Mundart im Kindesalter

Die geheimen Dialekt-Daten

München - Spricht ein Kind bairisch oder hochdeutsch? Diese Daten werden in Kindergärten erhoben - sie könnten auch der Forschung nutzen, finden Dialektpfleger. Doch das Ministerium lehnt eine Herausgabe ab.

Es gibt da angeblich eine Tonaufnahme, für die würde Dialektpfleger Sepp Obermeier viel geben. Darauf plappert ein kleines Mädchen munter drauf los – und zwar in schönstem Münchnerisch. Diese Aufnahme ist für Obermeier einer von vielen Beweisen dafür, dass aus dialektsprechenden Kindern etwas Gescheites werden kann. Das Mädel ist nämlich Sozialministerin Christine Haderthauer.

Das Steckenpferd von Obermeier, dem Vorsitzenden des „Bundes Bairische Sprache“ aus Konzell im Bayerischen Wald, ist die Dialektpflege im Kindergarten. Nur so, wiederholt er gebetsmühlenartig, kann die Mundart vor dem Aussterben wirklich gerettet werden – immerhin landete im Jahr 2009 das Bairische auf dem „Weltatlas der bedrohten Sprachen“ der UNESCO. Status: gefährdet. Doch zu Obermeiers Bedauern gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Zahlen, wie viele oder wie wenig Kinder nun tatsächlich Dialekt beherrschen. „Ohne diese Zahlen ist jede Prognose ein orientierungsloses Stochern im sprachkulturellen Nebel“, sagt Obermeier. Bisherige Anträge von Dialektpflegern, sprachwissenschaftliche Erhebungen zu fördern, seien von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn und vom bayerischen Wissenschaftsministerium abgelehnt worden. Obermeier hätte jetzt aber eine Idee, wie die Wissenschaftler ganz einfach und „zum Nulltarif“ an Daten kommen könnten – und zwar mit der Hilfe von Christine Haderthauer.

Das Institut für Frühpädagogik, das dem Familienministerium untersteht, hat nämlich einen Beobachtungsbogen für Kindertageseinrichtungen entwickelt, in dem es um die Sprachkompetenz der Kinder zwischen vier Jahren und Einschulung geht. In dem elfseitigen Heft finden sich verschiedene Themenkomplexe. Zum Beispiel das kommunikative Verhalten der Kinder in Gesprächssituationen, der Wortschatz, die Grammatik. Und eben auch die Frage, ob das Kind Mundart beherrscht und in welchem Umfang: immer/meistens, teils hochdeutsch/teils Dialekt oder immer/meist hochdeutsch. Das sind genau die Daten, die die Sprachwissenschaft braucht, sagt Obermeier. Allerdings werden die Beobachtungen bislang nicht ausgewertet. Wie einer der beiden Autoren, Toni Mayr, erklärt, dienen die Erkenntnisse lediglich den Erzieherinnen. Sie können damit feststellen, wo das Kind Schwächen und Stärken hat – und die pädagogische Arbeit danach richten oder mit den Eltern darüber sprechen. Obermeier findet es bedauerlich, dass die Daten „unter Verschluss“ kommen.

Deshalb fordert er Sozialministerin Haderthauer zum Handeln auf. „Sie bräuchte nur die ihr unterstellten Kindergärten anzuweisen“, sagt der Niederbayer, die Antworten auf die Dialektfrage zu addieren und dem Ministerium zu melden. „Das wäre ein Meilenstein beim Dialekterhalt“, bekräftigt er begeistert.

Doch in Haderthauers Behörde reagiert man auf Anfrage unserer Zeitung verhalten und beruft sich auf Datenschutz. „Ohne Einverständnis der Eltern dürfen die enthaltenen Daten nicht weitergegeben werden“, sagte ein Sprecher am Montag. Im Übrigen handle es sich bei den Kindertagesstätten nicht um staatliche Einrichtungen, sie seien nicht dem Familienministerium unterstellt.

Für Obermeier sind das Ausreden. Die Daten seien schließlich anonym. „Da fehlt es“, schimpft er in Richtung Haderthauer, „einfach am Willen.“ Und dieses Verhalten passe auch nicht zu den Plädoyers der Ministerin, die Erzieher sollten doch bittschön die Mundart bei Kindern fördern. Bei einem dieser Bekenntnisse zum Dialekt erzählte Christine Haderthauer übrigens von jenem Tonband.

Von Carina Lechner

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