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Er fordert Reformen für die Kirche: Der Münchner Pfarrer Rainer M. Schießler.

„Alles steht auf dem Prüfstand“

Der Wanderprediger hat wieder zugeschlagen: Er fordert Kirchen-Reformen jetzt

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Der Wanderprediger hat wieder zugeschlagen. Nach seinem ersten Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ hat der Münchner Pfarrer Rainer M. Schießler ein neues Buch veröffentlicht. Und darin fordert er sofortige Reformen für die Kirche, bevor es zu spät ist.

München – „Jessas, Maria und Josef“ wird mancher Bischof seufzen, wenn er das gleichnamige neue Werk von Pfarrer Rainer M. Schießler in die Hand nimmt. Zwei Jahre, nachdem das Enfant terrible des Münchner Erzbistums mit seinem ersten Buch für Furore gesorgt hat, legt der 57-Jährige nach. Die zwei Jahre, in denen er mehr zu Lesungen in der Republik unterwegs war, als sich um seine beiden Münchner Pfarreien St. Maximilian und Heilig Geist zu kümmern (und was sogar manche seiner Schäfchen mit Stirnrunzeln begleitet haben), hat er auch für einen kraftvollen Appell zur Runderneuerung der katholischen Kirche genutzt.

„Überaltert, konservativ, frauenfeindlich –so erleben die Menschen die Kirche“

Schonunglos ist seine Analyse: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir zählen nicht Jahrhunderte, Jahrzehnte – sondern nur noch Jahre und dann wird die Kirche so, wie wir sie heute kennen, nicht mehr existieren. Das ist furchtbar! Aber das ist die Wahrheit!“ Für Schießler ist die Kirche in ihrem heutigen Erscheinungsbild wie ein „sehr heruntergekommener Krebspatient“, der auf eine Spontanheilung hofft – und gleichzeitig auf dem Balkon steht und raucht. Sein Heilungsvorschlag: „Wir müssen völlig neu anfangen.“ Aber mit den alten Denkschablonen, mit einer rein männlich bestimmten Priesterkirche „werden wir endgültig scheitern“.

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Wie schon in seinem ersten Buch wird es dem Pfarrer mit seiner unverblümten und direkten Sprache gelingen, vor allem Kirchenkritiker, Fernstehende und längst Ausgetretene zu erreichen. „Himmel, Herrgott, Sakrament“ war nicht ohne Grund über ein Jahr auf der Spiegel-Bestseller-Liste zu finden. Diejenigen, die sich abgewendet haben, die will Schießler erreichen. Ihnen nachgehen. Darin sieht er auch die Aufgabe der Priester vor Ort: Zu den Menschen zu gehen, ihnen einen Glauben zu verkünden, der ihnen die Angst nimmt, der Zuversicht und Lebenssinn stiftet.

Mit Geld allein, so schreibt er süffisant seinem Münchner Erzbistum ins Gewissen, könne man die Zukunft nicht gewinnen. „Reicht es aus, der Verwaltung für über 100 Millionen Euro ein kernsaniertes moderneres Ordinariat hinzustellen wie in München?“ Nur fünf Prozent der 1,8 Millionen Katholiken gingen noch regelmäßig in den Gottesdienst. Was solle denn da noch verwaltet werde? Der Glauben brauche keine Materie, keine Funktionäre, keine Verbote oder Maßregelungen – Glauben brauche Gemeinschaft von Menschen: „Das ist das eigentliche Kapital, das Kirche einsetzen kann wie niemand sonst.“

Kirchen-Vertreter ‚Lichtjahre von den Menschen entfernt‘

Schießler beklagt, dass die Vertreter in der Kirchenhierarchie Lichtjahre von den Menschen entfernt seien, nicht wüssten, was diese in der Kirche vermissen, warum sie sich in Scharen abwendeten. „Sie können uns als Kirche, so wie wir uns anbieten, nicht gebrauchen“, fasst er seine Erfahrung zusammen. „Überaltert, konservativ, frauenfeindlich“ – so erlebten die Menschen die Kirche. Sie hätten das Vertrauen verloren, dass Kirche sich wandeln könne. Zukunft sieht er nur, wenn sich die Kirche der Jugend öffne, Frauen beteilige, Ausgegrenzte aufnehme.

