegen war. Als einer der wenigen Zeugen hat er noch Aufzeichnungen von damals – und aus denen zitiert er. Leipziger sagt, er habe sich besonders viele Notizen zu den Aussagen von Mollaths Ex-Frau gemacht, daraus habe sich quasi seine Diagnose ergeben: „Ich bin zu dem Bild gekommen, dass Herr Mollath psychisch angeschlagen war und das Vorliegen psychischer Störungen nachvollziehbar ist.“ Notizen zu Mollaths Einlassungen besitzt er hingegen nicht. Warum? „Es waren offensichtlich keine neuen Informationen für mich.“ Zumal Mollath in der Verhandlung von damals vor allem über angebliche Schwarzgeldgeschäfte seiner Frau gesprochen habe, was wiederum der Richter „nicht vertieft zugelassen“ habe. Auch 2006 wurden u.a. Körperverletzung und Sachbeschädigung verhandelt. Mollath bestreitet bis heute, seine Frau verprügelt und Autoreifen von Menschen zerstochen zu haben, die an seiner Scheidung beteiligt waren.

Nach Leipzigers Aussagen vermuten jedoch nicht nur die Hardcore-Unterstützer eine gewisse Schieflage. Insbesondere deshalb, weil vor Leipziger ein anderer Psychiater, der Leiter der Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Mainkofen, ausgesagt hatte. Der musste 2007 ein Gutachten erstellen, als es um die Frage ging, ob Mollath einen Betreuer in finanziellen Fragen braucht. Seine Ex-Frau war nämlich gerade dabei, sein Elternhaus zu versteigern. Hans Simmerl, 53, ein gemütlicher Typ mit blauem Hemd und kariertem Sakko, befand damals: Nein, kein Betreuer nötig. Weil er urteilte, dass Mollath nicht psychisch krank sei, eher querulatorisch. „Ich habe Herrn Mollath relativ lange gesprochen“, erzählt er nun vor Gericht. „Er war relativ geordnet. Er war vom Kontakt her freundlich, ruhig, resignativ. Nichts deutete in Richtung einer Psychose.“

Barbara Nazarewska

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