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Vor den Schimpfwörtern von Schaulustigen rennt der Mittagsmörder bei einer Tatortbegehung 1965 davon. Was man nicht sieht: Klaus G. grinst.

Er hat einen "Freiheits-Kurs" gemacht

Nach 50 Jahren Haft: Der Mittagsmörder wird entlassen

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Seit 1965 sitzt der Mittagsmörder im Knast. Jetzt darf er raus. Aber wie kann ein Mensch nach so vielen Jahren hinter Gittern ein normales Leben führen? Die Geschichte von Klaus G., der fünf Menschen tötete – und sich jetzt auf die Freiheit freut.

Bevor ihn die Richter für ein halbes Jahrhundert einsperren, gibt der Mittagsmörder ein kurzes Interview. 27. Juli 1967, Saal 600, Schwurgericht Nürnberg: Klaus G. sitzt auf der Anklagebank, gefesselt, hinter ihm ein Wachtmeister. G. ist 26, blond, Brille, die Jacke schlackert um seine schmalen Schultern. Er hält den Kopf schräg, als er von Journalisten gefragt wird, womit er denn jetzt rechne. „Natürlicherweise mit einer Strafe, ne?“, antwortet er mit heller Stimme. So klingt er also, der berühmteste Mörder jener Zeit.

Die Szene läuft damals in der Abendschau. Fünf Menschen hat G. bei Überfällen in Franken umgebracht, seinen Spitznamen bekommt G., weil er oft zur Mittagszeit auf Raubzug geht. Dann übertönt das 12-Uhr-Läuten die Schüsse. Als er das letzte Mal zuschlägt, ein Taschendiebstahl in der Nürnberger Innenstadt, ballert er auf die, die ihn aufhalten wollen. „Ich wollte mir eine Gasse schießen, damit ich fliehen kann“, sagt er später.

Drei Wochen dauert der Prozess im Sommer 1967. Als der Richter das Urteil spricht, ist es totenstill im Gerichtssaal. Der Reporter unserer Zeitung beschreibt G. damals so: „Bleich, die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst, starrte der Mittagsmörder auf die Männer, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten. Kein Gesichtsmuskel zuckte, als er das Wort ,schuldig‘ hörte.“ Urteil: lebenslang Zuchthaus.

In einem „Spiegel“-Artikel im Juli 1967 steht: „Er wird im Zuchthaus verwahrt werden oder in der Anstalt, bis er stirbt.“ Inzwischen bedeutet „lebenslänglich“ das nicht mehr. Auch Schwerverbrecher haben das Recht, irgendwann wieder in Freiheit zu kommen, oftmals schon nach 15 Jahren. Der Mittagsmörder musste in der Justizvollzugsanstalt Straubing, Bayerns härtestem Knast, so lange warten wie kein anderer im Freistaat. Lange galt er für ein Leben in Freiheit als zu gefährlich. 50 Jahre war er eingesperrt. Jetzt ist er 74, jetzt darf er raus, das hat er vor dem Bundesverfassungsgericht erkämpft. Zum 1. März wird der Rest seiner Strafe zur Bewährung ausgesetzt. Klaus G. will in Freiheit ein selbstbestimmtes Leben genießen, sagte ein ehemaliger Schulkamerad in einem BR-Interview, der Pfarrer hatte den Mörder ein paar Mal besucht. Er ist einer der wenigen Menschen, die G. noch hat. Ihm sagte er auch, dass er die Taten heute nicht mehr begehen würde.

