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Feuerwehr und Technisches Hilfswerk waren im Dauereinsatz.

Der Tag, als der Hagel kam

München - Die Älteren fühlten sich an den Krieg erinnert, die Jüngeren empfanden Ohnmacht angesichts der Naturgewalt: Vor 25 Jahren, am 12. Juli 1984, zog eine Hagel-Walze durch Oberbayern. Als bis dahin größter Versicherungsschaden ging der „Jahrhunderthagel“ in die deutsche Geschichte ein.

Wilhelm Böck war vorgewarnt. Trotzdem erwischte ihn die Katastrophe eiskalt. Es war Donnerstag, 20 Uhr, Feierabend. Der Juniorchef der Gärtnerei Böck stand im Filialbetrieb in Neufarn bei Vaterstetten. Dann kam der Anruf vom Vater, aus dem Stammhaus in Trudering: „Es hat gehagelt – ohne Vorwarnung. Hier ist kein Glas mehr in den Gewächshäusern.“ Böck junior wollte es nicht glauben. Dann sah er im Westen „die gelbe Wand“ am Abendhimmel.

Seit Tagen war es drückend schwül und diesig gewesen“, erinnert sich der heute 54-Jährige. Aber auf ein Gewitter habe nichts hingedeutet. Nun klirrte in Neufarn die erste Scheibe. Und noch eine. „Und dann ist es losgegangen.“ Berstendes Glas, Eisbrocken, die gegen Stahlträger knallen, das Klirren der Splitter – Böck hat den Lärm noch heute im Ohr. „Ich weiß nicht, ob das eine Minute gedauert hat oder fünf. Aber plötzlich war alles vorbei, und dann sind wir dagestanden.“ Die Gewächshäuser entglast, die Pflanzen zerschlagen, die Ernte auf den Freiflächen vernichtet – die Böcks standen vor den Trümmern ihrer Existenz. Der Schock saß tief, bei zigtausenden Menschen in Oberbayern. Denn auf dem Weg von Mindelheim über die Landeshauptstadt bis nach Mühldorf hatte die Gewitterfront einen kilometerbreiten Korridor verwüstet.

Um 19.20 Uhr prasselten in Landsberg hühnereigroße Hagelkörner vom Himmel. Keine halbe Stunde später überraschte das Unwetter Segler auf dem Ammersee. In Weßling mussten Planierraupen anrücken: Auf den Straßen lag der Hagel fast knietief. Gegen 20.10 Uhr brach das Unwetter über München herein. Wer sich an diesem lauen Sommerabend im Freien aufhielt, stand binnen Sekunden unter Beschuss. Biergarten-Besucher flüchteten panisch in die Gaststätten, in der Fußgängerzone suchten Menschen Zuflucht in wildfremden Häusern. Im Englischen Garten warfen sich Spaziergänger in den Dreck unter Parkbänken. Mit solcher Wucht schlugen die Eis-Bomben ein, dass Autokarosserien nach wenigen Minuten aussahen wie Knäckebrot. Scheiben barsten und Ziegel fielen in Trümmern von den Dächern. Fassadenverkleidungen und Rollläden wurden zerfetzt.

Die größte Zerstörungskraft hatte die Hagelwalze im Süden und Osten Münchens. Dort riss sie vielerorts das Laub von den Bäumen. Auf dem Flughafen Riem durchschlugen Hagelbrocken die Landeklappen von Passagierjets.

Nach wenigen Minuten gespenstischer Ruhe liefen in den Notrufzentralen die Telefone heiß. „Es ging Schlag auf Schlag“, erinnert sich Feuerwehr-Sprecher Karl Pieterek, damals als Rettungssanitäter im Einsatz: „So viele Schnittverletzungen habe ich in meiner ganzen Notarzt-Zeit nicht mehr gesehen.“ Viele Menschen waren durch herumfliegende Splitter verletzt worden. „Manche haben versucht, ihre Dachfenster mit den Händen zu stützen“, sagt Pieterek. „Dann brachen die Scheiben. Die Leute hatten tiefe Schnitte an Unterarmen, Brust und Rücken. Wir haben sie verbunden und in die Notaufnahmen gefahren. Dort standen schon jene Menschen Schlange, die direkte Hagel-Treffer erlitten hatten. Prellungen, Knochenbrüche, mehrere schwere Kopfverletzungen waren zu behandeln. 300 Verletzte sollte die Statistik später ausweisen. Drei Menschen erlitten während des Unwetters tödliche Herzinfarkte.

Für Feuerwehr und Technisches Hilfswerk lief ein Dauereinsatz an. Allein in München schufteten 1600 Helfer bis zur Erschöpfung, um Keller auszupumpen und kaputte Dächer notdürftig zu flicken. Wo es ging, packten Nachbarn gemeinsam an.

Glaser und Dachdecker machten glänzende Geschäfte – bis ihnen das Material ausging. Schon am Freitag wurden Dachlatten, Dachziegel, Plastikplanen und Fensterscheiben knapp. Wer noch ein funktionsfähiges Auto hatte, fuhr hunderte Kilometer, um Nachschub zu holen. Eile war geboten, denn die folgenden Tage brachten Regen, und der Wind riss viele Schutzplanen von den Dächern.

200.000 zerbeulte Autos, 70.000 beschädigte Gebäude

Eine erlösende Nachricht kam von den Versicherern: „Wir zahlen!“, versprachen sie den Hagel-Opfern – und zwar nicht nur für demolierte Autos, sondern auch für die Gebäudeschäden, obwohl die geforderte Windstärke acht nicht überall erreicht worden war.

Noch am Wochenende zogen die Versicherungen Sachbearbeiter aus ganz Deutschland zusammen. Schnell floss das erste Geld – und inzwischen waren auch Handwerker aus Niederbayern und der Oberpfalz mit Lkws voller Baumaterial eingetroffen.

200 000 zerbeulte Autos, 70 000 beschädigte Gebäude – die „Münchner Rück wies einen Geamtschaden von 3 Milliarden Mark aus – weltweit der größte Hagelschaden, den es bis dahin je gegeben hatte. Etwa 1,5 Milliarden Mark beglichen die Versicherungen. Noch heute zählen sie das Unwetter zu den zehn bedeutendsten „Ereignissen“.

25 Jahre später sind die Schäden behoben. Was bleibt, sind Erinnerungen und Erkenntnisse. „Ich habe eines gelernt“, sagt Wilhelm Böck, dessen Betrieb heute mit 70 Mitarbeitern Gemüse für die Kunden der Großmarkthalle produziert. „Es geht immer weiter. Man muss nach vorn schauen.“ Und er erinnert sich an selbstlose Nachbarschaftshilfe, die er, der neu Zugezogene, erfuhr wie tausende andere Opfer auch. „Das versuche ich zurückzugeben“, sagt er nachdenklich. „Bis heute.“

von Peter T. Schmidt

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