Nichts geht zurzeit im Kabarett, die Brettlbühnen sind geschlossen: Bei uns sprechen Monika Gruber und Helmut Schleich über die aktuelle Lage
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Nichts geht zurzeit im Kabarett, die Brettlbühnen sind geschlossen: Bei uns sprechen Monika Gruber und Helmut Schleich über die aktuelle Lage.

Über Corona- und Gender-Wahnsinn

Exklusiv-Interview mit Gruber und Schleich: „Viele Kollegen sind nur noch Zeitgeistnutten“

  • Rudolf Ogiermann
    VonRudolf Ogiermann
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  • Georg Anastasiadis
    Georg Anastasiadis
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Monika Gruber und Helmut Schleich sprechen im Interview über die Kultur im Lockdown, die Corona-Maßnahmen der Regierung, Political Correctness und die Lagerbildung im Kabarett.

Corona trifft die Kultur hart – nicht zuletzt das Kabarett. Seit rund einem Jahr sind die Bühnen geschlossen, nichts geht zurzeit – vom kleinen Wirtshausbrettl auf dem Land bis zu den großen Hallen in den Städten. Wer keine Engagements im Fernsehen hat oder sich übers Internet mitteilt, ist zum Nichtstun verdammt. Hinzu kommt, dass – im Zeitalter der Sozialen Netzwerke – schon länger ein brancheninterner Streit über die Frage herrscht, was Satire darf. Unsere Zeitung hat, unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen, zwei Große des (bayerischen) Kabaretts zum Gespräch eingeladen, Monika Gruber (49), und Helmut Schleich (53).

Nach den jüngsten Beschlüssen von Bund und Ländern stehen bald auch Öffnungen im Kulturbereich an. Wissen Sie schon, wann und wie es für Sie wieder losgehen könnte?
Monika Gruber: In diesem Jahr vermutlich nicht mehr. So wie das gedacht ist, ist das nicht machbar. Du kannst das nicht an Inzidenzen aufhängen und Tickets verkaufen, und wenn der Wert zwei Tage vor dem Auftritt über dieser willkürlichen Grenze liegt, schickst du die Hälfte der Leute wieder heim. Oder gleich alle. Es steht ja auch nirgends, wie viele Zuschauer überhaupt reindürfen in den jeweiligen Saal, es muss stattdessen für jeden Raum ein individuelles Hygienekonzept geben. Da waren die Österreicher Ende vergangenen Jahres schon wesentlich weiter.
Helmut Schleich: Was ich nicht verstehe: Bei einer Inzidenz unter 50 dürfen Theater wieder aufmachen, aber erst zwei Wochen später sind Open-Air-Veranstaltungen wieder möglich. Wie absurd ist das denn? Ich glaube, die Politik hat sich überhaupt keine Gedanken über die Kultur gemacht.
Gruber: Wir kommen überhaupt nicht mehr vor. Dabei ist die Kultur mit vor der Krise fast 107 Milliarden Euro Wertschöpfung der zweitgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland hinter der Autoindustrie.
Schleich: Wenn man alle Minijobber dazuzählt, vielleicht sogar der größte.
Gruber: Und trotzdem werden wir weggeschoben. Und manche sagen uns: „Macht’s doch was anderes!“ Man sagt doch auch nicht zu einem Fliesenleger: „Back’ doch ab morgen Semmeln!“
Schleich: Die Frage stellt sich doch gar nicht. Ist es nicht so, dass viele Leute viel Freude an dem hatten, was wir gemacht haben bis vor einem Jahr?
Gruber: Na ja, alle ned, des muaß ma ganz ehrlich sag’n. (Beide lachen.)
Schleich: Was man auch sagen muss: Der Wegfall der Live-Kultur verändert die Gesellschaft. Etwas gemeinsam anzuschauen und anzuhören, über dieselben Dinge zu lachen, sich an denselben Dingen zu reiben, ist ein ganz wichtiger Moment. Das ist komplett weggefallen, die Leute vereinzeln, sie hängen nur noch im Internet und am Fernseher rum.
Gruber: Und – wer hat sich denn bitte in einem Theater angesteckt? Wo gab’s denn eine Clusterbildung im Kabarett oder im Konzert? Bestes Beispiel sind die Salzburger Festspiele im vergangenen Jahr. Die hatten ein Superkonzept, das super funktioniert hat.

Angela Merkel und Markus Söder: Sind unsere Regierenden unkultiviert?

