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Stefan Hagen möchte nirgendwo anders leben als in der Stadt.

Der große Vergleich Stadt- gegen Landleben

Psyche, Pendeln, Luft: Was wirklich für Stadt oder Land spricht

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Stadt oder Land? Immer wieder kommt es zum Streit um die Frage, wo es sich besser leben lässt. Die tz versucht, zu beantworten, wo wir gesünder leben – psychisch und körperlich.

München - Wo hat die Stadt, wo das Land die Nase vorn? Stimmt das Vorurteil von den kranken Städtern und dem gesunden Landbewohner? Die meisten Aussagen zum ländlichen Raum beziehen sich nicht auf das Müncher Umland, sondern auf weiter entfernte Regionen in Bayern.

Außerdem haben wir mit einem überzeugten Stadtmenschen und einem passionierten Landmenschen darüber gesprochen. Beide sind gesundheitlich fit. Aber sie erklären, warum sie niemals mit dem anderen tauschen wollen würden.

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Der Stadtmensch: Stefan Hagen (Münchner Freiheit)

Große Menschenansammlungen, geschäftiges Treiben, viele Geräusche durcheinander: Wenn es manch anderem zu viel wird, dann fühlt sich Stefan Hagen (52) richtig wohl. „Ich liebe es, im Straßencafe, auf der Wiesn oder im Biergarten zu beobachten und zu staunen. Das gibt es nur da, wo etwas los ist.“

Dass er ein überzeugter Großstadtmensch ist, hat der gebürtige Münchner gemerkt, als er 10 Jahre in Dachau gelebt hat: „Obwohl Dachau ja auch nicht klein ist, habe ich mich dort nie wohlgefühlt.“ Seit 20 Jahren wohnt Stefan Hagen nun mit Frau und Tochter (11) in einem Mehrfamilienhaus in Schwabing. Dass es in der Stadt anonym und oberflächlich zugehe, lässt er nicht gelten. „Ich kenne viele Nachbarn und wir helfen uns untereinander. In der Stadt habe ich außerdem im Gegensatz zum Land die Wahl, mit welchen Menschen ich mich umgeben will, da muss kein oberflächlicher Mensch dabei sein.“

Stefan Hagen möchte nirgendwo anders leben als in der Stadt.

In München genießt Stefan Hagen vorallem die kurzen Wege, dass alles fußläufig zu erreichen ist. „Das spart unglaublich viel Zeit.“ Sorgen um die Sicherheit seiner Frau und seiner Tochter macht er sich nicht. „Selbst nachts ist hier auf den Straßen was los und die Wege sind beleuchtet, die Polizeipräsenz ist augenscheinlich. In so manchen ländlichen Gebieten hätten wir kein so sicheres Gefühl“.

Auf eines kann Stefan Hagen partout nicht verziehen: das Flanieren vorbei an alten, schönen Häusern und historischen Gebäuden. Als Immobilienkaufmann bei Rohrer Immobilien hat Stefan Hagen schon viele Wohnorte gesehen. „Und genau deshalb weiß ich, dass eine Stadt wie München das Paradies zum Leben ist. Und wenn ich mal Vogelgezwitscher und Kuhglockengeräusche haben will, bin ich ganz schnell draußen in der Natur.“

Der Landmensch: Konstantin Klages (Mangfalltal)

Seit Konstantin Klages (32) schnelles Internet hat, muss er nicht mal mehr zum Shoppen nach München reinfahren. „Das kommt mir sehr gelegen. Ich fühle mich in der Stadt richtig unwohl. Alles ist so eng und begrenzt. Hier draußen lebe ich in absoluter Freiheit!“

Seit er drei Jahre alt ist, lebt Konstantin Klages auf einem abgelegenen Landgut im Mangfalltal, er wächst mit Schafen, Kamelen und Pferden auf, geht angeln, baut Baumhäuser und spielt fast nur im Freien. Heute betreibt er mit seiner Partnerin Bianca (27) den Kamelhof in der Gemeinde Valley, ein beliebtes Ausflugsziel auch für gestresste Münchner.

Er kennt die Leute in der Gegend und ratscht gerne mit ihnen. Alle helfen sich mal aus, wenn es ein Problem gibt. „Auf dem Land ist es nicht so anonym“, sagt er. In seiner Freizeit trifft sich Konstantin Klages gerne mit Freunden oder geht mit dem Hund raus. „Ich kann den Hund überall ohne Leine laufen lassen. Ich kann grillen und baden, wo ich will und laut sein, ohne dass sich jemand gestört fühlt. In der Stadt dagegen ist alles geregelt und immer mehr verboten.“

Überzeugter Landmensch: Konstantin Klages.

