Irsee, drei Jahre danach

Der Mythos Lotti und was daraus wurde

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Irsee - Vor drei Jahren machte eine bissige Schildkröte das kleine Irsee zum Nabel Bayerns. Zwar gibt es bis heute keine Spur von Lotti, dafür ist ihre Geschichte im Ort zum Mythos geworden. Und einer hört nicht auf zu glauben, dass Lotti doch noch auftauchen wird.

Manchmal geht Andreas Lieb, 53, runter zum Oggenrieder Weiher. Am Ufer hängen noch die Warnschilder, Lieb hat sie nie entfernen lassen. Trotzdem wird im See längst wieder gebadet. „Die Schilder interessieren hier keinen mehr“, sagt er. „Die Leute verniedlichen, was war.“

Dabei könnte es wieder passieren, glaubt er, so wie vor drei Jahren. Damals wurde ein Achtjähriger aus dem Raum Bonn beim Baden in eben jenem See in die Ferse gebissen. Gutachter ordneten die Bisspuren bald zu: eine Schnappschildkröte soll das Kind verletzt haben. Was dann folgte, lässt sich ohne Übertreibung als Hype bezeichnen. Der See wurde ausgepumpt, Menschen suchten tage- und nächtelang das Ufer ab, der 1400-Einwohner-Ort war voller Journalisten. Sogar ein US-Fernsehteam kam. Recht bald gaben sie dem, wonach sie alle suchten, einen Namen: Lotti.

Irsee war bis dahin allenfalls durch die SPD-Klausurtagungen im Kloster bekannt. Auf einmal war es das Dorf, in dem eine 40 Zentimeter große, 14 Kilo schwere exotische Schildkröte ihr Unwesen trieb. Sie knabberte am Sommerloch – und unzählige Lottifans sammelten die Krümel auf. Selbst Kinder wühlten im Schlamm. Als jeder Zentimeter des Ufers abgesucht war, baute die Feuerwehr aus Metallrohren ein Sauggerät, um die Löcher im Boden nach dem Tier abzusuchen. Später, das Wasser war schon wieder im See, fuhren Leute am frühen Morgen in Booten hinaus, weil sie glaubten, das Tier zeige sich vielleicht. „Wir haben damals einiges gesehen“, sagt Lieb. „Nur Lotti nicht.“

Das ist bis heute so geblieben, die Kröte ist ein Phantom. Aber aus ungelösten Rätseln erwachsen Mythen. Und für Irseer Verhältnisse ist Lotti ein riesiger Mythos.

Das zeigt sich an vielen Kleinigkeiten. Die Lotti-Semmeln, die ein geschäftstüchtiger Bäcker im Ort erfand, verkaufen sich noch immer überraschend gut. Und noch immer wird der Bürgermeister auf die ganze Geschichte angesprochen, mehrmals pro Woche. „Was macht Lotti?“, fragen die Leute und einige entpuppen sich als Zweifler: „Das haben Sie doch erfunden!“ Besonders großen Skeptikern zeigt Lieb dann das Foto, auf dem die Biss-Wunden am Fuß des Achtjährigen zu sehen sind. Es ist seine schärfste Waffe. „Wenn die Nicht-Gläubigen das Foto sehen, werden sie ruhig.“

Lieb hat Lotti bis heute nicht losgelassen. In der ersten Zeit nach dem Biss war er 15, 16 Stunden am Tag auf den Beinen. Er suchte mit, fütterte die Presse, sprach mit Experten. Er fraß sich in das Thema hinein. Noch heute kann der Bürgermeister auf Anhieb den Unterschied zwischen einer Geier- und einer Schnappschildkröte erklären. Es gab Zeiten, da träumte er davon, Lotti mit bloßen Händen zu fangen. Es blieb bei Träumen.

Einmal führte der Sucheifer die Gemeinde zu einer Hellseherin. Sie schloss die Augen und löste das Rätsel – nun ja, sie bot eine Lösung an: Ihr zufolge hatte jemand das Tier an einem Steg angeleint. Lotti riss sich los, biss zu und verschwand. Die Hellseherin lieferte Lieb auch den Namen einer Familie im Dorf. Hatten sie die Schildkröte ausgesetzt? „Nette Leute sind das“, sagt der Bürgermeister. Ihnen war nichts nachzuweisen.

Lotti, das Phantom, der Mythos. Oder doch nur ein Hirngespinst? „Ich bin sicher, irgendwann kommt sie raus“, sagt Lieb. Der Oggenrieder Weiher ist 3000 Quadratmeter groß. Auch wenn sie damals jeden Stein umgedreht haben, hält er es nicht für ausgeschlossen, dass sie sich dort versteckt hält. Lieb weiß durch Recherchen, dass die Tiere monatelang im Schlamm verbringen und hungern können. Dann tauchen sie aus dem Nichts wieder auf – so wie Suarez. Auch er ist eine verschwundene Schnappschildkröte. Ende Juni fanden Anwohner das Tier unter einem Auto in Franken. Nach zwei Jahren. Lieb sagt: „Die Hoffnung stirbt nicht.“

Kürzlich sah der 53-Jährige, wie sich vor seinem Haus Merkwürdiges abspielte. Eine Gruppe Kinder sammelte sich an der Mauer, auf der „Flying Lotti“ prangt, jene geflügelte Schildkröte, die ein Graffitikünstler als Hommage dorthin gesprüht hatte. Die Kinder starrten alle wie gebannt auf ihr Handy. Lieb rätselte, seine Tochter klärte ihn dann auf: „Die Kinder fingen Pokémon, vor dem Bild.“ Lotti als Teil einer fiktiven Welt. Klingt versöhnlich.

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