Sind wir in Deutschland zu bürokratisch? Oder haben unsere Regierenden zu wenig Sinn für Kultur?
Gruber: Beides, würde ich sagen.
Schleich: Ja, schaut momentan wieder mal schwer nach Bürokratie aus. Ich habe den Eindruck, dass Angela Merkel* oder Markus Söder* persönlich nichts fehlt, wenn Kultur nicht stattfindet. Es stellt sich also die Frage: Sind unsere Regierenden unkultiviert?
Wie kommen Sie selbst über die Runden?
Gruber: Ich warte, bis die Bordelle aufsperren. Nach dem Motto: „Heiße Seniorinnen besorgen es Dir!“
Schleich: Das machst Du, wie Du denkst, Monika. (Beide lachen.)
Gruber: Im Ernst – wir sind ja in der glücklichen Lage, dass wir lange genug im Geschäft sind und etwas auf die Seite legen konnten. Aber ich denke an die jungen Kollegen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Was sollen die jetzt machen? Taxifahren? Kellnern? Das geht ja im Lockdown auch alles nicht. Da geht’s für viele um die schiere Existenz.
Schleich: Die Neuen sind auf jeden Fall weg aus der Szene. Einfach nach einer längeren Pause weitermachen wie nach dem ersten Lockdown, ist nicht mehr möglich. Da werden auch viele Strukturen verschwunden sein, also auch kleine Bühnen und damit viele Auftrittsmöglichkeiten.

Corona-Politik und kritische Stimmen - Eine Zeit, als „Querdenker“ noch eine Auszeichnung war

Sie beide haben sich ja kritisch mit der Corona-Politik auseinandergesetzt – kann man das, was Sie da gesagt haben, in den Öffentlich-Rechtlichen noch uneingeschränkt sagen?
Gruber: Sagen kannst du alles. Du musst halt damit rechnen, dass du dann einen Shitstorm bekommst. Die Empfindlichkeiten werden größer. Wodurch sich manche Leute inzwischen beleidigt fühlen – Wahnsinn!
Schleich: Ich bin ja beim BR, und beim „Schleichfernsehen“ ist es unproblematisch...
Da hat man diese Narrenfreiheit noch?
Schleich: Ja. Und das ist auch wichtig, weil ich wirklich das Kritische bei manchem Kollegen vermisse. Wir müssen doch auch mal querschießen. Querdenken...
Vorsicht!
Schleich: Darf ich daran erinnern, dass der große Karl Valentin als Querdenker bezeichnet wurde, als das noch eine Auszeichnung war? Querdenken ist ja die ureigenste Aufgabe des Kabaretts. Mit den sogenannten Querdenkern* haben wir nichts zu tun. Aber, was die Narrenfreiheit betrifft – bei einem anderen öffentlich-rechtlichen Sender, bei dem ich vor Weihnachten mein aktuelles Programm fürs Radio aufgezeichnet habe, kamen zwei Tage vor der Sendung Anrufe aus der Redaktion, obwohl die den Text längst kannte. Es ging unter anderem um die Stelle, an der ich sage: Markus Söder bekommt viele Hass-Mails. Ich habe das recherchiert, die sind alle vom Horst Seehofer. Da kam tatsächlich die Frage: „Was möchtest Du damit sagen? Möchtest Du damit Hass-Mails verharmlosen?“ So ging das Satz für Satz. Da habe ich die gefragt: Wir kennen uns jetzt seit 15 Jahren, was geht hier ab?
Was ist das? Vorauseilender Gehorsam?
Schleich: Es ist die Angst vor den Kolleginnen und Kollegen im eigenen Sender. Die Angst davor, dass es in Konferenzen heißt: Du winkst solche Programme durch, bist Du auch so einer? Übrigens – nach der Ausstrahlung gab’s nur begeisterte Zuschriften.
Gruber: Da geht’s Dir wie dem Dieter Nuhr. Da gibt’s auch Redakteure, die sagen: „Muss das sein, musst Du das so sagen?“ Und er sagt: „Ja, das muss sein!“

Genderdebatte und Kollegenkritik - „Bizarre Formen“ einer „Wohlstandsverwahrlosung“

