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Heinrich Oberreuter

1,6 Millionen Menschen gefährdet

„Armut ist Fakt in Bayern“

München – Die Beschäftigung steigt, die Steuern sprudeln. Dennoch sind mehr als 1,6 Millionen Menschen in Bayern armutsgefährdet. AWO-Chef Thomas Beyer warnt die Staatsregierung, das Problem kleinzureden.

Wer denn nun rechts und wer links am Podium sitzen müsse – darüber scherzen Thomas Beyer und Heinrich Oberreuter gleich zu Beginn der Pressekonferenz. AWO-Chef Beyer saß bis Herbst für die SPD im Landtag. Oberreuter, bis vor kurzem Direktor der Tutzinger Akademie für Politische Bildung, gilt als CSU-nah. Beide einigen sich darauf, dass es nur eine Frage der Sichtweise ist – aus dem Blick des Zuschauers oder des Redners.

Trotz der unterschiedlichen Parteipräferenz – an diesem Vormittag gibt es wenig Differenzen zwischen den beiden. Beyer präsentiert sein neues Büchlein mit dem Titel „Arm in einem reichen Land – Armut auch in Bayern“. Der Titel ist auch seine Kernaussage: Die Staatsregierung dürfe die wachsende Ungleichheit nicht länger leugnen, klagt Beyer. „Armut ist Fakt in Bayern.“

Beyer verweist auf Zahlen aus dem Sozialbericht der Staatsregierung. Danach sind mehr als 1,6 Millionen Menschen im Freistaat armutsgefährdet. Dies entspricht einem Anteil von 13,8 Prozent. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des jeweiligen mittleren Einkommens zur Verfügung hat. In Bayern entspricht dies einem Nettoverdienst von 892 Euro im Monat. Mit einer Quote von 13,8 Prozent liegt Bayern zwar unter dem Bundesdurchschnitt (14,5 Prozent). Dies dürfe aber keinesfalls als Ausrede genutzt werden, um die Hände in den Schoß zu legen, warnt der AWO-Chef.

Oberreuter pflichtet ihm bei. Entscheidend sei nicht, ob Bayern ein oder zwei Prozentpunkte besser abschneide als andere Bundesländer. „Entscheidend ist, dass man sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt.“ Zugleich warnt Oberreuter davor, den Sozialstaat für neue Wohlfühlangebote wie die 32-Stunden-Woche für junge Eltern zu missbrauchen. Der Staat müsse denen helfen, die Unterstützung am nötigsten bräuchten.

Und dazu gehören zunehmend Ältere. Knapp 20 Prozent der über 65-Jährigen ist von Armut bedroht. Bei den Frauen liegt die Quote mit gut 21 Prozent sogar noch höher. „Das reiche Bayern ist bei der Armutssituation von Rentnerinnen und Rentnern negativer Spitzenreiter“, sagt Beyer. Wer 2010 in Rente ging, bekam im Schnitt in Bayern eine Altersrente von 705 Euro. Zum Vergleich: Bundesweit lagen die Altersbezüge für Neurentner im Schnitt bei 720 Euro. Auch bei den Bestandsrenten bleibt der Freistaat zurück. Die Durchschnitts-Rente lag 2010 bei 726 Euro (Deutschland gesamt: 770 Euro).

Doch wie will Beyer die Situation für Bedürftige verbessern? Zunächst müsse die Staatsregierung akzeptieren, dass es auch im reichen Bayern Armut gebe, und die Probleme offen diskutieren, fordert der AWO-Chef. Dafür bräuchte es aber auch konkrete Zahlen. „Wir haben für alles eine Statistik. Aber etwa zu der Zahl der Wohnungslosen gibt es nur Schätzungen“, kritisiert Beyer. Allein im Raum München, Nürnberg und Augsburg dürfte es rund 5000 Betroffene geben.

Weil sich viele für ihre Armut schämen, plädiert Beyer für offene Angebote vor Ort. Als Beispiel nennt er die Wärmestube in Fürth. Hier könnten sich Hilfebedürftige nicht nur aufwärmen, sondern bekämen auch Ansprechpartner bei Behörden genannt.

Nur einmal gibt es etwas Streit zwischen Oberreuter und Beyer. Verantwortlich ist die geplante Einführung von Mindestlöhnen. Oberreuter warnt davor, einseitig die Wirtschaft zu belasten. „Es muss jedem klar sein: Die öffentlichen Ausgaben stammen aus einer florierenden Wirtschaft.“ Als Beyer vorsichtig zu einem Widerspruch ansetzt, macht Oberreuter gleich ein „Friedensangebot“. Wichtig sei, dass sich der Staat auf die wirklich Bedürftigen konzentriere. Da widerspricht auch Beyer nicht.

STEFFEN HABIT

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