Der Gemüsebauer Peter Gogeff aus München-Feldmoching fühlt mit den spanischen Bauern: „Wir sind ja schließlich alle Kollegen.“ Dennoch: Sein Betrieb profitiert von der EHEC-Krise, weil die Kunden ihm vertrauen. Foto: Marcus Schlaf

Münchner Gemüsebauer zu EHEC-Skandal: „Schadenfroh bin ich nicht“

München - Sind auch Keime auf bayerischem Gemüse Auslöser für die grassierende Darminfektion? Mit dieser Frage besorgter Verbraucher mussten sich bis gestern Mittag Landwirte aus dem Freistaat auseinandersetzen. Dann kam die Entwarnung: Der EHEC-Erreger wurde mit spanischen Gurken eingeschleppt.

Zwar wird es Knoblauchsland genannt, passender wäre aber wohl die Bezeichnung Gemüsehochburg. Laut dem Bayerischen Bauernverband (BBV) befindet sich in Franken das größte Gemüse-Anbaugebiet in ganz Bayern. Zu den wichtigsten Kunden der Bauern zählt die Lufthansa. Als nun die EHEC-Diskussion ins Rollen kam, legte der Großabnehmer kurzerhand alle Bestellungen auf Eis. Deutsches Gemüse sei verkeimt, hieß es: „Und die Bauern suchten bei uns Hilfe“, sagt die BBV-Pressesprecherin, Brigitte Scholz, in München. Bevor die Gurken aus Spanien als Überträger ausgemacht waren, konnte sie überhaupt nichts tun: „Da regierte nur Angst.“ Informationen - ob von Politik oder Behörden - habe es nur äußerst vage gegeben.

Aus Hamburg kam dann am Mittag Entwarnung für die heimischen Produzenten: Forscher fanden den Erreger - und zwar auf spanischen Gurken. Freuen sich nun die bayerischen Landwirte, dass ihre Produkte keimfrei sind? „Schadenfroh bin ich nicht“, sagt Gemüsebauer Peter Gogeff aus Feldmoching. Er sei eher „traurig, dass so etwas überhaupt passiert“. Dennoch: Gogeff profitiert. Sein Gemüse ging in dieser Woche auf Bauernmärkten weg, wie die sprichwörtlich warmen Semmeln. „Die Leute kommen zu mir, weil sie dann wissen, wo das Gemüse herkommt.“ Auf diesen „Regionalitäts-Aspekt“ setzt der Landwirt: „Vielleicht rennt der Verbraucher nach der ganzen Aufregung nun nicht wieder schnell dahin, wo es möglichst billig ist.“

Es könnte aber auch sein, dass die Verbraucher zunächst ganz auf Tomaten, Gurken und Co. verzichten. Heinrich Niewolik etwa hat eine „Salatpause“ angetreten. Der Fürstenfeldbrucker war gestern auf dem Wochenmarkt in seiner Heimatgemeinde unterwegs. Dort herrschte Verunsicherung: „Die Kunden stellen verstärkt Fragen zu dem Virus“, sagt die Puchheimer Stand-Betreiberin Petra Lippl. Offenbar ließen sich einige auch gleich von einem Marktbesuch abhalten, denn: „Wir haben einen Umsatzrückgang.“

Bauernpräsident Gerd Sonnleitner befürchtet denn auch eine Rufschädigung für deutsche Gemüsebauern. Obwohl Gurken aus Spanien als Träger des Krankheitserregers identifiziert worden seien, „ist unser Absatz an diesen Frischeprodukten sofort eingebrochen“. Die heimischen Bauern seien jetzt die Leidtragenden und hätten vermutlich riesige Einnahmeverluste.

Nicht so bei Andreas Märkl, der in Dachau einen Direktvermarktungsbetrieb betreibt: „Es läuft fast ein bisschen besser als vor der ganzen Aufregung.“ Allein, er kann sich nicht erklären, wie der EHEC-Erreger auf das Gemüse kommen soll - „und die ganze Informationslage ist mehr als dürftig“.

Klar war bis gestern Mittag nur, dass das Robert-Koch-Institut vor dem Verzehr von Gurken, Tomaten und Kopfsalat warnte. Eine schöne Einschränkung, wenn man bedenkt, dass der Durchschnitts-Deutsche im Jahr 6,8 Kilo Gurken, 25 Kilo Tomaten und 2,7 Kilo Kopfsalat verputzt.

Doch wie kommt der Erreger denn nun auf das Gemüse? Kritiker der Landwirtschaft behaupten, dass die Bauern selbst schuld seien - da sie ihre Felder mit Gülle düngen. „Davor würde ich mich ja selbst grausen“, schüttelt sich Märkl vor Ekel. Das sei „völlig unlogisch“, weist auch die BBV-Sprecherin Scholz derartige Spekulationen vehement zurück: „Die Pflanzen verbrennen ja sofort.“

„Aufklärung tut Not“, sagt dazu der Gemüsebauer Michael Müller aus Ascholding (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Immer wieder werde er von Kunden auf dem Markt auf die Dünger-Problematik angesprochen. Die Antwort: „So etwas gehört einfach nicht aufs Gemüse.“

Doch andere Länder, andere Sitten - Landwirt Gogeff will nicht ausschließen, dass spanischen Kollegen es mit der Pflege der Pflanzen ganz anders halten. „Da sind ja auch die Kontrollen nicht so hoch.“ Natürlich: „In Deutschland sind die ganzen Auflagen schon recht anstrengend“, sagt er. Nun jedoch könne man froh sein, dass das Kontroll-Netzwerk hier so gut funktioniere. Dennoch glaubt Gogeff nicht, dass sein Verkaufserfolg lange anhält: „Als damals das Dioxin in den Eiern gefunden wurde, war der Effekt der gleiche. Da rannte auch jeder los und kaufte Bio-Eier - und heute redet niemand mehr davon.“

Steffi Brendebach

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