Die Großstadt München: Wenn Konstantin Klages darüber spricht, wird er ein wenig sarkastisch. „Ich habe jedes Mal Mitleid, wenn ich die Städter abends am Gärtnerplatz oder an der Isar sehe, wie sie sich auf ein kleinen grünen Fleck zusammenpferchen und eng aneinandergedrängt versuchen, die Natur zu genießen. Wenn ich hier vor die Haustür gehe, habe ich zwei Kilometer wilde Isar ganz für mich alleine …“

Konstantin Klages hat nichts gegen Stadtmenschen, im Gegenteil. Seine Schwester, die genauso aufgewachsen ist wie er, lebt beispielsweise auch mitten in München. „Es ist für mich einfach nur unvorstellbar, selbst so zu leben. Für mich gilt: Je abgeschiedener, desto besser. Auch wenn ich dadurch auf Dauer ein wenig kauzig werde …“

Lebenserwartung

Wer in wirtschaftlich starken Regionen wohnt, lebt länger. Und das sind oft eher Städte und die angrenzenden Speckgürtel. Das zeigt sich auch im oberbayerischen Raum. Regionale Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) von 2016 besagen, dass Männer im reichen Starnberg am ältesten werden (81,3 Jahre). Der Kreis München liegt mit 80,9 Jahren an dritter Stelle deutschlandweit, auch der Landkreis Ebersberg ist ganz vorne dabei (80,7 Jahre). München-Stadt liegt mit 80,3 Jahren ebenfalls weit vorne. Pirmasens in Rheinland-Pfalz ist mit 73 Jahren Lebenserwartung bei den Männern Schlusslicht. Aber auch Straubing in Niederbayern (74,5) ist hinten anzufinden. Die Kreise Miesbach (78,6), Garmisch-Partenkirchen (78,8) und Rosenheim (79,1) liegen eher im Mittelfeld.

Psyche

Der Stress in der Stadt kann psychisch krank machen – da sind sich die Experten einig. Prof. Martin E. Keck, Direktor der Klinik des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie, warnt: „In der Stadt ist das Risiko, an Depressionen zu erkranken, 40 Prozent höher, bei Angsterkrankungen sind es 20 Prozent – und bei Schizophrenie ist das Risiko verdoppelt!“ Generell sei das Risiko in Großstädten, psychisch zu erkranken, erhöht. Natürlich spielten auch Faktoren wie die erbliche Belastung eine Rolle. Aber wenn sozialer Stress dazukommt, könne das krank machen: „Dieser Stress entsteht durch die soziale Dichte und den Lärm einerseits – denken Sie an Straßenverkehr oder überfüllte U-Bahnen – und die soziale Isolation andererseits.“ Dass ausgerechnet Isolation Stress erzeugt, liegt an der Evolution. Prof. Martin Keck: „Als Säugetiere sind wir auf sozialen Kontakt ausgelegt. Bei Schimpansen ist der Stress am größten, wenn ein Tier verstoßen wird. Auch bei Menschen in der Stadt, die die Ruhe nicht selbst wählen und jeden Tag in der U-Bahn viele Menschen sehen, signalisiert das Gehirn: Da stimmt etwas nicht. Soziale Isolation erhöht die Sterblichkeit um 70 Prozent – Rauchen um 50 Prozent …“ Die Erklärung: Im limbischen System des Gehirns gibt es die Amygdala, eine Nervenansammlung. Ist diese überlastet, verliert das Gehirn die Kontrolle über das Stresshormonsystem. Eine dauerhafte Erhöhung verbraucht Energie, macht krank. Je größer die Stadt, desto aktiver die Amygdala.

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Eine überfüllte U-Bahn-Station: Keine Seltenheit in der Stadt.

Allergien

Eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland hat gezeigt, dass Großstädter häufiger unter allergischen Erkrankungen wie Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis oder Nahrungsmittelallergien leiden als Landbewohner. Je größer der Wohnort, desto mehr Personen leiden demnach einmal an einer Allergie: In Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern sind es 29 Prozent, in mittelgroßen Städten bis 100 000 Einwohnern 30 Prozent, in Großstädten 33 Prozent.

Die Studie führt die sogenannte Hygiene-Hypothese an. Demnach seien zum Beispiel Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, selten von Allergien betroffen. Die Mikrobakterien dort stärken die Immunabwehr. Soll heißen: Der Dreck auf dem Land härtet ab. Übertrieben Hygiene kann krank machen.

Spaziergänger am Ammersee.

Ärzteversorgung

„München wie auch ganz Oberbayern sind im Vergleich mit dem Rest Bayerns ärztlich insgesamt recht gut versorgt“, sagt Martin Eulitz von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Innerhalb des ganzen Freistaates gebe es aber große Unterschiede. „In den ländlichen Gebieten Oberfrankens oder des Bayerischen Waldes etwa gibt es schon eine drohende Unterversorgung.“ Eine mögliche Erklärung: Ärzte zieht es gerne dahin, wo die Patienten Geld haben. Laut einer Untersuchung locken viele Privatpatienten auch viele Arztpraxen an.

