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Die Familie Steitz-Schumacher.

Grundschul-Abitur: Dienstag gab‘s Übertrittszeugnisse

Mutter erklärt: Darum schickte ich meine Tochter auf die Realschule

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  • Josef Ametsbichler
    Josef Ametsbichler
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Am Dienstag bekamen die Viertklässler in Bayern ihre Übertrittszeugnisse. Bei einem Notenschnitt von 2,33 oder besser muss es natürlich das Gymnasium sein – oder etwa nicht? Nicht wenige Familien treffen eine andere Entscheidung.

München/DachauAm Esstisch in einem weiß getünchten Dachauer Reihenhaus sitzt eine gelassene Familie. Die 13-jährige Livia und die neunjährige Alessa sind am frühen Nachmittag mit den Hausaufgaben so gut wie fertig, das Familien-Meerschweinchen Johnny hat sich in Livias Arme gekuschelt. Daneben sitzt die Mutter der beiden Mädchen, Maren Steitz-Schumacher.

Sie und ihr Mann haben vergangenes Schuljahr eine Entscheidung getroffen, dank der ihre Älteste nun entspannter zur Schule geht: Sie haben Livia nach der Sechsten vom Gymnasium auf die Realschule geschickt. Gegen ihren Willen und obwohl sie passable Noten schrieb. „Schon nach der Vierten habe ich mir Gedanken gemacht, ob die Realschule nicht besser für sie wäre“, erinnert sich die Mutter. „Es war aufwendig, die Noten für den Übertritt zusammenzubekommen.“

Das Grundschul-Abitur in Bayern ist fast schon berüchtigt. Nur wer in Mathe, Deutsch sowie Heimat- und Sachunterricht (HSU) mindestens einen Notendurchschnitt von 2,33 hat, der darf aufs Gymnasium. Die 2,33 ist – wenn man so will – ein bayerisches Alleinstellungsmerkmal. Das gibt es sonst nur noch in Österreich, sagt Simone Fleischmann. Sie werde immer wieder gefragt, erzählt die BLLV-Präsidentin, „warum wir Kinder im Alter von zehn Jahren aufgrund des Notendurchschnitts mit zwei Stellen hinter dem Komma auf drei Schularten aufteilen“. Die Frage ploppt in Bayern fast schon rituell jedes Jahr aufs Neue auf: SPD, Grüne, BLLV – sie alle sind für die Abschaffung des Verfahrens, die Kinder nach Leistung auf die weiterführenden Schularten zu verteilen. CSU und der einflussreiche Philologenverband verteidigen das übliche Verfahren energisch.

Freigabe des Elternwillens kommt in Bayern nicht in Frage

Die Alternative wäre die völlige Freigabe des Elternwillens – wie etwa in Baden-Württemberg praktiziert. Wer nun meint, im Nachbarland seien die Übertrittszahlen aufs Gymnasium hochgeschnellt, der irrt: Um nur gut zwei Prozent sei die Quote angestiegen, schreibt das bayerische Kultusministerium in einer Antwort auf einen G9-Fragenkatalog der CSU-Landtagsfraktion. Es zerstreut damit auch Befürchtungen, dass das (vermeintlich leichtere) G9 in Bayern einen Sogeffekt auslösen könnte. Eine Freigabe des Elternwillens auch in Bayern komme trotzdem nicht in Frage, hat Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) klargemacht.

Bei Livia reichte es am Ende, doch glücklich ist das Mädchen auf der neuen Schule nicht geworden. „Die viele Lernarbeit hat sich in den Noten nicht bestätigt“, erzählt Steitz-Schumacher. Auch wenn die Endnoten in Ordnung gewesen seien – „die vielen Negativerlebnisse das ganze Jahr hindurch hat es nicht gebraucht“, sagt die Mutter. Jetzt, auf der Realschule, schreibt die Siebtklässlerin wieder gute Noten und hat Zeit für Hobbys. Wenn sie so weitermacht, schafft Livia trotz des Schulwechsels ihr Abitur – ein Jahr später als geplant. Denn nach der Mittleren Reife kann sie über eine sogenannte Einführungsklasse, ein Jahr Extra-Vorbereitung, wieder aufs Gymnasium. „Du hast eigentlich dein eigenes G9“, sagt Maren Steitz-Schumacher. Und auch, falls es nicht klappen sollte: „Die Realschule ist keine Sackgasse.“

So entspannt sehen das nicht alle. Kristin Liewa, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat ihre Tochter die dritte Klasse der Grundschule wiederholen lassen – „bevor wir ihr die ganze Zukunft vermasseln“, sagt ihre Mutter.

