Am 7. März wurde der Wolf im Kreis Starnberg fotografiert. Zwei Tage später tappte er dort erneut in die Fotofalle.

Nach Sichtung nahe Starnberg

Er kommt zurück: Alles zum Wolf in Oberbayern

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Starnberg - Schon wieder ist ein Wolf in Oberbayern aufgetaucht. Die einen haben Angst vor ihm, die anderen freuen sich. Es gibt kaum ein Tier, das die Menschen so polarisiert wie das graue Raubtier.

Peter Blanché, 65, hat die Meldung gerade noch in die neuesten „Rudelnachrichten“ gebracht, kurz vor Redaktionsschluss. Die wunderbare Nachricht, dass im nördlichen Landkreis Starnberg ein Wolf von einer Wildtierkamera fotografiert wurde. Die „Rudelnachrichten“ sind die Vereinszeitschrift der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Peter Blanché ist ihr Chef und damit so was wie Bayerns größter amtierender Wolfsfreund.

Wolfsfreund Peter Blanché

Im richtigen Leben betreibt er in Großinzemoos im Kreis Dachau eine Tierarztpraxis. Er sagt: „Die Einschläge kommen näher.“ Sprich: Der Wolf entdeckt Bayern wieder für sich. Noch besetzt er kaum Reviere im Freistaat. Aber das könnte sich bald ändern. Heute schon polarisiert der Wolf wie kaum ein anderes Tier. „Die einen hassen den Wolf, die anderen mögen den Wolf“, sagt Peter Blanché, „aber sie werden niemanden finden, der sagt: Der Wolf ist mir egal.“

Brigitta Regauer gehört zu denen, die den Wolf am liebsten raus hätten aus Bayern. Ganz einfach: Sie hat Angst um ihre Tiere. Die Almbäuerin aus Fischbachau, Kreis Miesbach, erinnert sich noch genau daran, wie das war im Sommer 2010. Damals musste sie Schafe aus ihrer Herde, die der Wolf zerfetzt hat, von der Weide aufklauben. Das Emotionale, das ist die eine Seite. Die andere: „Wir sehen unsere Existenz aufs Spiel gesetzt.“ Almbauer zu sein, das sei ohnehin schon ein mühsames Geschäft. „Kein Bauer treibt seine Schafe als Wolfsfutter auf die Alm“, sagt die 48-Jährige, die auch Wolfsbeauftragte des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern ist.

Mehrere Vorfälle im Vorjahr

Ja, der Wolf holt sich seine Nahrung. Allein im Vorjahr gab es in Oberbayern mehrere Vorfälle: Im August tötete ein Wolf im Kreis Miesbach zwei Tiere, im April wurden bei Zorneding im Kreis Ebersberg Schafe gerissen. Nun die Sichtung im Kreis Starnberg. Ziemlich nah am Ballungsraum München. Regauer sagt: „Keiner kann sich in Sicherheit wiegen, bloß weil er nicht in den Bergen lebt.“

Wolfsgegnerin Brigitta Regauer

Vielleicht ging Bayerns Entwicklung zum „Wolfserwartungsland“, wie das ein Behördenvertreter mal genannt hat, ein bisschen schnell. Jahrhundertelang wurde in Oberbayern kein einziges Exemplar gesichtet. Der erste Wolf, der nach 150 Jahren auftauchte, wurde 2006 von einem Auto überfahren – bei Pöcking, unweit der Villen am Starnberger See. Dann immer wieder Fälle von gerissenen Schafen. Einige scharfe Bilder aus Wildkameras. Allein 2015 zählte das Landesamt für Umwelt fünf Tiere (Interview unten).

Seit der Starnberger Wolf in der Zeitung war, ist in der Region eine kleine Hysterie ausgebrochen. Hartwig Görtler, erster Vorsitzender der Starnberger Jäger, berichtet von „Hass-Mails“, in denen die Jagd pauschal verteufelt wird. Und er bekommt Nachrichten von Leuten, um die 30 Stück, die sich sicher sind, den Wolf gesehen zu haben. Viele sind Unsinn, weiß Görtler – weil der Wolf angeblich zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten aufgetaucht ist, 50 Kilometer voneinander entfernt. Die Suche nach dem Starnberger Wolf überlässt Görtler Experten – zwei, drei Jäger suchen die Fährte, um Haare, Kot oder den Schlafplatz zu finden.

