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Der mutmaßliche NS-Täter John (Ivan) Kalymon (li.) wurde 2008 von einem AP-Fotografen vor seinem Haus in Troy (US-Bundesstaat) gestellt. Damals stritt er alles ab.

Nach Demjanjuk: Neue NS-Verfahren

München - Nach der Verurteilung von John Demjanjuk bereitet die Staatsanwaltschaft München weitere Verfahren gegen mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher vor. Die Ermittlungen laufen.

John (Ivan) Kalymon aus Troy im US-Bundesstaat Michigan ist 89 Jahre alt. In den USA lebt er seit 1949, die US-Staatsbürgerschaft bekam er 1955. Seit Jahren ist bekannt, dass sie sich Kalymon erschlichen hat. Er hatte sich schlicht als Flüchtling bezeichnet. Dabei war der Exil-Ukrainer, der über Deutschland in die USA eingereist war und bei Chrysler arbeitete, während des Zweiten Weltkriegs offenbar an der Erschießung von Juden beteiligt.

Ein „Iv Kalymun“, der mit Kalymon identisch sein soll, gehörte 1942 in Lemberg einer ukrainischen Hilfspolizei an. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg wirft ihm vor, er habe 1942 mindestens einen Juden eigenhändig erschossen. Davon unterrichtete er schriftlich sogar einen Vorgesetzten - er habe „dienstlich während der ,Judenaktion’ am 14.8.1942 um 19 Uhr die Waffe eingesetzt und vier Stück Munition verwendet, wobei ich eine Person verletzt und eine getötet habe“. Die „Judenaktion“, auf die Kalymon anspielt, diente dazu, Juden für den anschließenden Transport in das Vernichtungslager Belzec zusammenzutreiben. Die Ludwigsburger Behörde hat, wie ihr Leiter Kurt Schrimm bestätigt, das Kalymon-Verfahren an die Staatsanwaltschaft München abgegeben. Denn der Verdächtige war nach Kriegsende in einem Flüchtlingslager in Fürstenfeldbruck, dann in München-Sendling, ehe er in die USA auswanderte. Daher wäre die Münchner Justiz für den Fall zuständig, sofern es der US-Einwanderungsbehörde gelingt, den nun staatenlosen Kalymon abzuschieben und Deutschland ihn aufnimmt.

In welchem Stadium sich das Abschiebeverfahren in den USA befindet, ist im Moment nicht überschaubar. „Da gibt es Verfahrensgänge, die ein deutscher Jurist nicht versteht“, sagt ein ehemaliger Ermittler der Ludwigsburger Behörde. Auch beim Fall Demjanjuk hatte sich das Abschiebeverfahren des nun verurteilten Staatenlosen über Jahre hingezogen.

Ähnlich schwierig gelagert ist der Fall von Osyp Firishchak (90), der ebenfalls als ukrainischer Hilfspolizist im Ghetto Lemberg gewütet haben soll. Firishchak, der ebenfalls 1949 eingewandert ist und fünf Jahre später US-Bürger wurde, lebt in Chicago. Seit mindestens 2005 bemühen sich US-Behörden um seine Ausweisung - bislang vergebens. Auch sein Name ist aber bei der Staatsanwaltschaft München zusammen mit weiteren Fällen sozusagen auf Wiedervorlage gelegt.

Vieles hängt jetzt davon ab, ob die Verurteilung Demjanjuks die Münchner Justiz zu neuen Nachforschungen anspornt. „Das Landgericht München hat Neuland betreten“, bestätigt der Ludwigsburger Chefermittler Kurt Schrimm. Erstmals sei ein NS-Täter allein aufgrund seiner bloßen Anwesenheit in einem Vernichtungslager wegen „Beihilfe“ zum Massenmord verurteilt worden, ohne dass ihm eine konkrete Tat nachgewiesen wurde. An dem Einzeltatnachweis scheiterten in der Vergangenheit unzählige NSG-Verfahren (NSG - nationalsozialistische Gewaltverbrechen). „Eigentlich müssen jetzt alle alten Verfahren überprüft werden“, sagt ein ehemaliger Justizbeamter, der auch mit Ermittlungen im Fall Demjanjuk befasst war. Bundesweit könnten möglicherweise Dutzende NS-Fälle neu aufgerollt werden.

Für die Münchner Fälle mit entscheidend ist indes, ob der im Demjanjuk-Verfahren federführende Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz, der sich in die Materie gut eingearbeitet hat, die Ermittlungen weiter führen wird. Lutz, Gruppenleiter bei der Staatsanwaltschaft München I, steht zur Beförderung an. Er könnte demnächst zum Generalstaatsanwalt abgeordnet werden. Theoretisch ist es denkbar, dass er als eine Art Koordinator die NSG-Verfahren weiterführt. Sicher ist es nicht.

Bleibt Lutz, dürfte ihn auch der Fall Alex N. interessieren. N. (94), der in Landshut lebt, hat als Zeuge im Demjanjuk-Prozess ausgesagt. Er war wie Demjanjuk ein „Trawniki“, zählte zum ukrainischen Hilfspersonal in den KZ. N. hat zugegeben, wie Demjanjuk 1944/45 Wachmann im KZ Flossenbürg/Oberpfalz gewesen zu sein. Auch ihm könnte „Beihilfe“ zur Last gelegt werden. „Die Ermittlungen laufen“, so die Staatsanwaltschaft München knapp.

Dirk Walter und Angela Walser

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