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Blasen an den Füßen – und wunderbare Erlebnisse im Kopf: Leo Wagenhäuser, 60, kam beim Pilgern am Kloster Andechs vorbei. Seinen Stab aus Nuss- und Kirschholz hat er selbst gebastelt.

Unterwegs zum Bodensee

Münchner Jakobsweg: Beten mit den Füßen

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Immer mehr Menschen machen sich als Pilger auf den Weg, um sich selbst und Gott zu finden. Auf dem Jakobsweg erleben sie eine Verwandlung.

Andechs – Pilgern ist manchmal gar nicht so einfach. Leo Wagenhäuser, 60, hat zum Beispiel gleich am ersten Tag den Morgengottesdienst verpasst. Und das, obwohl der Wecker pünktlich um Viertel nach sechs geklingelt hatte und er rechtzeitig am Kloster St. Jakob am Anger anklopfte. Hier, ein paar Meter südlich vom Marienplatz, beginnt der Münchner Jakobsweg. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal pochte er gegen die schwere Tür. „Es hat niemand aufgemacht. Die Schwestern haben mich überhört“, sagt er und lacht. Aber auch, wenn er keine Kerze mehr anzünden konnte: Der Marsch wurde trotzdem zur Reise seines Lebens.

Leo Wagenhäuser hat sich aufgemacht, um Danke zu sagen. Für 45 Jahre Arbeitsleben ohne Verletzung, zwei gesunde Kinder, über 30 Jahre glückliche Ehe. Diese Dinge zählt er in wenigen Sekunden auf, aber sie sind alles andere als selbstverständlich. Deswegen der Marsch. „Pilgern ist Beten mit den Füßen. Das kann jeder spüren, der es probiert“, sagt er. Und immer mehr Menschen probieren es. Die Motive sind ganz verschieden: Manche wollen auf dem Jakobsweg zu sich selbst finden, andere zur Natur und zu Gott. Sie möchten gute und schlechte Erlebnisse verarbeiten und über den Glauben nachdenken. Jetzt nach Ostern geht die Pilgersaison wieder los, sie dauert bis zum Ende des Sommers.

2700 Kilometer Fußweg bis zum Ziel

Der Jakobsweg beginnt in München dort, wo Leo Wagenhäuser angeklopft hat. Schon im 13. Jahrhundert hatten Franziskaner am Jakobsplatz Pilger betreut, inzwischen starten hier pro Jahr etwa 1500 Menschen. Der Weg endet in Santiago de Compostela in Spanien. Dazwischen liegen 2700 Kilometer Fußweg, höllische Rückenschmerzen vom Rucksacktragen und Blasen an den Füßen, aber auch wunderbare Erlebnisse, die den Pilgern auch viele Jahre nach ihrer Reise beim Erzählen ein Leuchten in die Augen zaubern.

Auch in München selber kann man Pilgern. Wie und wo das geht, lesen Sie hier.

Bei Leo Wagenhäuser leuchten die Augen gerade nicht, denn er sitzt im Gästerefektorium im Kloster Andechs im Kreis Starnberg, schaut aus dem Fenster – und sieht Regen. Das ist Pilger-Pech für ihn, aber Glück für uns, denn so hat er Zeit, zu erzählen, wie das so ist mit dem ewig langen Fußmarsch. „Man sollte schon mal ein paar Kilometer gelaufen sein und gute Schuhe haben“, sagt er, während er seine Brotzeit in den sechs Kilo schweren Rucksack packt. „Von 0  auf 30 Kilometer am Tag – das ist unmöglich.“

In das Pilgerbuch kommt für jede Station ein Stempel.

Ihm ging es wie vielen Pilgern: Er sah die Strecke erst mit sportlichem Ehrgeiz, als er in Büchern und im Internet über sie las. Dann teilte er sie in Etappen ein, weil für den ganzen Weg in einem Stück die Zeit nicht reicht. Doch dann, kurz vor dem Aufbruch, kamen Wagenhäuser Zweifel. Auch das ist typisch. Ob das wirklich das Richtige ist. Ob er seine Frau daheim bei Würzburg mit der Arbeit an 1300 Obstbäumen allein lassen kann. „Die sind noch nicht alle geschnitten“, sagte er zu ihr. „Du ziehst das jetzt durch“, antwortete sie. Also fuhr Leo Wagenhäuser los, mit dem Zug nach München. Ein paar Stunden nach dem Losgehen, als er entlang der Isar aus der Stadt rauskam und einfach marschierte, bei Pullach etwa, da begann die Meditation. Er wurde zum Pilger.