Wie wurde aus Klaus G. der Killer, der auf seinen Raubzügen fünf Menschen das Leben nahm? Sein Umfeld kann sich das damals nicht erklären. Er stammt aus gutem Haus, wird am 1. September 1940 in Frankfurt geboren. G. wächst im fränkischen Hersbruck auf, ist ein ruhiges Kind, das sich schon mal prügelt, wenn es gehänselt wird. Seine Mutter ist streng, ihre Erziehungsformel lautet: „Bis 21 stehst du unter meiner Fuchtel“, das wird G. 2012 in einem Leserbrief an die „Hersbrucker Zeitung“ schreiben. Darin beschwert er sich, dass die Leute bei Kaffeekränzchen über ihn tratschen und ihn als skrupellosen Killer bezeichnen. Er kündigt sogar an, Laienprediger werden zu wollen. Und er erklärt, warum er kriminell wurde. Dass seine Mutter ihm verboten habe, Revierförster zu werden, sein Wunschberuf. Dass sie ihm die Freundschaft zu einem jungen Fräulein zerstört habe. Das alles habe er nicht verkraftet.

Seinen Vater kennt G. kaum, der Offizier fällt im Krieg. Nach dem Abitur studiert er in Nürnberg, später meldet er sich freiwillig bei der Bundeswehr. Er ist auch in München stationiert, desertiert aber. In diesen Jahren wird aus einem Wunderling, der chronische Halsschmerzen hat, Nietzsche und Machiavelli verehrt, ein Mörder. Warum? Er hält sich für einen Übermenschen. Und: „Er tötete um eines Hobbys willen“, wird später der Richter sagen. Klaus G. braucht Geld für Motorräder, teure Autos – und Waffen. Irgendwann fängt er an, Pistolen zu sammeln und zu klauen. Er nimmt sie sogar zum Wandern mit, das gibt ihm ein Gefühl von Macht. Im Prozess sagt er, fremde Menschen seien für ihn wie Sachen.

30. November, 1962: Es ist kurz vor Mittag, Klaus G. betritt die Sparkasse in Neuhaus bei Nürnberg. Der Student der Wirtschaftswissenschaften ist 22, trägt Hornbrille und lässt sich einen Hunderter wechseln. Bevor die Bankangestellte das Geld ausbezahlen kann, zieht G. eine Pistole, schreit: „Hände hoch!“ Hastig packt er 5000 Mark in seine Tasche. Da tritt Oskar Seidel an den Schalter. Der Lagerhausverwalter ist schwerhörig, hat von dem Überfall nichts mitbekommen. Der 51-Jährige will nur zwei Formulare abgeben und greift zur Lesebrille in der Brusttasche. Der Räuber versteht die Geste falsch und schießt vier Mal auf den Schwerhörigen. Als Seidel zu Boden sinkt und stirbt, läuten draußen die Glocken. G. flüchtet in einem geklauten Auto. Gut zwei Monate zuvor hat er den Leiter der Sparkasse in Ochenbruck erschossen. Beute: 3060 Mark, davon kauft er sich ein neues Auto. Im März 1963 streckt er Mutter und Sohn in ihrem Waffengeschäft in Nürnberg nieder. Am 1. Juni 1965 will er im Kaufhaus Brenninkmeyer in Nürnberg einer Kundin die Handtasche stehlen. Hausmeister Hermann Thieme packt ihn, G. erschießt ihn und verletzt zwei Passanten schwer. Doch diesmal scheitert seine Flucht, Verkehrspolizisten überwältigen ihn. Endlich kann dem Mittagsmörder, jetzt 25, der Prozess gemacht werden. Für zwei weitere Morde, die ihm die Polizei später zuordnet, muss er sich nie verantworten. Als Schüler soll er eine Hausfrau in Nürnberg überfallen haben: „Geld her oder Leben“, fordert er. Die Frau erschrickt, ihre Untermieterin und deren Verlobter eilen herbei, G. erschießt das Paar. Weil er da erst 19 und nach damaligem Gesetz nicht erwachsen war, sind die Taten nicht Teil der Anklage. Bis heute will G. nicht, dass die Morde auf sein Konto gehen. Für „lebenslänglich“ reicht es auch so. Sein neues Zuhause ist jetzt der Knast in Straubing.