Bei Hausärzten sind die Unterschiede laut Daten der Kassenärztlichen Vereinigung gering. Nur in Oberfranken und Niederbayern ist die Versorgung deutlich schlechter als in München. Während die Landeshauptstadt einen Versorgungsgrad von 114,7 Prozent hat, hat Eggenfelden Nord nur einen Versorgungsgrad von 96,7 Prozent und Simbach am Inn nur 107,6 Prozent.

Eindeutiger wird der Stadt-Land-Kontrast bei Psychotherapeuten: München-Stadt mit den angrenzenden Landkreisen kann mit einem Versorgungsgrad von 215,6 Prozent punkten. Der Kreis Coburg oder auch der Landkreis Donau-Ries haben hingegen nur 109,8 Prozent vorzuweisen. Interessant: Der Landkreis Starnberg steht noch weitaus besser da – mit einer Versorgung von 403,9 Prozent. Fachärzte sind auf dem Land schwerer zu finden. München mit angrenzenden Landkreisen hat zum Beispiel einen Versorgungsgrad von 204,7 Prozent bei Radiologen, Südostbayern dagegen 154,5 Prozent und das Oberland nur 114,6 Prozent.

Klar gibt es auch auf dem Land medizinische Top-Ärzte, tendenziell findet der Patient aber in der Stadt und im direkten Umland eine höhere Spezialistendichte und auch mehr spezialisierte medizinische Zentren als im ländlichen Raum.

Luftbelastung

Ist Landluft wirklich so viel gesünder als Stadtluft? Die Antwort ist gar nicht so einfach. Die Belastung durch Abgase und Auto-Feinstaub ist in der Stadt höher. Auch Kraftwerke und Fabriken, die Schadstoffe verursachen, sind öfter in urbanen Räumen zu finden. Neuere Studien, zum Beispiel eine aus dem ländlichen Raum in den Niederlanden, zeigen aber auch: Biologische Luftschadstoffe aus der Landwirtschaft, speziell aus der Tierhaltung, belasten die Lunge ebenfalls. Oder auch das Holz, das in Öfen oder Kaminen verbrannt wird. Zudem gibt es ein Grundproblem: Die Luft verteilt die Schadstoffe. Es gibt keine klaren Grenzen zwischen Stadt und Land. Bei schlechtem Wind zeigen sogar Messstationen an der Nordsee hohe Schadstoffwerte. Bis hier eine klare Antwort gegeben werden kann, wird es noch viele Diskussionen geben.

Patrick Huth, Projektmanager Verkehr und Luftreinhaltung der Deutschen Umwelthilfe, sagt hierzu: „Die Frage nach den Unterschieden zw. Stadt und Land ist nicht ohne Weiteres zu beantworten: Üblicherweise richtet sich der Blick auf größere Feinstaubpartikel (PM10). Zur PM10-Belastung in der Stadt tragen u.a. Verkehr, Baumaschinen und Feuerungsanlagen bei. Im Verkehrsbereich entsteht PM10 durch Dieselmotoren (durch den zunehmenden Einsatz von Partikelfiltern sind diese Emissionen tendenziell rückläufig) und aufgrund des Abriebs (Reifen, Bremsen). Kleinfeuerungsanlagen sind aus unserer Sicht eine unterschätzte Quelle: Die Partikel aus der Holzfeuerung sind besonders klein und tragen daher weniger zur Gesamtmasse der Partikel bei; gleichwohl sind diese winzigen Partikel gesundheitlich besonders relevant. Außerdem kann auf dem Land und in kleineren Städten die Belastung in Wohngebieten deutlich erhöht sein, wenn viele Personen mit Holz heizen – aufgrund von nicht vorhanden Messstellen wird diese Belastung jedoch nicht erfasst.“

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Pendeln

Die kurzen Wege in der Stadt sind nachweislich gesünder für die Psyche als das Pendeln vom Land in die Stadt. Eine Fehlzeitenanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) beweist, dass mit der Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Erkrankung steigt. Beschäftigte, die maximal zehn Kilometer Wegstrecke zum Arbeitsplatz zurücklegen, wiesen 2017 durchschnittlich 11 Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 Mitglieder aufgrund psychischer Erkrankungen auf. Bei einer Wegstrecke von mindestens 50 Kilometern sind es bereits 12 und bei mehr als 500 Kilometern zur Arbeit waren es 12,6 Fälle. Nicht nur die Anzahl der Krankschreibungen, auch die durchschnittlichen Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen steigen dabei von 2,9 auf 3,4 Fehltage.

Weiterbildung

Wer sich weiterbildet, bleibt im Alter geistig fit. Das belegen zahlreiche Studien. Beim Lernen bilden sich neue Nervenzellen im Gehirn. In der Stadt ist der Zugang zu Kultur und Bildung wesentlich leichter, hier warten Museen, Musikschulen und zahlreiche Vereine mit verschiedenen Angeboten.

Nina Bautz

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