Alle packen mit an in Simbach am Inn und räumen den Schlamm von den Straßen.

Reportage aus den betroffenen Gebieten

Nach der Flutkatastrophe in Niederbayern: Das große Aufräumen

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Simbach - Das Hochwasser hat Niederbayern verwüstet. Es wird Monate dauern, bis alles aufgeräumt ist. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Die Menschen halten zusammen wie nie zuvor. Ein Besuch in Simbach.

Frau Stadträtin ist heute Brotzeitbeauftragte. „Wer hat Hunger?“, ruft Helga Wittenzellner, ihr Korb ist voll mit Leberkässemmeln. „Ich war noch nie so auf der Suche nach Männern“, witzelt die Simbacherin, und verteilt das Essen an die hungrigen Helfer. Es ist ihre sechste Runde.

Leberkäse für die Helfer: Stadträtin Helga Wittenzeller verteilt Brotzeit an einen erschöpften Freiwilligen vom Technischen Hilfswerk. Auch aus Oberbayern sind THW-Helfer im Einsatz, die Starnberger zum Beispiel haben am Freitag eine Trinkwasseraufbereitungsanlage nach Simbach gebracht. Auch am Freitag hatten noch nicht alle Haushalte dort Strom und Wasser.

Tag drei nach der Katastrophe, im Zentrum des Hochwassergebiets. Es ist eine schwere Zeit für die Menschen hier in Simbach. Sieben Tote, kaputte Häuser, zerstörte Existenzen. Aber wenn sie durch den zähen Schlamm stapfen, dann spüren sie an jeder Ecke, dass sie nicht allein sind. Überall Helfer. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wird später am Tag lobend aufzählen: 300 Polizisten, 3000 Freiwillige Feuerwehrler, 750 Helfer von Hilfsorganisationen und 200 vom Technischen Hilfswerk sind im Einsatz. Dazu viele, viele ohne Amt, einfach so.

Stadträtin Helga Wittenzellner ist begeistert von der Hilfsbereitschaft, und doch sagt sie ernst: „Mir tun alle so leid.“ Viele ihrer Arbeitskollegen und Bekannten haben alles verloren. Als sie ein paar Meter weiter erschöpfte Feuerwehrleute sieht, findet sie ihr Lächeln wieder und holt die nächste Semmel aus dem Korb. Ein Stück entfernt, die schlammverkrustete Straße entlang, haben Anwohner in einem zerborstenen Schaufenster einen Versorgungspunkt aufgebaut, sie reichen Getränke und Brote nach draußen. Feuerwehr und THW ziehen in Trupps durch die Stadt und pumpen Keller um Keller aus. Die Verzweiflung weicht der Zuversicht – Simbach blickt nach vorn.

Auch wegen Menschen wie Alexandra Kinberger, 16 Jahre alt. Sie wohnt im österreichischen Braunau und hat heute die Schule geschwänzt, um den deutschen Nachbarn zu helfen. In Gummistiefeln und mit einer Schaufel wartet sie am Simbacher Bauhof, bis der nächste Shuttle-Bus in die Innenstadt fährt. „Die Lehrer wissen nix“, sagt sie und grinst. „Die werden das schon verstehen“, wirft ihre Nachbarin Angelika Schaffer, 51, ein. Sie hat sich extra Urlaub genommen. „Es ist ja nur eine Brücke zwischen uns und Simbach. Wir gehören fast zusammen. Nur die furchtbaren Bilder anzuschauen, ist uns zu wenig.“ Anderen scheint das zu reichen. Es gibt Gaffer, die Innenminister Herrmann kritisiert: „Sich an menschlichen Katastrophen ergötzen und dabei Menschen im Weg stehen, die anderen Menschen in der Not helfen wollen, ist alles andere als lustig. Das gehört sich einfach nicht.“ Zum Glück sind die Helfer in der Überzahl.

Einheimische, Asylbewerber und andere freiwillige Helfer aus dem Umkreis karren am Freitag Schlammwasser aus der nagelneuen Schulturnhalle der Simbacher Realschule (Bild rechts). Unterricht findet hier noch nicht statt – an Alltag ist derzeit nicht zu denken.

Gleich neben den Österreicherinnen wartet Maximilian Moosauer, 19, auf seinen Einsatz. Der Student kommt aus Eichendorf im Kreis Dingolfing-Landau. In Simbach kennt er niemanden, er hat sich über Facebook eine Fahrgemeinschaft organisiert. Gummistiefel hat er auf die Schnelle auch keine gefunden. „Das ist jetzt egal“, sagt er. „Wir werden eh bis obenhin im Dreck stehen.“

Das Internet ist ein Segen in diesen Tagen, dort koordinieren sich die, die keiner Organisation angehören. Auf Facebook entstehen Seiten, auf denen Menschen aus ganz Bayern, aus ganz Deutschland Kleidung, Schlafplätze, Schaufeln oder Muskelkraft anbieten. TSV 1860-Fans beschließen anzureisen, ein Fan-Club kommt bis aus Leverkusen, um zu helfen.