Es hatte sich abgezeichnet, dass es mit dem für den Übertritt aufs Gymnasium benötigten Notendurchschnitt von 2,33 in Mathe, Deutsch und Heimat- und Sachunterricht knapp werden könnte. Familie Liewa lebt im wohlhabenden Grünwald. An der dortigen Martin-Kneidl-Volksschule schaffen bis zu 85 Prozent der Kinder den Schnitt fürs Gymnasium.

Die Übertrittsquote aufs Gymnasium schwankt innerhalb Bayerns

Das dürfte Rekord sein. Bayernweit gehen knapp 40 Prozent der Viertklässler aufs Gymnasium. In manchen Landkreisen, etwa Erding oder Altötting, liegt die Quote sogar bei nur 30 Prozent oder weniger. Im niederbayerischen Rottal-Inn gehen gar nur ein Viertel der Viertklässler (24,8 Prozent) aufs Gymnasium. Die Kinder sind natürlich nicht dümmer als die in München-Land – aber dort, wo eher der Mittelstand dominiert, Handwerker- und Bauernfamilien, dort bevorzugen die Eltern für ihre Kinder seit jeher die Realschule. Anders dagegen die Situation im Landkreis München: Die Quote von 60,6 Prozent ist bayernweit spitze. Im Landkreis gibt es 14 staatliche Gymnasien, ein weiteres in Ismaning ist in Bau, eines in Aschheim in Planung. Der Landkreis rechnet trotzdem mit einer „dramatischen“ Enge, wie Landrat Christoph Göbel (CSU) unlängst einräumte. Die Schülerzahlen werden nach einer Prognose bis 2032 um rund 3500 Gymnasiasten anwachsen – das Gymnasium in Kirchheim, heute 1250 Schüler, hätte dann 1900.

„Das ist so eine Ansteckung, man will natürlich auch mithalten“, gesteht Kristin Liewa in Grünwald. Der Druck, den Eltern und Klassenkameraden deshalb auf die Kinder ausübten, sei enorm. Grund sei wohl der hohe Akademiker-Anteil in der Gemeinde. „Viele bekommen in den ersten Klassen schon Nachhilfe und am Wochenende pauken Mama, Papa, Oma und Opa mit dem Kind.“

Dabei empfindet Liewa das Grundschulabitur als unnötigen Riesenstress. „Der Stoff ist so umfangreich und die Proben so schwer“ – die Kinder könnten Spitzennoten alleine gar nicht schaffen. „Warum habe ich so viel gelernt?“, habe ihre Tochter sie oft gefragt, wenn sie eine Drei oder Vier nach Hause brachte.

Die Sache mit dem Übertritt birgt für Liewa außerdem ein räumliches Problem: „In Grünwald gibt es gar keine Realschule.“ Ihre Tochter wäre täglich eine Dreiviertelstunde mit Bus und Bahn unterwegs. Während 90 Prozent ihrer Freundinnen aufs nahe Gymnasium gingen. Darum die vorbeugende Ehrenrunde in der Dritten. Jetzt schreibt die Zehnjährige vor allem Einser und Zweier. „Wenn sie es am Ende trotzdem nicht schaffen sollte, kann ich mir wenigstens keine Vorwürfe machen“, sagt Liewa. „Ich als Elternteil gebe mein Bestes.“

Zurück bei Familie Steitz-Schumacher in Dachau. Am Esstisch sinniert Alessa, wie das kommende Schuljahr wohl für sie laufen wird. Im Übertrittszeugnis wird bei der Viertklässlerin heute ein Schnitt von 2,0 stehen, mit einer Eins in Deutsch. Ihre Mutter ist froh, dass ihre Tochter G9-Schülerin werden wird. „Wenn Alessa in den ersten G8-Jahrgang gegangen wäre, hätte ich viel mehr Bedenken gehabt.“

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