Hat Kabarett ein Problem, wenn es nicht links ist?
Gruber: Ich glaube, links und rechts sind untaugliche Kategorien.
Schleich: Das sind Kategorien des 20. Jahrhunderts. Die passen beide nicht mehr. Kritik an dem, was den öffentlichen Diskurs beherrscht, ist nicht automatisch rechts. Und nicht alles, was links ist, ist freigeistig. Da haben manche ja Reinigungsfantasien, bei denen es einem himmelangst werden kann. Wenn ich mir die Gender-Studien anschaue, das läuft in letzter Konsequenz auf Ausgrenzung hinaus. Wer nicht so spricht wie es da vorgegeben wird, ist raus.
Gruber: Ich glaube, wir gehen in dieser Hinsicht finsteren Zeiten entgegen. Diese Genderdiskussion beispielsweise hat bizarre Formen angenommen, das ist schon eine Art geistige Wohlstandsverwahrlosung. Wen treibt denn das um? Irgendwelche Studentinnen oder Wissenschaftlerinnen. Die breite Masse interessiert dieser ganze Schmarrn nicht. Die fragt sich höchstens, warum jetzt Frau Gerster (ZDF-„heute“-Moderatorin, Red.) Politiker-innen sagt, aber lustigerweise nicht Mörder-innen oder Vergewaltiger-innen. Ich kenne jedenfalls keine Frau, die sich vom Wort „Bürgersteig“ oder „Fußgängerüberweg“ diskriminiert fühlt.
Apropos Ausgrenzung – Ihr Kollege Christian Springer hat Dieter Nuhr unlängst als Lügner bezeichnet und gefragt, wie so einer noch eine eigene Sendung haben kann. Ein Kabarettist fordert die Absetzung eines Kollegen...
Gruber: Neid gab’s immer schon.
Schleich: Ich habe Dir Deinen Erfolg immer geneidet.
Gruber: Und ich neide Dir, dass Du so gut Schafkopf spielen kannst. (Beide lachen.)
Schleich: Was soll ich dazu sagen? Ich möchte es dem Kollegen ja nicht gleichtun und Kollegenschelte betreiben. Aber da ist der Christian übers Ziel hinausgeschossen. Abgesehen davon, dass das zu einem Zeitpunkt war, als Dieter Nuhr seinen Fehler längst eingestanden hat. (Nuhr hatte fälschlicherweise behauptet, das Buch der Schwarzen Alice Hasters über Rassismus sei in deren Heimat, den USA, ein Bestseller. Hasters ist aber eine in Köln geborene Deutsche und das Buch war in den USA noch nicht erschienen. Nuhr hatte das Buch zudem gar nicht gelesen, Anm. der Red.)
Auch die „Anstalt“ hatte eine Nummer mit Dieter Nuhr als Literaturkritiker.
Schleich: Ganz ehrlich, wenn wir jetzt anfangen, uns gegenseitig fertigzumachen, dann enden wir wie die SPD.
Gruber: Bei der „Anstalt“ ist es übrigens so, dass du da nicht mehr eingeladen wirst, wenn du nicht ins Weltbild passt.
Haben Sie die Erfahrung selbst gemacht?
Gruber: Ja. Das würden die einem nur nie ins Gesicht sagen. Die Szene ist letztlich aber doch eine große Familie, und so erfährt man immer, wer was über wen geäußert hat. Und deshalb weiß ich, dass jemand zu meinem Co-Autor gesagt hat: Die Texte, die die Gruber da bringt, die könnte sie auch bei Pegida bringen. Abgesehen davon, dass das eine infame Behauptung ist, lasse ich mich in keine Schublade stecken, sondern nehme mir nur das Recht heraus, den Finger in manche Wunden zu legen. Und i steh dazua! Kabarett hat die Aufgabe, kritische Fragen zu stellen. Und auch wenn das jetzt etwas deftig formuliert ist: Viele Kollegen, die vermeintlich Kabarett machen, sind nur mehr Zeitgeistnutten.
Monika Gruber und Helmut Schleich riskieren für unseren Fotografen ein Lächeln - trotz angespannter Gesamtsituation.

Monika Gruber über Querdenker: „Wer Corona-Maßnahmen infrage stellt, ist noch kein Leugner“

