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Mutter und Sohn Bernert: Die beiden warten seit Jahren auf eine Entschädigung für einen Behandlungsfehler. Die Versicherung des Arztes wehrt sich vor Gericht.

Für ihren behinderten Sohn

Mutter protestiert mit Hungerstreik gegen die Allianz

Immenstadt - Nach 22 Jahren Rechtsstreit protestiert eine verzweifelte Mutter jetzt mit einem Hungerstreik gegen die Allianz-Versicherung. Sie fordert umfassende Entschädigung für ihren behinderten Sohn.

Jahrelang stritt sich Claudia Bernert vor Gericht mit Klinik und Versicherungen. Die Allgäuerin wollte eine angemessene finanzielle Entschädigung für Behandlungsfehler, die ihren Sohn von Geburt an zu einem Pflegefall gemacht haben sollen. Jetzt, nach der finalen juristischen Niederlage, setzt sie ihren Kampf mit anderen Mitteln fort.

In ihrer Verzweiflung will sie nun in Hungerstreik treten. Vor dem Firmensitz der Allianz in München will sie von Montag an täglich für ihre Sache demonstrieren – und dabei hungern. Sie will ein Einlenken des Konzerns erwirken, bei dem ihr Frauenarzt und ihre Hebamme versichert sind. Die beiden sollen Schuld an Daniels lebenslanger Behinderung haben. Sie hatten auf Anzeichen von Komplikationen bei Daniels Geburt zu spät reagiert. „Mir kam damals sofort einiges merkwürdig vor, aber ich wurde beschwichtigt“, sagt die heute 62-jährige Mutter über die Tage im November 1984 im Immenstädter Krankenhaus.

Bald war klar, dass Daniel Bernert sein Leben lang behindert sein würde. Der heute 29-Jährige kann kaum laufen, ist geistig stark eingeschränkt. Im Jahr 1992 begann das juristische Tauziehen. Die Familie klagte gegen den Arzt, die Hebamme, eine Stationsschwester und das Krankenhaus. Mehrere Gerichte, unter anderem der Bundesgerichtshof (BGH) im Jahr 2004, stellten die Schuld fest. Im folgenden sogenannten Betragsverfahren wurde den Bernerts Schadenersatz und Schmerzensgeld von rund einer Million Euro zugesprochen, dazu eine monatliche Rente von über 3000 Euro für Pflege und Erwerbsausfall.

Ihr Kampf war damit aber noch nicht zu Ende. Die Beklagten gingen einmal mehr in Berufung. Nach weiteren Verhandlungen und einem zweiten BGH-Urteil vom Mai 2014 müssen sie nur noch einen kleinen Teil der ursprünglich festgesetzten Betrages zahlen. Mit Hilfe der Allianz-Anwälte konnten sie die Gerichte davon überzeugen, dass Arzt und Hebamme nur 20 Prozent der Schuld an Daniel Bernerts Behinderung tragen. Trotz Komplikationen und Anzeichen für Sauerstoffmangel wurde das Neugeborene erst nach zwei Tagen in eine Kemptener Kinderklinik überwiesen. Hauptursache für Daniel Bernerts Behinderung sollte plötzlich aber eine Hirnblutung vor der Geburt gewesen sein.

Claudia Bernert, die nach dem Tod ihres Mannes das gemeinsame Geschäft aufgeben musste, fühlt sich betrogen. Sie kritisiert die betreffenden Gutachten. Die Ersteller will sie verklagen, ebenso ihre eigenen Anwälte, weil die nicht genug getan hätten, deren Behauptungen zu widerlegen. „Der Gutachter der Allianz, der die Hirnblutung diagnostiziert hat, war Kinderarzt, kein Neurologe“, sagt Claudia Bernert. Der Gerichtsgutachter sei diesem einfach gefolgt. Sie fühlt sich in ihren Zweifeln auch deshalb bestätigt, weil der Allianz-Gutachter der Versicherung laut eines NDR-Berichtes angeboten haben soll, unvorteilhafte Passagen zu streichen. Ein Neuroradiologe, den Claudia Bernert einschaltete, sah sich Computer-Tomographie-Bilder vom Kopf ihres Sohnes an. Er kam zu dem Schluss, dass keine Zeichen für eine Hirnblutung zu finden seien. Doch auch der BGH folgte letztlich dem Gerichtsgutachten.

Auf dessen Urteil zieht sich die Allianz jetzt zurück. „Ein Versicherer darf grundsätzlich aus aufsichtsrechtlichen Gründen nicht mehr über Schaden- und Ausgleichszahlungen entscheiden, wenn der Umfang der Schadenersatzpflicht rechtskräftig feststeht“, teilt der Konzern schriftlich mit. Man bedaure, dass Claudia Bernert alle Vergleichsangebote, zuletzt über 1,8 Millionen Euro, abgelehnt habe.

Der Betrag wäre weit höher, als der BGH gefordert hatte. Aber eben auch deutlich weniger als die Gesamtsumme, die bei einer vollständigen Schuld fällig gewesen wäre. Mit ihrer Aktion will die Mutter die Allianz doch noch zu einer umfangreicheren Entschädigung bewegen. „Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen zur Unterstützung kommen“, sagt sie. Andere Betroffene, die mit der Allianz in Streit liegen, hätten sich bereits angekündigt.

Stefan Reich

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