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Kloster Ettal: Ein Pater hat Buben missbraucht.

Abt Barnabas Bögle im Interview

Nach Missbrauchsgeständnis: Dem Falschen geglaubt

München/Ettal - Mit Entsetzen hat das Kloster Ettal auf das Geständnis von Pater Georg reagiert, Schüler missbraucht zu haben. Abt Barnabas Bögle betont, er habe dem Ordensbruder geglaubt, der fünf Jahre lang sämtliche Vorwürfe abgestritten hatte.

Das Benediktinerkloster Ettal schien die schlimmsten Jahre hinter sich gelassen zu haben. Doch seit Donnerstagabend hat der Missbrauchsskandal das Kloster wieder fest im Griff. „Es ist ein Gau“, heißt es im Umfeld des Klosters. Noch in der Nacht zum Freitag hatte Abt Barnabas Bögle in einer Pressemitteilung seine Erschütterung zum Ausdruck gebracht. „Dass die Opfer über die erlittenen Übergriffe hinaus so viele Jahre auf Gerechtigkeit warten mussten und sogar einem langwierigen Verfahren ausgesetzt waren, erschüttert uns und tut uns aufrichtig leid.“ Im Interview mit unserer Zeitung (siehe rechts) versicherte der Abt, dass er keinerlei Zweifel an der Unschuld des Paters gehabt habe. Das Kloster hat inzwischen das kirchenrechtlich vorgesehene Verfahren eingeleitet. Es sei damit zu rechnen, dass Pater Georg aus dem Priesteramt entlassen werde.

Unterdessen liegen unserer Zeitung Informationen vor, nach denen sich zwei der betroffenen Schüler schon 2010 an die Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums München und Freising gewandt und von den Übergriffen des Paters berichtet hatten. Sie hätten schon früher in der Schule den Missbrauch angezeigt, doch man habe das nicht ernstgenommen. Mit diesen jetzt von Pater Georg zugegebenen Taten reichen die Missbrauchsfälle im Kloster Ettal bis ins Jahr 2005 hinein.

Der Verein Ettaler Missbrauchs- und Misshandlungsopfer hält die vom Landgericht München II dem geständigen Pater Georg zugesagte Bewährungsstrafe für problematisch. Aus Sicht von Missbrauchsopfern sei es keine Strafe, „wenn jemand nicht einmal eine Woche ins Gefängnis muss“, sagte der Vereinsvorsitzende Robert Köhler der Katholischen Nachrichten-Agentur in München. Eine solche Sanktion werde dem „Vergeltungsbedürfnis der Opfer“ nicht gerecht. Zugleich würdigte Köhler die grundsätzliche Bedeutung des Geständnisses. Damit könne nicht mehr bezweifelt werden, dass es diese Übergriffe gegeben habe. Eines der Opfer soll noch als Zeuge vernommen werden, bevor am 11. März ein Urteil erwartet wird. Wie berichtet, haben Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung vereinbart, dass der Pater mit einer Bewährungsstrafe rechnen kann, wenn er den Missbrauch gesteht. Das Gericht könnte von der Zusage abweichen, wenn sich neue Gesichtspunkte ergeben, sagte die Pressesprecherin des Oberlandesgerichts München, Andrea Titz, auf Anfrage

Der Münchner Rechtsanwalt Thomas Pfister sagte, ein großes Problem bei Sexualstrafverfahren sei die Unehrlichkeit der Täter. Wenn sie die Taten bestritten, sei dies stets gleichbedeutend mit dem Vorwurf der Lüge an die Adresse der Opfer. Ein ehrlich gemeintes Geständnis müsse eigentlich zum Prozessauftakt abgelegt werden. „Sonst liegt der Verdacht nahe, dass es nur taktisch motiviert ist, um einer Haftstrafe ohne Bewährung zu entgehen“, sagte der Strafverteidiger. Pfister war 2010 auf Drängen des Erzbistums als Sonderermittler zur Klärung von Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfen gegen die Ettaler Mönche tätig.

