Grüne-Fraktionschef Anton Hofreiter bei einer Pressekonferenz.
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Der Grüne-Fraktioschef Toni Hofreiter - selbst aus dem Münchner Umland - hat einen kleinen Einfamilienhaus-Eklat provoziert.

Aufruhr nach Hofreiter-Interview

Grüne in unnötigem Häuser-Kampf? Experte präsentiert Zahlen für Region München - und neuen Bau-Trend

  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Mit provokanten Aussagen zum Bau von Einfamilienhäusern hat der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter Empörung ausgelöst. In München hätte es das nicht gebraucht, meint ein Experte.

München – Holger Magel war Professor für Landentwicklung und Direktor der Akademie für den ländlichen Raum. Eine internationale Kapazität, oft in China unterwegs, aber auch in Bayern gehört – als eine Art Chefkritiker gegen den Flächenfraß. Seit Monaten führt er hinter den Kulissen einen zähen Kampf, um Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) für eine verbindliche Obergrenze für den Landverbrauch zu gewinnen – bisher vergeblich. Doch auch Magel sagt: „Die Sehnsucht der Menschen nach dem Einfamilienhaus ist zu groß. Kein seriöser Fachmann wird sich dazu aufschwingen, diese Wohnform ganz verbieten zu wollen.“

Da hat Anton Hofreiter sich auf etwas eingelassen. Dabei hatte er im Spiegel vermutlich nur eine Debatte vertiefen wollen. Platzraubend und schlecht fürs Klima seien die Einfamilienhäuser, meint der Grünen-Fraktionschef im Bundestag. Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, müssten die Flächen „bestmöglich“ genutzt werden. „Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie.“ Die Grünen hätten das Einfamilienhaus „als neues Feindbild entdeckt“, ätzte CSU-Fraktionschef Alexander Dobrindt. „Wir werden Familien nicht ihren Traum vom Einfamilienhaus nehmen“, sagt Bayerns Bauministerin Kerstin Schreyer (CSU).

In der Region München sind drei Viertel aller Wohngebäude Einfamilienhäuser

Ein Blick in die Region München, die die Stadt und acht Landkreise außenrum umfasst: Das Gros der Wohngebäude sind Einfamilienhäuser: 375.000 von insgesamt 476.000 Gebäuden. Aber, so sagt Christian Breu vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München, die Trendumkehr ist sichtbar: In der Stadt München und mehr noch im Umland gibt es eine Tendenz zu Mehrfamilienhäuser. Zahlen belegen dies: So entstehen seit 2011 jedes Jahr mehr Mehrfamilienhäuser (drei und mehr Wohnungen) als Einfamilienhäuser. 2019 waren es nur 2400 Einfamilienhäuser, aber 4000 neue Mehrfamilienhäuser, sagt Breu.

Alle Interventionen blieben fruchtlos

Josef Göppel

Mit einer Novelle der Bayerischen Bauordnung wurden eben erst die Abstandsflächen reduziert – um eine innerörtliche Nachverdichtung zu ermöglichen. Das würde den Bau von Mehrfamilienhäusern fördern. Aber: Geschätzt die Hälfte der Kommunen in der Region München verabschiedeten schnell Satzungen, um bei der alten Regelung bleiben zu können. Hinzu kommt: Auf Bundesebene wurde die Neuausweisung von Baugebieten im Außenbereich ohne – oft als lästig betrachtete – Umweltprüfung erleichtert. Das ermöglicht der erst 2017 eingeführte Paragraf 13b des Baugesetzbuches. Die Statistik zeigt, dass bis 2020 durch die Verfahren nach 13b in Bayern 1345 Einfamilienhäuser entstanden, aber nur 53 Mehrfamilienhäuser. Der CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel führt daher einen zähen Kampf gegen den Paragraphen 13b. Dieser sollte bis zum Jahr 2021 eigentlich auslaufen. Doch jetzt schaut es so aus, dass er verlängert wird – bis Ende 2024. Die Abstimmung im Bundestag steht kurz bevor. „Alle Interventionen blieben fruchtlos“, klagt Göppel.

Neubauten in Bayern: Exorbitant hohe Bodenpreise und ihre Auswirkungen

Doch es gibt Beispiele, die auch Pessimisten Mut machen: In Haar (Kreis München) wurde der Jugendstilpark auf dem Gelände des ehemaligen Bezirksklinikums mit neun hochgeschossigen Häuser bebaut: 145 Eigentumswohnungen, manche mit bis zu sechs Zimmern. In Kolbermoor (Kreis Rosenheim) hat das Projekt „Wohnen im Spinnereipark“ – Mehrfamilienhäuser in Y-Form – einen renommierten Preis (World Architecture News Award) erhalten.

Planungsexperte Breu ist sich sicher, dass dieser Trend anhalten wird. Staatliche Eingriffe seien nicht nötig, meint er. Exorbitant hohe Bodenpreise führten fast automatisch zu flächensparendem Bauen. „Der Klassiker ist, dass das kleine Einfamilienhaus der verstorbenen Oma abgerissen und durch Mehrfamilienhäuser mit acht, zehn Wohnungen ersetzt wird.“

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