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Der Mörder am Tatort: Michael W. mit weiß verhülltem Körper, vor zehn Jahren in Gersthofen. Am Fuß trägt er eine Fessel. Schon bald könnte er freikommen.

Freilassung jederzeit möglich

Vanessas Mörder schon mit Fußfessel im Gericht

München - Die Gutachter sind sich einig, dass Vanessas Mörder noch immer gefährlich ist. Doch wie gefährlich, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nun hatte Michael W. schon eine Fußfessel um - für den Fall, dass er frei kommt.

Noch sitzt er auf der Anklagebank. Doch um seinen Knöchel trägt Michael W., der Mörder der kleinen Vanessa, schon eine elektronische Fußfessel. Und im Gerichtssaal warten schon Polizisten, die bereit sind, ihn zu observieren. Falls W. freigelassen wird. Denn das kann jederzeit passieren.

Staatsanwalt Johann-Peter Dischinger sprach gestern beim Prozess um die Sicherungsverwahrung des 29-Jährigen in Augsburg von einer Vorsichtsmaßnahme: „Wir wussten ja nicht, wie der heutige Tag verlaufen wird“, sagte er. Hintergrund ist, dass W.s Verteidiger Adam Ahmed den Antrag gestellt hat, den Täter freizulassen. Seiner Ansicht nach gibt es keinen Grund, den Unterbringungsbefehl aufrechtzuerhalten.

2002 hatte der damals 19 Jahre alte Täter die zwölfjährige Vanessa in Gersthofen erstochen – verkleidet mit einer Totenkopfmaske war er in ihr Kinderzimmer eingedrungen. Seine zehnjährige Haftstrafe hat er bereits abgesessen. Seit Februar prüft das Gericht, ob er auch heute noch hochgradig gefährlich ist und in Sicherungsverwahrung kommt.

Nach Einschätzung eines Gutachters besteht bei Michael W. weiterhin die Gefahr schwerster Gewalttaten. „Die Taten sind nicht nur möglich, sondern sie sind wahrscheinlich“, sagte der psychologische Sachverständige Ralph-Michael Schulte am Mittwoch im Prozess. Schulte sieht bei dem Täter diverse Risikofaktoren. So seien dessen Gewaltfantasien bislang in der Therapie nicht ausreichend bearbeitet worden. Kritisch seien auch die emotionale Instabilität des 29-Jährigen und dessen praktisch nicht vorhandenen sozialen Kontakte außerhalb der Haft. In Freiheit sei damit zu rechnen, dass der Mann immer wieder in Stresssituationen gerate, die schnell zu einer Überforderung führen könnten. Ungünstig auf die Prognose wirke sich auch aus, dass der Täter 2002 ein Zufallsopfer gesucht habe – und das Tatmotiv nie habe geklärt werden können. Schulte sieht bei dem 29-Jährigen eine „tiefgehende Persönlichkeitsstörung“. Ob aber eine „erhebliche Wahrscheinlichkeit“ für die Taten bestehe, könne er nicht sagen, da er mit dem heute 29-Jährigen nicht gesprochen habe, sagte Schulte. In seinem Gutachten bezog er sich auf frühere Akten und seine Rolle als Zuhörer im Prozess. Der Täter hatte sich nur von einem Sachverständigen begutachten lassen – von Helmut Kury. Der Kriminologe sprach sich bei einem früheren Prozess-Termin für eine Freilassung von W. aus – unter strengen Auflagen.

Dass ein freigelassener Straftäter trotz Fußfessel rückfällig werden kann, zeigt ein aktueller Fall aus München. Wie berichtet soll ein verurteilter Sex-Täter in München ein Mädchen (7) missbraucht haben. Die Staatsanwaltschaft hatte für ihn die nachträgliche Sicherungsverwahrung gefordert, das Oberlandesgericht Nürnberg seine Freilassung angeordnet.

Der 40-Jährige sitzt seit April wieder in Haft – der Fall hat eine heftige Debatte ausgelöst. Der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Hermann Benker, nannte es ungeheuerlich, dass Täter, denen amtlich Wiederholungsgefahr attestiert wurde, auf die Menschheit losgelassen würden. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, betonte, die Fußfessel sei kein Ersatz für eine Unterbringung rückfallgefährdeter Sextäter in geschlossenen Einrichtungen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) verlangte eine genaue Prüfung, wo bei der Reform der Sicherungsverwahrung Nachbesserungen nötig seien.

Im Fall Vanessa lehnte die Jugendkammer gestern den Antrag der Verteidigung ab, den Täter sofort freizulassen. Über das mögliche Urteil sagt das allerdings noch nichts aus. Es könnte schon nächste Woche fallen.

mm/lby/dapd

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