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In der „Irren Anstalt“ (rechts unten) im heutigen Stadtbezirk Au-Haidhausen wurden bis 1905 Menschen mit Wahnvorstellungen eingesperrt. Diese erste offizielle München-Karte wird „Urpositionsblatt“ genannt und stammt aus dem Jahr 1856.

Historie und Heute im Vergleich

München 1856: Vier Karten, die Ihren Blick auf die Stadt verändern

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München - Eine Irren-Anstalt, wo sich heute Jugendliche begegnen sollen. Eine Gruftkapelle, wo nun für den S-Bahn-Tunnel gegraben wird. Kleingärtner bewirtschaften den einstigen Grund von Bauern. Die älteste offizielle Karte Münchens fördert spannende Geschichten zu Tage.

Es nervt, wenn Landkarten nicht aktuell sind. Das kennt jeder, der sich schon mal aufregen musste, weil das Auto-Navi statt einer Umgehungsstraße eine grüne Wiese anzeigte. Die historischen Landkarten des digitalen Bayern-Atlases, ein Angebot des Geoportals Bayern der Staatsregierung, sind alles andere als aktuell - doch gerade deshalb sehr aufschlussreich. Besonders wenn man sie mit aktuellen Online-Karten vergleicht. Dann wird deutlich, wie sich Städte und Gemeinde im Verbreitungsgebiet des Münchner Merkur seit dem 19. Jahrhundert verändert haben.  

Napoleon leierte die Vermessung Bayerns an

Der digitale Bayern-Atlas ist ein Flickenteppich, den man als solchen nicht gleich erkennt. In die große Übersichtskarte wurden für Städte und Gemeinden detailiertere Karten, sogenannte Urpositionsblätter, eingearbeitet. Diese entstanden nach Angaben der Bayerischen Vermessungsverwaltung zwischen 1810 und 1864 und entspringen der ersten Vermessung Bayerns. Ihr Auftraggeber: Napoleon. Der französische Heeresführer besetzte Bayern seit dem Frühjahr 1800 während des Zweiten Koalitionskrieges mit Österreich. Napoleon wünschte sich einen Überblick über das besetzte Land und gab eine topographische Aufnahme Bayerns in Auftrag - natürlich zu militärischen Zwecken. Auch wenn die französischen Truppen mit dem Frieden von Lunéville vom 9. Februar 1801 schließlich abzogen: Es waren die heutigen Nachbarn, die die Idee einer flächendeckenden Bayern-Karte kreierten. Kurfürst Max IV. Joseph trieb das Projekt weiter voran, gründete das „Topographische Bureau“ - und damit die Bayerische Vermessungsverwaltung.

München aus der Luft: 1856 und Heute

Das Urpositionsblatt für München stammt aus dem Jahr 1856 und ist wie sämtliche andere auf der Internetseite der Bayerischen Landesbibliothek zu finden. Der Vergleich Früher/Heute ist am Beispiel der Landeshauptstadt am eindrücklichsten.

*Ein wenig Geduld, bitte: Die Karten werden eventuell etwas langsam geladen. 

Untersendling, Westpark und Theresienwiese

Die Stadt hat sich in alle Richtungen ausgedehnt und ist zusammengewachsen. Ein Beispiel dafür ist Untersendling, das in der Karte von 1856 noch relativ isoliert auftaucht. Sendling wurde 21 Jahre nach Erstellung der Karte, also 1877, als Münchner Stadtteil eingemeindet. Heute liegt Untersendling mitten in der Stadt. 

Die Häuser Untersendlings konzentrieren sich um 1856 entlang der heutigen Plinganserstraße, die erst 1878 nach Georg Sebastian Plinganser benannt wurde, einem Anführer des Aufstands der bayerischen Bauern gegen Österreich 1705. Wo heute der Westpark ist, sieht man nichts als Felder - auf den ersten Blick: Beim Hineinzoomen erscheint eine kleinteiligere Karte mit dutzenden Linien und Zahlen: handschriftlich nummerierte Grundstücke. Kleine Parzelllen belegen dort heute keine Landwirte mehr - sondern Kleingärtner der Anlage „Land in Sonne“. Eine große Grünfläche zeichnet sich nördlich von Untersendling ab. Die Theresienwiese, seit 1810 Schauplatz des Oktoberfests, war im 19. Jahrhundert tatsächlich noch eine Wiese - und keine Betonwüste.

Die Irren-Anstalt an der Auerfeldstraße

Auf der anderen Seite der Isar gibt die historische Karte einen Einblick in die Geschichte der psychiatrischen Medizin. Im Urpositionsblatt liest man im Gebiet des heutigen Bezirks Au-Haidhausen nicht nur den Straßennamen „am Gasteig“ oder von der Anhöhe „Auf der Lüften“ - sondern auch in großen Buchstaben „Irren Anstalt“. 

Ja, hier an der Auerfeldstraße sperrte man einst Menschen mit Wahnvorstellungen ein. Dort war 1858/59 die Münchner Kreis-Irrenanstalt „Auf der Auer Lüften“ entstanden. Ab 1872 leitete Dr. Bernhard von Gudden die Einrichtung - jener Psychiater, der in Zusammenhang mit dem Tod von König Ludwigs II. gebracht wird. „Er war fortschrittlich für seine Zeit und beendete zum Beispiel das Anketten der sogenannten Irren. Außerdem hat er dem Personal untersagt, Gewalt gegen die Insassen anzuwenden“, sagt Hermann Wilhelm, Leiter des Museums Haidhausen, der sich für eine Ausstellung mit der Anstalt beschäftigt hat. Für 280 Patienten war zunächst Platz gewesen, später wurde auf 500 Plätze erweitert. Irgendwann reichte auch diese Kapazität nicht mehr aus - der Grund für den Bau der Kreisirrenanstalt in Haar 1905. Dort befindet sich seit 2006 das Isar-Amper-Klinikum München-Ost, eine der größten Psychiatrien Deutschlands.

Auf dem Areal der ehemaligen Auer Anstalt begegnen sich nun Jugendliche im Münchner Salesianum. Der Orden erwarb den Gebäudekomplex 1920 und wandelte ihn in ein Jugendheim mit Ausbildungsbetrieben um. Westlich liegt der Fußballplatz des TSV München Ost, östlich Wohnhäuser aus den 1980er Jahren. 2015 errichtete man das Kinder-Haus „Casa Don Bosco“ - in architektonischer Anlehnung an den Ursprungsbau der Irrenanstalt, der im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen zerstört worden war.

Marienhof: Der Krieg hinterlässt ein Loch im Herzen Münchens

Der Marienplatz war um 1856 als „Haupt Platz“ verzeichnet, die Kaufingerstraße hieß „Kaufinger Gasse“. Eine entscheidende Veränderung brachte der Zweite Weltkrieg auch im Herzen Münchens. Die Bomben der Alliierten rissen im Dezember 1944 viele Löcher in die Innenstadt. Ein großes blieb bis heute - am Marienhof. Das Englische Institut, kleine Geschäftshäuser und eine Gruftkapelle aus dem Mittelalter standen einst am Marienhof, wo dieser Tage die Vorarbeiten und am 5. April 2017 der Spatenstich für die zweite S-Bahn-Stammstrecke erfolgen. Mit dem Schieberegler lässt sich die alte München-Karte mit dem Luftbild von heute vergleichen - und das Loch am Marienhof auffüllen.

gma

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