Psychotherapeut Professor Friedemann Pfäfflin, der im Auftrag der Abtei 2005 Rechtsgutachten zu Pater Georg erstellt hatte, auf das hin das Kloster den Mitbruder später in der sächsischen Zweigstelle Wechselburg in der Jugendarbeit einsetzte, wollte sich gestern nicht zu dem überraschenden Geständnis des Paters äußern: „Ich möchte dazu nichts sagen.“

Abt Barnabas Bögle im Interview: „Ich bin wie gelähmt“

Der Ettaler Benediktinerabt Barnabas Bögle ist über Geständnis von Pater Georg tief erschüttert. Den Missbrauchsopfern gegenüber zeigt er im Interview großes Bedauern.

Sie haben dem Pater fünf Jahre lang geglaubt. Jetzt wissen sie: Er hat gelogen. Wie war das für Sie, als Sie das erfahren haben?

Entsetzen ist ein Wort, tiefste Enttäuschung. Entsetzen in einer zweifachen Richtung: Dass über Jahre hinweg die Wahrheit verschwiegen wurde. Ich habe gar keine Worte dafür. Für mich ist aber vor allem ganz bitter, dass die Opfer, die ja schon verletzt wurden, über diese Übergriffe hinaus jahrelang auf Gerechtigkeit warten mussten und dann noch einem Verfahren ausgesetzt wurden.

Dass im Zuge dieses Verfahrens die Anwälte auch noch die Glaubwürdigkeit der Opfer per Gutachten in Zweifel ziehen wollten, da stockt dem Beobachter schon der Atem...

Das gehört in diesen Berg der Verletzungen, der Erschütterungen hinein. Erschütterung ist nicht einmal das richtige Wort, aber ich habe kein anderes. Die Situation gestern war für mich auch mit Sprachlosigkeit verbunden. Ich bin wie gelähmt.

Haben Sie in den fünf Jahren nie Zweifel an der Aussage des Paters gehabt?

Ich ging von der Unschuldsvermutung aus. Wenn ich das jetzt sehe, ist es für mich ganz bitter.

Sie haben 2005 ein Gutachten über den Pater bei dem Psychotherapeuten Professor Pfäfflin in Auftrag gegeben. Sie haben es als Entlastung für den Pater gelesen, andere sehen Hinweise auf auffälliges Verhalten.

Man kann das wohl so oder so lesen. Professor Päfflin hat vor fünf Jahren selbst eine Stellungnahme zu seinem Gutachten gemacht, in der er bestätigt hat, dass wir das richtig interpretiert haben.

Viele können nicht glauben, dass die Klosterleitung nichts gewusst hat.

Ich kann’s ganz klar von mir sagen: Ich hab es nicht gewusst. Dass Menschen von außen so denken können, kann ich schon einordnen.

Wir haben Informationen, dass zwei der Opfer Hilfe im Kloster gesucht hatten, lange bevor sie sich später an Missbrauchsbeauftragte der Erzdiözese gewandt hatten. Also war doch etwas bekannt?

Das höre ich gerade so zum ersten Mal. Natürlich wurde Pater Georg vor zehn Jahren aus dem Internat und der Schule genommen, weil es Anzeichen für die Gefahr der Grenzverletzung gab. Ich habe daher auch das forensische Gutachten in Auftrag gegeben.

Wie verhalten Sie sich gegenüber den Opfern?

Darüber denke ich bereits nach. Verstehen Sie bitte, dass ich darüber noch nichts sagen kann. Wir suchen einen Weg, das kann ich Ihnen versichern.

Jetzt war Ettal gerade auf einem guten Weg.

Das ist ein furchtbarer Rückschlag. Für die Schule, für die Mitarbeiter, für die Menschen, die drumherum leben.

Warum war der Pater am Donnerstagabend im Kloster?

Um zu sagen, dass er mit der Wahrheit hinterm Berg gehalten hat. Ich war sprachlos. Es war eine ganz kurze Begegnung.

Als vor fünf Jahren der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ans Licht kam, ging es um die Frage, warum die Kirche die eigenen Leute schützt. Jetzt sieht es so aus, als sei man keinen Schritt weiter.

Das sehe ich nicht so. Das Ganze war beim Gericht. Und wir vertrauen dem Gericht. Bis Donnerstag wollten wir uns nicht zum laufenden Verfahren äußern. Jetzt haben wir Stellung genommen, das sind wir auch gerade den Opfern schuldig.

Interview: Claudia Möllers

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