Fest steht: Das Tier ist den Menschen nicht sehr nah gekommen. Görtler will die Position der Wildtierkamera, die den Wolf zwei Mal innerhalb von zwei Tagen fotografiert hat, nicht verraten. „Wir brauchen keine Leute, die jetzt auf gut Glück nach dem Wolf suchen“, sagt er. Der Jäger sagt bloß: „Weiter weg von Wohnbebauung kann man im Landkreis gar nicht sein.“ Der Jäger glaubt nicht, dass der Wolf, der bis zu 70 Kilometer am Tag läuft, lange in der Gegend bleibt – die Region sei zu dicht besiedelt.

„Jedes Jahr, in dem der Wolf nicht da ist, ist ein gutes Jahr“

Wohler fühlt sich das Raubtier in den Bergen, zum Leidwesen der Almbauern. „Jedes Jahr, in dem der Wolf nicht da ist, ist ein gutes Jahr“, hat Georg Mair, Chef des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, neulich bei einer Versammlung gesagt. Wolfsfreund Blanché kennt das. Der Tierarzt war auch in Bad Feilnbach im Kreis Rosenheim, kurz nachdem dort ein Wolf aufgetaucht war, um mit Bauern zu reden. Er sagt: „Weniger als ein Prozent der Beute sind Schafe. Das ergeben Nahrungsanalysen. Aber wenn ich das sage, werde ich wieder als Märchenerzähler tituliert.“ Die bayerische Mentalität sei nicht so, dass man die Leute leicht überzeugen könne. Trotzdem hat er Almbauern dazu geraten, Herdenschutzhunde anzuschaffen und mobile Zäune.

Realitätsfremd, sagt Almbäuerin Regauer. Testweise haben sie das ausprobiert, mit Schweizer Hirten, Hütehunden und Herdenschutzhunden. Drei Probleme tauchten auf: Die oberbayerischen Almen sind kleinteilig, hier ein Busch, dort ein Stein – das bringt die Hunde durcheinander. Zweitens „halten sich die Wanderer an keine Hinweisschilder und laufen, wo sie wollen“. Doch die Hunde seien trainiert, die Schafe zu schützen – im Notfall auch gegen Wanderer. Und, nicht zuletzt, sei es unmöglich, Hüte-Personal zu finden – von den Kosten mal ganz abgesehen. Bleibe die Möglichkeit, die Schafe gar nicht erst auf die Alm zu treiben. „Aber dann verbuscht alles, wir können kein Heu mehr machen – und müssen mit der Landwirtschaft aufhören“, sagt sie.

Brunner: Wolfsfreie Zonen müssen möglich sein

Landwirtschaftsminister Helmut Brunner haben die Almbauern auf ihrer Seite. „Ich bin davon überzeugt, dass wolfsfreie Zonen möglich sein müssen“, sagte er 2015 bei der Hauptalmbegehung. Doch diese Position widerspricht dem rechtlichen Schutzstatus des Wolfs durch das Bundesnaturschutzgesetz und die FFH-Richtlinie.

Das wäre für Brigitta Regauer die Lösung: den Schutzstatus heruntersetzen wie in Frankreich. Dort wurden voriges Jahr 36 Wölfe geschossen. Sie fordert, in Sachen Wolf europäisch zu denken: In allen Ländern zusammen gebe es immerhin etwa 50.000 Tiere.

Für sie und viele andere ist das genug. Da braucht Bayern nicht auch noch seine eigenen Wölfe.

"Wir müssen uns an Wölfe gewöhnen" - Ein Interview mit Walter Joswig, Leiter des Referates Landschaftspflege, Wildtiermanagement am Landesamt für Umwelt lesen Sie hier.

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