An der gesamten Themenpalette der Kirchenkritiker arbeitet sich der Autor ab: die kirchliche Sexualmoral, die einfach nicht mehr in die heutige Zeit passe, die Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen, der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und der Skandal der Kirchentrennung. Die Menschen wollten sich nicht mehr von einer Kirche Vorschriften machen lassen, „die selbst fehlbar ist und gegen ihre eigenen Moralvorstellungen immer wieder verstoßen hat“, schreibt er. Nach der erneuten Erschütterung über die Missbrauchsfälle in der Kirche passt Schießlers Buch wie die Faust in der Magengrube in die derzeitige Stimmungslage.

Verheiratete Priester könnten eine Bereicherung sein

Freilich ist auch der Zölibat ein Thema. Für ihn war diese radikale Lebensform die richtige Wahl, schreibt er. Die Kirche brauche den zölibatären Priester. Aber verheiratete Priester, die ihre Kraft aus ihrer Familien schöpften, könnten eine Bereicherung sein. Es gibt für ihn keinen Priestermangel, er beklagt einen Weihemangel. Es gebe viele verheiratete Männer und viele gläubige, talentierte Frauen, die sich berufen fühlten. „Können wir es uns in der Kirche leisten, den Frauen einen Schritt zur Gleichberechtigung – nicht Gleichmacherei – zu verweigern?“, fragt er. Frauen dürften in den Gemeinden alles machen, was mit Arbeit zusammenhänge – aber nicht ihrer Berufung folgen, Priesterin zu werden. „Wie lange werden sich das unsere Frauen von den Männern noch bieten lassen?“ Er erinnert daran, dass es doch gerade die Frauen sind, die Mütter und Großmütter, die den Glauben an Kinder und Enkel weitergeben. Sie seien das Rückgrat jeder Gemeinde. „Es muss doch jedem klar sein, auf welche Kraft wir verzichten, wenn wir Menschen ausschließen, nur weil sie weiblich sind.“ Kirche dürfe es nicht nur mit dem Zölibat geben. Theologisch gäbe es dafür keine Begründung.

In seinem Buch beschreibt Schießler, wie er als Seelsorger Menschen in wichtigen Lebenssituationen beistehen kann: Wenn er homosexuelle Paare segnet, wenn er ein sterbendes Kind tauft, wenn er eine alte, gehbehinderte Bäuerin besucht, die ihn um ein Gespräch gebeten hatte. Oder wenn er der aus der Kirche ausgetretenen Mutter selbstverständlich ermöglicht, dass ihr Kind zum Kommunionunterricht gehen kann. Denn: Was könne das Kind dafür, dass die Mutter ausgetreten ist? Das sind für ihn – neben der Glaubensvermittlung – die wirklich wichtigen Aufgaben als Seelsorger.

Reformen sind unumgänglich, ist Schießler überzeugt und fühlt sich durch Papst Franziskus bestärkt. Er habe Türen geöffnet, die niemand mehr schließen könne. Die jüngsten Entwicklungen im Vatikan, die Versuche ultrakonservativer Kreise, Reformen im Vatikan zu vereiteln, aber auch das Schweigen des Papstes zu Vorwürfen, er habe Missbrauchsfälle vertuscht, sind in dem 256-seitigen Buch nicht zu finden. Kamen wohl auch zu spät, um berücksichtigt werden zu können.

Aber für Schießler steht fest: „Alles steht auf dem Prüfstand, ob das so manche andere, die gerne die traditionelle Kirchenform zurückhaben möchten und immer neu herbeiwünschen, wollen oder nicht. Ist so. Schluss. Aus. Amen. Und weiter geht’s.“

Das Buch:  „Jessas, Maria und Josef – Gott zwingt nicht, er begeistert“, 256 Seiten, Verlag Kösel, München.

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