Woher kommt das, dass es plötzlich zwei unversöhnliche Lager zu geben scheint?
Schleich: Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, zwischen vermeintlich „gut“ und vermeintlich „böse“, bildet sich eben auch in der Kabarettszene ab. Und jeder, der sich falsch – und damit meine ich auch formal falsch – ausdrückt, bekommt den Stempel „Nazi“ oder zumindest „Steigbügelhalter“. Aber wer definiert das eigentlich? Ist es nicht so, dass eine Partei wie die AfD ihren Aufstieg auch der Tatsache zu verdanken hat, dass andere sich weggeduckt haben, wenn’s brisant wurde?
Gruber: Die sind in die Lücke rein, die entstanden ist, weil niemand bestimmte Themen offen ansprechen wollte.
Schleich: Wir haben im Kabarett, und da sehe ich eine gewisse Parallele zum Journalismus, alles erst mal infrage zu stellen und alles erst mal Scheiße zu finden, was so passiert politisch und gesellschaftlich. Wenn sich dann aber Künstler zum verlängerten Arm der Regierung machen, indem sie sich über die Kritik an der Regierung lustig machen, dann finde ich das sehr bedenklich. Wer Corona-Maßnahmen* infrage stellt, ist noch kein Corona-Leugner, genauso wie jemand, der die EU kritisch sieht, noch kein Europagegner ist.
Gruber: Das sind genau die Schubladen, in die man die Leute reinsteckt.
Viele Kabarettisten und Komiker leben davon, dass sie bestimmte Stereotypen parodieren, man denke an Kaya Yanar, der ja selbst einen Migrationshintergrund hat. Jetzt distanzieren sich einige Künstler von ihren Parodien und sagen, sie spielten sie nicht mehr, weil sie rassistisch oder sexistisch seien...
Schleich: Dazu gibt es den wunderbaren Satz eines Schweizer Kollegen, der gesagt hat: „Über einen rassistischen Witz darf man nicht lachen – aber man muss.“ Und von Sigmund Freud stammt das Wort: „Witze dienen dazu, das zu sagen, was man nicht sagen darf.“ Was soll das, dass sich da jetzt manche versuchen reinzuwaschen? Da kann es ja nur darum gehen, einer von den Guten sein zu wollen.
Aber was geht dann noch an Parodien?
Schleich: Gute Frage. Ich spiele in „Schleichfernsehen“ immer wieder einmal die Figur des Maxwell Strauß, eines von mir erfundenen unehelichen Sohns von Franz Josef Strauß, der in Afrika Diktator ist. Und plötzlich fragst du dich, ob du diese Figur noch spielen kannst mit schwarz angemaltem Gesicht. Stattdessen einen sterilen Vortrag über Kolonialismus zu halten, ist ja beileibe nicht lustiger.
Sind wir Deutsche vielleicht besonders empfänglich für die viel zitierte „Political Correctness“?
Gruber: Ich glaube schon. Das war ja 2015 schon so, als die Menschen Teddybären schmeißend am Hauptbahnhof gestanden sind, um die Flüchtlinge zu begrüßen. Nur um der Welt zu zeigen: Den bösen Deutschen gibt’s nicht mehr. Aber diese sogenannte Political Correctness ist oft weltfremd. Außerdem behauptet sie, tolerant zu sein, ist aber im Gegenteil intolerant. Wenn viele Menschen sich fragen, was man noch sagen oder gar denken darf, dann wird’s gefährlich. Das Zigeunerschnitzel, der Mohr im Hemd oder die Russenhalbe sind jedenfalls nicht unsere größten Probleme, wenn es um die Bekämpfung von Rassismus geht.

Kultur in Corona-Zeiten: Kabarettisten Gruber und Schleich arbeiten am „Wahnsinn 2.0“

Irgendwann wird die Corona-Krise hoffentlich vorbei sein, hoffentlich – worauf dürfen sich Ihre Fans freuen, woran arbeiten Sie?
Gruber: Ich plane ein neues Programm, richtig vor Publikum, für Oktober...
Schleich: Heuer?
Gruber: Ja, heuer, allerdings in Österreich!
Die Fans müssen nach Österreich fahren, um Monika Gruber zu sehen?
Gruber: Ich fürchte, das wird der einzige Ort sein, an dem ich Ende des Jahres werde auftreten können. Die Kulturszene dort ist lauter als bei uns. Die wird sich das nicht gefallen lassen, dass man sie noch einmal ein Jahr wegsperrt.
Schleich: Ich halte die Stellung und schaue, wann es hier wieder losgeht. Und so lange mache ich halt meine Fernsehgeschichten und meine Kolumnen im Münchner Merkur und in Bayern 2.
Nichts Neues in Arbeit?
Schleich: Als ich „Kauf, Du Sau!“ vor Weihnachten für den Hörfunk aufgenommen habe, war es eh schon stark aktualisiert. Und bis es hier wieder zum Spielbetrieb kommt, wird es quasi ganz neu sein. Wie ich es dann nenne, weiß ich noch nicht, Arbeitstitel ist im Moment „Immun“.
Und wie heißt Ihr Programm, Frau Gruber?
Gruber: Ich glaube, ich nenne es einfach „Wahnsinn 2.0“. Der Titel bleibt ja aktuell.

Das Gespräch führten Georg Anastasiadis und Rudolf Ogiermann *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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