Der Münchner Jakobsweg: Vor 20 Jahren wiederentdeckt

Die gesamte Strecke von München bis zum Bodensee ist mit gelben Jakobsmuscheln auf blauen Wegweisern ausgeschildert. Das haben Monika und Reinhold Hanna, 70 und 71, organisiert. Als sich die beiden vor 20 Jahren zu ihrer ersten Pilgerwanderung aufmachten, gab es so was noch nicht. „Wir haben einfach mit dem Lineal eine Linie von München nach Santiago gezogen“, sagt Monika Hanna. Das Ergebnis war eine, nun ja, recht bergige Strecke, direkt vorbei am Mont Blanc. Zwei Kilo Landkarten schleppten sie mit. Nach der Reise forschten sie deswegen mit Freunden, wo der Jakobsweg im Mittelalter tatsächlich von München aus entlangging: bei den Römer- und Salzstraßen und vorbei an den Klöstern. Die beiden sind sozusagen die Wiederentdecker des Jakobswegs. Was für ein Titel.

Ihre Route sprach sich schnell herum, aber die Klöster wussten da noch gar nichts von ihrem neuen Herbergs-Glück. „Als damals die Ersten in Wessobrunn angeklopft haben, sind die Schwestern aus allen Wolken gefallen“, sagt Monika Hanna und lacht. Heute sind Pilger nichts Ungewöhnliches mehr in der Gegend. Aber insgesamt ist das mit den Wegen immer noch eine komplizierte Sache: Beim Ziel in Nordspanien sind sich alle einig, aber gefühlt jede Gemeinde hat ihren eigenen Jakobsweg – denn mit Pilgern machen Wirtshäuser und Herbergen ein gutes Geschäft.

Der Weg ist nicht das Schwierigste, sagt Monika Hanna, „sondern das Gelernte im Leben umzusetzen. Ankommen ist schwerer als Aufbrechen.“

Die Kommerzialisierung sehen Monika und Reinhard Hanna kritisch, aber in Bayern sind die Ausmaße noch überschaubar. Mit den Schildern und einem Reiseführer, den Monika Hanna geschrieben hat, „wollen wir nur den Anstoß geben: Trau dich. Die Erfahrungen muss dann jeder selbst machen.“ Sie muss es wissen, denn mit ihrem Mann ist sie in 121 Tagen in einem Stück bis nach Santiago marschiert. Nach einer Woche sei der Körper im Reinen, dann kommt die Seele, der Geist. „Und dann ergeben sich automatisch wundervolle Begegnungen.“ Bauern, die Pilger bei Gewitter mit dem Bulldog aus dem Regen retten. Übernachtungen in lauen Sommernächten im Kreuzgang im Freien. Dorfbewohner, die spontan zum Essen einladen und die Wäsche waschen.

Auch Ministerpräsidenten trifft man auf dem Jakobsweg

Das Ziel: Die Kathedrale in Santiago.

„Man kann stundenlang gehen, ohne zu reden, und versteht sich trotzdem“, sagt Reinhold Hanna. Und andererseits kann man stundenlang reden, ohne dass Name, Herkunft oder Beruf eine Rolle spielen. Er hat unterwegs einen Notenbankchef getroffen, erzählt er. Und einen Ministerpräsidenten. „Da kamen wir erst nach Tagen drauf. Das ist auch nicht wichtig, es geht nur um den nächsten Tag.“

Pater Anno, der die Gäste im Kloster Andechs betreut.

Regeln, wie man richtig pilgert, gibt es nicht. Manche beten unterwegs, andere genießen die Natur. Die einen planen im Vorfeld, die anderen suchen ihre Quartiere spontan. Wenn die Pilger im Kloster Andechs anklopfen und ein kleines Zimmer mit Bier, Bibel und Benediktsregel auf dem Tisch beziehen, treffen sie höchstwahrscheinlich Pater Anno Bönsch, 53, den Pilgerbetreuer. „Manche wollen am Chorgebet teilnehmen, andere wollen nur ein Dach überm Kopf“, sagt er. Willkommen sind sie alle. Im Schnitt sind die Besucher zwischen 40 und 60 Jahre alt, sagt er, Frauen sind in der Mehrzahl. Pilgern werde auch deswegen immer beliebter, weil die Menschen sich nach Entschleunigung sehnen in einer Welt, die immer schnelllebiger wird und die Seele belaste, sagt Pater Anno.

Leo Wagenhäuser war heuer einer der Ersten, der in Andechs übernachtet hat. Viele werden folgen. „Wenn man angefangen hat mit dem Losgehen, hört man nicht mehr auf“, sagt er. „Ich freue mich auf jeden neuen Tag.“ Auch wenn es regnet, so wie heute.

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