Dort schreibt und malt er, spielt Geige, singt im Chor. stellt Anträge auf Freilassung. Ein einziges Mal darf G. raus. Die anderen Schwerverbrecher mosern, dass der Knast-Kramer zu teuer ist. G. bestimmen sie zu ihrem Vertreter, bewacht marschiert der Mörder in einen Supermarkt. Er durchforstet Regale, notiert Preise zum Vergleichen – dann geht’s zurück in den Hochsicherheitstrakt. Ein Serienmörder auf Gerechtigkeits-Mission.

Wer jahrzehntelang hinter hohen Mauern lebt, der erkennt nachher die Welt nicht wieder. Das fängt bei Kleinigkeiten an. Solche Gefangenen haben ihre Lebensmittel noch in Tante-Emma-Läden gekauft und nicht in Supermärkten. „Die wundern sich, wofür man 30 Sorten Marmelade braucht“, sagt Roland Retzbach, Vize-Anstaltsleiter in Straubing. Früher gab es bloß Erdbeer, Kirsche, Himbeere. „Das heutige Überangebot an Waren ist etwas völlig Neues.“

Langzeit-Insassen wie Klaus G. werden in Straubing stufenweise auf die Freiheit vorbereitet, „Entlassungsvollzug“ ist der Fachausdruck. Wie genau der bei G. abgelaufen ist, darf Retzbach nicht verraten. Aber es gibt ein Schema F. Erst darf der Insasse mit anderen Häftlingen Ausflüge unternehmen. Sie wandern im Bayerischen Wald, bummeln durch Regensburg, besuchen ein Museum, shoppen im Einkaufszentrum, kehren zur Brotzeit im Wirtshaus ein. Mehrere Beamte passen auf. Klappt das gut, steht die nächste Stufe an: Einzelausführung. Mit einem JVA-Mitarbeiter zieht der Gefangene los. In den Supermarkt, klar. An Tankstellen. Früher gab es dort außer Sprit bloß Kaugummis – jetzt kriegt man quasi alles, vom Klopapier bis zur Kondensmilch. Er geht in Klamottenläden, lernt, was eine Jeans kosten darf. Er kauft sich eigene Kleidung für die Zeit nach der Entlassung. In der Anstalt muss er Gefängniskluft tragen, Hose und Hemd aus festem, blauen Stoff. Bei den Ausflügen übt der Häftling das stinknormale Leben. Und er stellt Fragen: Wo kauft man Zug-Fahrkarten? Wie bedient man einen Ticketautomaten? Wie zahlt man mit EC-Karte? Wie geht das Internet? Und wofür sind Smartphones gut? „Wir müssen verhindern, dass die Insassen in Freiheit völlig überfordert werden“, sagt Retzbach.

Die dritte Stufe ist die letzte. Jetzt darf der Häftling ohne Bewacher raus. Zuerst nur ein paar Stunden, dann den ganzen Tag – und wenn alles gut läuft, gibt’s Urlaub. Eine Nacht am Wochenende, dann zwei. Auch der Alltag im Gefängnis ändert sich. Der Insasse wird von der Zelle in eine Wohngruppe verlegt. Dort gibt es eine Waschmaschine, eine Küche. In einem Kurs lernen die Männer Hauswirtschaft. Kochen, Waschen, Putzen. Bislang hat sowas das JVA-Personal erledigt.

Klaus G. hatte für den Freiheits-Kurs zweieinhalb Jahre Zeit. Das ist, sagt ein Experte, eine ungewöhnlich lange Zeit. Das Oberlandesgericht wollte die Rückkehr des Rekord-Häftlings wohl extra sorgfältig organisieren. Er wird in einem Männerwohnheim unterkommen, Familie hat er nicht. Sein Freund, der Pfarrer, berichtet, dass Klaus G. sich auf die Freiheit freut. In Hersbruck, wo er aufgewachsen ist, will der rüstige Rentner mal Urlaub machen. Er überlegt sich schon, wie er sich dann verkleiden wird. Damit ihn niemand erkennt.

Von Carina Lechner 

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