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Wie sich das Attentat auf das gesellschaftliche Klima in Deutschland auswirken kann, bereitet Kardinal Reinhard Marx große Sorge. 

Nach dem Anschlag in Berlin

Kardinal Marx: „Nicht mit Hass im Herzen reagieren“

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München - Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag von Berlin warnt Kardinal Marx vor falschen Schuldzuweisungen. Nicht gegeneinander lostreten, sondern besonnen reagieren, ist seine Botschaft. Und: Er schließt Polizei vor Weihnachtsgottesdiensten nicht aus.

„Schreckliches ist geschehen in unserem Land, alle sind aufgerüttelt. Hilf uns, besonnen zu bleiben, allen Hass zu überwinden – in uns und in den Herzen der anderen.“ Kardinal Reinhard Marx betet für die Opfer und Angehörigen des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin. Eigentlich wollte er das ablaufende Jahr im Münchner Presseclub politisch und kirchlich Revue passieren lassen. Traditionell beschließt dort der Münchner Erzbischof das Jahr. Oft geschieht das auch launig, gewürzt mit Anekdoten. Gestern aber war es anders. Der mörderische Angriff in Berlin, bei dem zwölf Menschen starben, drängt alles andere in den Hintergrund.

Zusammenstehen in der Trauer, in der Solidarität mit Opfern und Angehörigen, in Verbundenheit mit allen, die jetzt im Einsatz sind und ermitteln – das ist laut Marx das Gebot der Stunde. Zugleich sorgt sich der Kardinal darum, wie sich das Attentat auf das Klima in Deutschland auswirken wird. Daher der Aufruf zur Besonnenheit. „Es wäre verheerend, wenn wir jetzt sagen: Jetzt sehen wir es – die Flüchtlinge sind schuld.“ Trotz aller Aufgeregtheit dürfe man nicht vergessen zu reflektieren. Gewalt sei nicht die richtige Antwort. Ein Ziel des Terrorismus sei es, Hass und Spaltung hervorzurufen, um dann dadurch destabilisierte Gesellschaften gegeneinander zu treiben und zum Zerfallen zu bringen. Das zu verhindern, hält Marx für weitaus schwieriger, als äußere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Da stehe man vor einer riesigen Herausforderung. Marx, der sich gegen jegliche Form der Instrumentalisierung von Religion wehrt, bezeichnet es als eine Pervertierung des Glaubens, für solch furchtbare Taten den Namen Gottes in den Mund zu nehmen.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz befürchtet, dass dieser Anschlag schlimme Folgen für das Miteinander haben kann. „Wir dürfen diesen Terroristen nicht noch einen nachträglichen Erfolg verschaffen, indem wir gegeneinander lostreten, nicht zusammenhalten und mit Hass im Herzen die Dinge angehen“, sagt der Kardinal. Er sieht das ausdrücklich „ohne Naivität“, weiß natürlich um das Böse in der Welt. Weiß auch, welche Kritik die Bischöfe einstecken müssen, wenn sie zur Besonnenheit aufrufen. „Das sehe ich voraus. Aber ich kann nicht davon lassen. Ich muss versuchen, Menschen zu gewinnen auch in den politischen Parteien, die trotz aller Erschrockenheit jetzt versuchen, klug zu reden und zu handeln.“

Deutschland müsse daran festhalten, keine Flüchtlinge in Kriegsgebiete zurückzuschicken. Zugleich fordert Marx eine neue Form der Entwicklungspolitik, die es den Menschen ermögliche, in ihren Heimatländern zu bleiben. Leider sehe er dafür bisher in den Parteien keine Ansätze.

Ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert Marx, als er von einem kürzlich geführten vertraulichen Gespräch mit Ministerpräsident Horst Seehofer berichtet. Ihm hatte er wiederholt die für die Kirche unverzichtbaren Grundsätze im Umgang mit Flüchtlingen unterbreitet: dass ihnen ein faires Verfahren zustehe, sie nicht in Kriegsgebiete abgeschoben werden dürften und die Lage in den Herkunftsländern verbessert werden müsse. Seehofer habe hinzugefügt, dass man auch auf die Menschen hierzulande achten müsse. Dem, so sagt Marx, habe auch er zugestimmt. Mit Sorge blickt der Erzbischof aber auf das Wahljahr – er hoffe, dass es keine Schlacht der Vereinfacher, der Gehässigkeiten und der Hass-Mails gebe.

Im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Weihnachtsfest schließt Marx verstärkte Sicherheitsmaßnahmen bei Gottesdiensten nicht aus. „Das könnte sein – da wird man sich darauf einstellen“, sagt er. Aber diese Entscheidung treffe die Polizei.

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