Expertin erklärt Beiß-Attacke

Warum Hunde plötzlich ausrasten

München - Astrid Cordova ist Besitzerin einer Hundeschule in München. Die 57-Jährige trainiert seit 35 Jahren Vierbeiner und erstellt als freie Sachverständige für Versicherungen Gutachten über Kampfhunde. Wir sprachen mir ihr über die Attacke in Polsdorf.

Im bayerischen Polsdorf wurden sechs Kinder von einem Polizeihund angegriffen. Die Leiterin einer Hundeschule und freie Sachverständige für Versicherungen, Astrid Cordova, erklärt, warum Hunde plötzlich ausrasten:

Was bringt einen Hund dazu, so auszurasten?

Grundsätzlich gilt ein Polizeihund durch seine Ausbildung als Kampfhund. Sie dürfen eigentlich nur im Dienst eingesetzt werden, in der Freizeit muss sie der Hundeführer absichern. Sie dürfen dann zwar freilaufen, aber nur dort, wo nichts passieren kann. So eine Attacke ist ein Triebverhalten, bei dem das Beuteschema aktiviert wird. Das kann verschiedene Ursachen haben. Belgische Schäferhunde gelten als hochtriebige Hunde, deswegen werden sie auch gerne als Diensthunde eingesetzt. Sie lernen sehr schnell, ihre Intelligenz wird aber nur einseitig gefördert.

Das heißt, sie sind nicht intelligent genug, um Kinder von flüchtigen Verbrechern zu unterscheiden?

Nein, so kann man das nicht sagen. Aber ein zwei Jahre alter Hund ist noch sehr jung und manchmal einfach schlecht zu kontrollieren. Aber entscheidend für sein Verhalten ist die Sozialisierung des Hundes, bevor er zur Polizei kommt. Die Vorgeschichte ist leider oft unbekannt.

Werden die Hunde nicht von ihren Diensthundeführern aufgezogen?

Nein, die ersten Lebensmonate verbringen die Hunde bei Privatpersonen, zum Beispiel bei Züchtern. Und dort wachsen sie oft in Zwingern auf. Ich will das Verhalten des Tieres in Polsdorf nicht entschuldigen, aber so ist nun mal die Realität. Die Polizei hat in der Regel keine eigene Zucht, da wird an allen Ecken und Enden gespart. Und dann müssen sich Diensthundeführer und Tier auch noch relativ schnell zusammenraufen. Da fehlt die Zeit für die Bindung. Die Hunde werden trainiert, um Drogen oder Sprengstoff zu erschnuppern, oder als Schutzhund. Die Tiere sind damit manchmal überfordert.

Gibt es einen Moment, wo der Polizeihund nur noch auf eine Person hört?

Heutzutage wird ein Diensthund meist nur auf eine Person trainiert, früher waren es bis zu vier Personen. Schwierig wird es aber, wenn er in ein Beuteschema kommt. Das sind Situationen, wo der Hund glaubt, dass er das Recht hat, so zu handeln, wie er handelt. Er bekommt ja auch eine Kampfausbildung.

Worin unterscheidet sich die Ausbildung von Polizeihunden von der normaler Hunde?

Ein Polizeihund wird trainiert, um auch Menschen anzugreifen. Der darf auf den ganzen Körper gehen, im Training trägt ein Beamter dafür einen Ganzkörper-Schutzanzug. Da braucht es ein gewisses Aggressionspotential. Der Sporthund geht nur auf Beute, da wird der Spieltrieb gefördert.

Sie korrigieren auffällige Hunde. Kann man einen Hund korrigieren, der Kinder derart angreift?

Nein, ich denke nicht. Ein Hund darf keine Kinder beißen, solche Hunde werden bei der Polizei normalerweise ausgemustert oder eingeschläfert. Ein Hund, der einmal beißt, wird es wieder tun. So eine Gefahr darf man nicht bestehen lassen.

Interview: Patrick Wehner

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