Henri darf in Baden-Württemberg nicht aufs Gymnasium, weil er behindert ist. In Bayern wäre das nicht anders. foto: dpa

Schüler mit Behinderung in Bayern

Mühevolle Inklusion

München - In Baden-Württemberg wurde der kleine Henri von einem Gymnasium abgewiesen, weil er eine Behinderung hat. Aber wie sieht Inklusion eigentlich in Bayern aus?

Wer ist betroffen?

In Bayern gibt es laut Sozialverband VdK insgesamt etwa 1,2 Millionen Schüler. 75 000 von ihnen haben einen sogenannten sonderpädagogischen Förderbedarf, darunter sind beispielsweise auch Kinder mit einer Lernschwäche. Wie viele unter ihnen wie Henri Trisomie 21 (Down-Syndrom) haben, darüber gibt es keine Statistiken. Egal welche Einschränkung ein Kind hat – es darf eine Förderschule erst besuchen, wenn der Bedarf nachgewiesen ist. In Bayern waren laut Bertelsmann Stiftung 2012/13 rund 18 200 Kinder mit Förderbedarf auf einer Regelschule. Von etwa 6000 Schulen bieten aber lediglich 127 das „Profil Inklusion“ an.

Was ist Inklusion?

„Inklusion bedeutet, dass alle Menschen überall von Anfang an mitmachen können“, sagt Thomas Manstorfer, Geschäftsführer des Landesverbands der Gehörlosen. „Aber allein, dass es integrative Klassen gibt, ist ein Widerspruch in sich.“ Auch Nicole Lassal, Geschäftsführerin der LAG Selbsthilfe Bayern meint, dass die Wahlfreiheit vor allem an der Schule eingeschränkt ist. Allerdings hat sich Deutschland 2009 mit der UN-Behindertenrechtskonvention dazu verpflichtet, Inklusion umzusetzen. Und zwar an allen Schulen.

Arten der Betreuung

In Bayern gibt es ein Geflecht an Betreuungsangeboten. Im Prinzip geht es immer darum, dass ein behindertes Kind nicht nur im Förderzentrum sitzt, sondern auf einer Regelschule mit anderen Kindern in Kontakt kommt. Dort nimmt es meist zeitweise am Unterricht teil. Häufig sind speziell geschulte Kräfte wie Sonder- oder Sozialpädagogen vor Ort, die sich um die ganze Klasse kümmern. Ein Beispiel: Lea (13) hat Trisomie 21. Sie besucht eine Mittelschule in München. In die sogenannte Partnerklasse gehen sechs Kinder mit Behinderung und einige Schüler ohne Einschränkungen. Vereinfacht gesagt: Die Behinderten gehören zum Förderzentrum, teilen sich aber einen Raum mit den Mittelschülern.

Wer entscheidet?

Theoretisch dürfen die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind auf eine Förderschule oder eine Grundschule, vielleicht mit „Schulprofil Inklusion“, schicken. Bei weiterführenden Schulen zählt allein der Notenschnitt – auch für behinderte Kinder. So ist es im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz festgehalten. Außerdem müssen Schulen manchmal schon wegen fehlenden Umbauten absagen. Das heißt, de facto kann ein behindertes Kind nicht auf jede beliebige Schule gehen.

Kann ein geistig behindertes Kind aufs Gymnasium?

„Natürlich kann es das“, sagt Marian Indlekofer, Referent für die Belange von Menschen mit Behinderung beim VdK. „Wenn man die Rahmenbedingungen anpasst.“ Momentan würde es in Bayern schon an den Eingangsvoraussetzungen, sprich dem Notenschnitt, scheitern. Als unrealistisch schätzt auch die bayerische Behindertenbeauftragte Irmgard Badura dieses Ziel ein. Ein Mittel sei allerdings der Nachteilsausgleich. Beispielweise bekäme ein Kind mit Handicap mehr Prüfungszeit. „Am Gymnasium ist eine Inklusion nur durch Kooperationen wie Sportfeste und Projekte möglich“, meint aber Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Meist geschieht das durch Partner-Förderschulen, wie sie etwa die Gymnasien Kirchseeon und Grafing (beide Kreis Ebersberg) haben.

Senken Förderschüler das Niveau?

Nein – da sind sich die Experten einig. Im Gegenteil: Die Schulkameraden erwerben soziale Kompetenzen wie Rücksichtnahme. „Diese Kinder werden einmal zu empathischen Erwachsenen“, sagt Nadja Rackwitz-Ziegler, die Mutter von Lea und Vorsitzende des Vereins Down Kind. Außerdem profitieren alle Kinder von den Sonderpädagogen. Allerdings braucht eine inklusive Klasse mehr Ressourcen, sprich Lehrkräfte und Pädagogen.

Verena Usleber und Dirk Walter

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