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Der Angeklagte Herbert H. gestern im Gericht. md

Muttermord aus Mitleid?

Passau - Ein depressiver Mann soll im November 2009 seine Mutter getötet haben. Auch er selbst wollte nicht mehr leben. Seit gestern steht der Niederbayer vor Gericht.

Seine Augen sind rot vom Weinen, seine Hände faltet er immer wieder wie zum Gebet. Vor dem Landgericht Passau sitzt Herbert H., 40, ein ausgemergelter Mann. Die Anklage lautet auf „heimtückischen Mord“. Der Angeklagte soll seine 83-jährige Mutter erstickt haben, er wollte auch sein eigenes Leben beenden. Als „Mitnahmesuizid“ bezeichnet es sein Verteidiger. Davon sprechen Juristen, wenn ein lebensmüder Täter aus Mitleid einen nahestehenden Menschen tötet, um das Opfer nicht allein zurückzulassen.

Herbert H. bezeichnet sich bei der Frage nach seinem Beruf als einfachen „Maschinenbediener“. Beinahe demütig bestätigt er jede Aussage der Vorsitzenden Richterin mit „Ja, richtig.“ Zur Tat selbst möchte er nichts sagen, dazu fühlt er sich nicht in der Lage. Sein Verteidiger vertröstet das Gericht auf einen späteren Zeitpunkt. Durch das Geständnis des Täters, das in der Anklageschrift verlesen wurde, kennt das Gericht die erschütternden Details der Mordnacht.

In der Nacht zum Totensonntag 2009, als draußen vor dem Einödhof ein eiskalter Novemberwind bläst, wälzt sich der Fabrikarbeiter schlaflos im Bett. Der todkranke Bruder, der an der tödlichen Hirnkrankheit Creutzfeldt-Jakob leidet, das Gefühl der Einsamkeit, seine Kurzarbeit - all diese Gedanken bringen ihn zum letzten Entschluss. Er schreibt einen Abschiedsbrief. Sein Plan: Er will sich ein Messer ins Herz rammen und schluckt Schmerztabletten, damit das Ende erträglicher ist. Er denkt auch darüber nach, ob seine Mutter es verkraften würde, auch ihren zweiten Sohn zu verlieren. Um ihr das Leid zu ersparen, plant er auch ihren Tod.

Er geht gegen 1.30 Uhr hinüber in ihr Haus, zündet wie zur Andacht zwei Kerzen an, raucht eine letzte Zigarette. Die schmächtige, alte Bäuerin, deren Maße der Staatsanwalt mit 156 Zentimetern und 57 Kilo angibt, schreckt sofort aus dem Schlaf, als der Sohn sich zu ihr ans Bett setzt. „Lass uns Tante Martina besuchen“, sagt er sinngemäß zu ihr und hofft vielleicht, dass sie diesen Satz versteht. Denn die Tante liegt längst unter der Erde. Sie erkennt seine Absicht nicht und soll geantwortet haben: „Spinnst jetzt?“ Es sei doch mitten in der Nacht. Herbert H. aber antwortet: „Mama, ich meine im Jenseits, das geht ganz leicht.“ Als er ihr mit beiden Händen Mund und Nase zudrückt, wehrt sie sich heftig. Die alte Frau schlägt ihm die Brille weg. Mit dem Ellbogen stützt er sich auf ihren Oberkörper - damit er spürt, wann der Herzschlag aussetzt.

Als gegen acht Uhr Herberts Schwester Monika, die in der Nachbarschaft wohnt, ins Zimmer kommt, gesteht er ihr die Tat. Er kündigt seinen Suizid an. Monika wählt den Notruf. Kurz darauf entdecken die Rettungskräfte den Täter blutüberströmt im Bett der Mutter. Er wird durch eine Notoperation gerettet.

Vier Monate nach dem Verbrechen stirbt der Bruder, der dem Angeklagten offenbar viel bedeutet hat. Gemeinsam arbeiteten die beiden Männer in einer Fabrik.

Gibt es mildernde Umstände für einen Mord aus Mitleid? Diese Frage wird die Zweite Große Strafkammer des Landgerichts in den drei weiteren Prozesstagen bis Anfang Oktober klären müssen. In dem Prozess sollen etliche Zeugen vernommen werden und mehrere medizinische Gutachter aussagen.

Ginge es nach seinen Angehörigen, der Schwester und seiner Schwägerin, wäre die Tat längst verziehen. Als die Frauen wenige Tage nach der Tragödie eine Todesanzeige für die tote Mutter und Schwiegermutter aufgaben, gaben sie auch den Muttermörder an, als trauernden Hinterbliebenen.

Hubert Denk

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