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Sie schmiert sich Ketchup ins Haar und legt sich hilflos unter Felswände. Die Frau aus dem Chiemgau inszeniert schwere Bergunfälle – schon achtmal rückten die Retter wegen ihr aus (Symbolbild).

Frau inszeniert schon achten Horror-Unfall

Bad Endorf - Sie schmiert sich Ketchup ins Haar und legt sich hilflos unter Felswände. Eine Frau aus dem Chiemgau inszeniert schwere Bergunfälle – nun mussten die Retter zum achten Mal wegen ihr ausrücken.

Mal setzt sie den Notruf in der Schlucht selbst ab, mal stellt sie sich am Fuß eines Hangs bewusstlos, mal schüttet sie sich Ketchup über den Kopf und legt sich an den Straßenrand: Seit zwei Jahren inszeniert eine 30-jährige Frau aus dem Chiemgau einen Unfall nach dem anderen. Schon acht Mal mussten die Rettungskräfte wegen der jungen Frau ausrücken – aber nicht, weil die Frau wirklich in Not war, sondern weil sie an einer seltenen psychischen Krankheit leidet.

Bei erfundenen Geschichten denkt man sofort an die Lügenmärchen des Freiherrn von Münchhausen, der auf Kanonenkugeln ritt und sich samt Pferd am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zog. Doch es gibt auch ein seltenes Krankheitsbild, das diesen Namen trägt: das Münchhausen-Syndrom, bei dem Menschen Krankheiten, körperliche Beschwerden und Notfälle selbst inszenieren, um Aufmerksamkeit und Zuspruch zu erfahren. Die Frau aus dem Chiemgau leidet daran – und Polizei und Retter stehen dem Phänomen fassungs- und ratlos gegenüber. „So etwas hat es bei uns noch nie gegeben“, sagt Hans Feistl, Einsatzleiter der Bergwacht Sachrang-Aschau.

Blutspuren aus Ketchup

„Um ihre vermeintlich schweren Verletzungen zu heilen, war keine Operation notwendig, sondern lediglich eine Portion Shampoo“, erklärte die Priener Polizei zum jüngsten „Unfall“: Anfang letzter Woche fand ein Ehepaar die Frau, die scheinbar von einem Auto angefahren worden war und an der Gemeindeverbindungsstraße zwischen Rimsting-Bahnhof und Hemhof (Gemeinde Bad Endorf) lag. Die Ersthelfer kümmerten sich um das vermeintliche Unfallopfer. Aber nach dem Eintreffen einer Polizeistreife kamen schnell Zweifel auf, dass es sich um echte Blessuren handelte. Als ein paar Meter weiter im Wald eine Plastiktüte mit Ketchup-Resten entdeckt wurde, flog der Schwindel schließlich auf.

Bei den „Bergunfällen“ – nichts anderes als Hilferufe einer seelisch kranken Frau – lief es anders. Meist kamen erst die Notärzte in den Kliniken dahinter, dass sie es mit einer Simulantin zu tun haben. So wie beim letzten „Absturz“ im November im Kampenwandgebiet. Das „Unfallopfer“ hatte sich im Steilgelände in eine Bachschlucht gelegt und bewusstlos gestellt, zehn Meter unterhalb der Fußgängerbrücke, die über den Bach führt. Von dort sahen Bergwanderer die Frau und setzten einen Notruf ab. Sofort rückten Bergwacht-Mannschaften aus Aschau und Wasserburg aus, ebenso wie der Notarzthubschrauber. Es lief eine dramatische Rettungsaktion an. Der aus München herbeigeeilte Helikopter Christoph 1 setzte seinen Notarzt mit der Rettungswinde direkt an der „Absturzstelle“ ab.

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Noch im Bachbett wurde die Patientin intubiert und beatmet, dann bei Einbruch der Dunkelheit im Luftrettungssack mit Seilwinde erst aus dem Steilgelände und dann per Hubschrauber ins Krankenhaus München-Harlaching geflogen. Fassungslos mussten die Retter einen Tag später, als sie sich nach dem Befinden der Frau erkundigten, zur Kenntnis nehmen, dass es überhaupt keinen Bergunfall gegeben hatte. Nach Recherchen des Oberbayerischen Volksblattes war das „Kampenwand-Drama“ bereits der achte Bergwacht-Einsatz innerhalb von zwei Jahren, den die Frau ausgelöst hat. Sie lag schon am Jochberg in Tirol, am Seeleinsee 1200 Meter über dem Königssee, an der Benediktenwand nahe Bad Tölz, am Schwarzenberg im Mangfallgebirge, am Petersberg bei Flintsbach und am Karwendel bei Mittenwald. Immer neue Schauplätze, immer neue Retter, immer neue Kliniken.

Immerhin: Für ihre „Notfälle“ begab sich die 30-Jährige nach Angaben von Helmut Weidel, Leiter des alpinen Einsatzzugs des Polizeipräsidiums Süd, zwar in teilweise schwer zugängliches Gelände, aber nie in den hochalpinen Bereich, wo die Gefahr für Retter und Gerettete zunimmt. Dass das Münchhausen-Syndrom die Frau immer wieder in die Berge treibt, ist nicht nur das Pech der Bergwachtler, sondern auch einer Krankenkasse in Prien. Sie muss für die Einsatzkosten aufkommen. Und dabei handelt es sich nicht um Kleingeld: Wenn Bergwachten, Rettungshubschrauber-Besatzungen und Krankenhäuser abrechnen, kommen schnell mehrere Tausend Euro zusammen. Nur die Polizei kommt gratis.

Laut Polizei befindet sich die 30-Jährige in ärztlicher Behandlung. Offenbar aber ohne durchschlagenden Erfolg. Es ist zu befürchten, dass die unglaubliche Geschichte noch lange nicht zu Ende ist.

Ludwig Simeth

Münchhausen-Syndrom

Das Münchhausen-Syndrom ist eine seltene psychische Störung, bei der die Betroffenen körperliche Beschwerden erfinden bzw. selbst hervorrufen – und manchmal auch noch plausibel und dramatisch präsentieren. Typisch ist der Besuch zahlreicher Ärzte und Krankenhäuser mit wechselnden, beliebigen, aber ausgeprägten Symptomen (z.B. Bauch- oder Kopfschmerzen, Bewusstseinsverlust und „Anfälle“). Ziel ist es in den meisten Fällen, (medizinische) Zuwendung zu erhalten – bis hin zu einer Operation. Viele Patienten leiden häufig auch noch an anderen Persönlichkeitsstörungen. Experten vermuten, dass die Ursachen dafür Vernachlässigung oder sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend sein könnten. Die Bezeichnung Münchhausen-Syndrom prägte im Jahr 1951 der Londoner Psychiater Sir Richard Asher (1912–1969). Er fühlte sich an die Geschichten des Lügenbarons Münchhausen erinnert.

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