Auch Asylbewerber packen mit an. Im Netz kursieren Gerüchte über gestellte Bilder, die Flüchtlinge beim Schlamm-Schaufeln in Baden-Württemberg zeigen – hier, in Simbach, ist alles echt. Hier geht es nicht um schöne Gesten, hier geht es einfach um: Hilfe.

Fallou Diop, 22, hat im Radio von der Katastrophe erfahren. „Ich hörte, dass es Tote gab. Das tut weh“, sagt er, während er Eimer voller Wasser und Schlamm eine Kellertreppe hinaufschleppt. Der Asylbewerber aus dem Senegal trommelte seine Mitbewohner zusammen. Am Ende waren es gut 25 junge Männer, die es schafften, von ihrer Unterkunft bei Traunstein nach Simbach zu kommen.

Mouath, der aus Syrien geflohen ist, sagt: „Wir haben von den Menschen in Simbach so viel Hilfe bekommen, jetzt können wir etwas zurückgeben. Das tut gut.“ Und Naja Al Hassas, der schon am Vortag geschaufelt hat, erklärt: „Wir wissen, was es heißt, in einem Krisengebiet zu leben und das eigene Haus zu verlieren.“ Eine Straße weiter räumen Asylbewerber mit Schülern, Eltern und Lehrern die gerade erst eingeweihte und jetzt ruinierte Turnhalle der Realschule aus.

Nicht nur menschliche Dramen spielen sich in der Hochwasserregion ab. So rettete das THW in Simbach eine Katze aus einem überfluteten Haus.

In Pfarrkirchen scheinen Simbach und das ebenso schwer betroffene Triftern weit entfernt. Vor dem Landratsamt Rottal-Inn fährt eine fröhlich hupende Autokolonne vorbei: Abiturienten feiern, dass sie die mündliche Prüfung hinter sich haben. Drinnen aber sind die Helfer des Kriseninterventionsteams damit beschäftigt, Menschen zu trösten, deren Hab und Gut in den Schlammmassen versunken ist. Viele aus den Überflutungsgebieten sind wegen der 1500 Euro Soforthilfe in das Amt gekommen, manche gleich in der Früh – allein 150 Menschen in der ersten Stunde bis 8 Uhr.

Auch Veronika Zunner Fadhli aus Ering ist gekommen, mit Ehemann Sam und Tochter Yana. Die Werkstatt, in der die Künstlerin Filmrequisiten gestaltete, hat der Kirnbach zerstört. Keller und Parterre ihres Hauses sind überschwemmt, Yanas Hasen wären fast ertrunken. Versichert ist die Familie nicht. Sam Fadhli kommt aus Texas, wo es häufig zu plötzlichen Überflutungen kommt. „Ich hätte nie geglaubt, dass das auch hier passieren kann“, sagt er. Von einem Teil der Soforthilfe wird die Familie einen Müllcontainer mieten – für die ruinierte Einrichtung.

Gespendete Kleidung im Bauhof, die Betroffene abholen können.

Johannes Pongratz, 21, aus Triftern steht für seine Eltern in der Schlange. Die Feuerwehr musste die beiden spätabends aus ihrem Haus retten, da der Vater an Unterzucker und die Mutter an einem schweren Schock litt. „Im Erdgeschoss stand das Wasser fast zwei Meter hoch“, erzählt Pongratz, „Küche, Wohnzimmer, Waschmaschine, alles hin.“ Die Familie hatte gerade erst neue Möbel gekauft, wollte das Haus renovieren. Ob es künftig überhaupt bewohnbar ist, wird sich erst in den nächsten Wochen herausstellen. Von dem Geld kauft Johannes Pongratz erst einmal Lebensmittel, um über die nächsten Tage zu kommen. Bis Freitag, 15 Uhr, zahlt das Landratsamt 645 000 Euro aus. Auch am Samstag wird Geld verteilt.

Am späten Freitagnachmittag dann eine gute Nachricht, die den Simbachern Kraft gibt. Ein vermisstes Ehepaar ist gefunden. Der 81 Jahre alte Mann und seine 77-jährige Frau wurden „unversehrt ausfindig gemacht“, heißt es. Taucher hatten nach den Senioren gesucht. Am Freitag stellt sich heraus: Die beiden waren schon am Mittwoch aus ihrem vollgelaufenen Keller geborgen und in ein Krankenhaus gebracht worden. Wie es zu dem Irrtum kam, ist erst mal egal. Hauptsache, sie leben.

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