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Komplett zerstört hat der Tornado dieses landwirtschaftliche Gebäude in Affing. Am späten Mittwochabend beschädigte der Sturm insgesamt 178 Häuser in der Gemeinde bei Augsburg.

Nach dem Tornado in Affing

Ein Dorf räumt auf

Affing - Zerstörte Häuser, abgedeckte Dächer, eingeschlagene Autoscheiben: An Tag zwei nach dem Tornado gleicht Affing noch immer einem Trümmerfeld. Mit vereinten Kräften räumt das Dorf auf.

André Westphal steht vor seinem Haus in Affing (Kreis Aichach-Friedberg) und blickt die Schubertstraße hinunter. Es ist Tag zwei nach dem Tornado. Sohn Moritz, 6, sammelt kleine Ziegelbrocken aus dem Vorgarten in einen roten Eimer. Am Donnerstagmorgen hätte die Familie „nur noch heulen können“, sagt Westphal, 34. Doch inzwischen geht es aufwärts. Westphal wartet auf den einen Handwerker, der sich sein nicht mehr vorhandenes Dach ansehen will.

Es herrscht eine betroffene Stille in der Straße. Im Garten gegenüber sägt ein dunkelhaariger Mann umgeknickte Bäume ab. Ein leichter Wind bewegt die Folien, mit denen die Dächer in der Straße notdürftig abgedeckt sind. Hin und wieder kommt jemand mit einer Schubkarre voller Schutt an Westphals Haus vorbei und wirft es in den Container am Straßenrand. Geredet wird kaum.

Packen freiwillig an: (v. li.) Christoph Georg (46), Corinna und Stefan McKenna (b. 34) sowie Cedric Winterfeld (28).

Die Straße liegt in dem 150 Meter breiten Streifen, in dem der Tornado Dächer abgedeckt und einige Häuser bis auf die Grundmauern zerstört hat. 178 Häuser sind betroffen. „Die Straße war ein Schlachtfeld“, berichtet Westphal, blonde Haare und Brille. In der Schubertstraße haben hunderte Helfer das meiste bereits weggeschafft. Das war wie ein Wunder für Westphal. „Ich dachte: Scheiße, wo fange ich an.“ Und prompt packten unzählige Hände mit an, räumten die Einfahrt frei und deckten sein offenes Dach mit Folie ab.

Rückblick: André Westphal schaut Fußball im Wohnzimmer. Er unterhält sich mit Freunden, wie schön das Wetter an diesem Mittwoch war. Wie toll das Gewitter draußen aussieht. „Plötzlich gab es einen mords Lärm“, berichtet der 34-Jährige. Alles geht ganz schnell: Westphal rennt ins Schlafzimmer. Ein Dachziegel wurde durch die offene Tür geschleudert. Seine Frau kommt schreiend aus der Dusche. Sie hat die Photovoltaikanlage des Nachbarn auf sich zu kommen sehen – die bleibt an der Hauswand kleben. Westphals zwei Söhne schlafen in ihrem Stockbett. Ihre Fensterscheibe zerspringt so, dass sie später sogar Glassplitter im Kleiderschrank finden. Das alles hatte der Tornado laut Westphal binnen 20 Sekunden angerichtet.

Das Nachbardach klebte am Haus von André Westphal. Dank vieler Helfer sind die Trümmer bereits entsorgt.

Das Landratsamt schätzt die Schäden, die der Tornado in der Gemeinde verursacht hat, auf etwa 40 Millionen Euro. „Primär werden wohl die eigenen Versicherungen einspringen müssen“, sagte Landrat Klaus Metzger (CSU) am Freitag. Die Staatsregierung will nun Hilfen für betroffene Bürger und Firmen prüfen, kündigte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) an. Zudem „müssen wir ganz grundlegend über diese Fragen diskutieren, weil sich diese Wetterextreme häufen“.

An Geld denken Corinna und Stefan McKenna (beide 34) aus Augsburg gar nicht: Sie sind freiwillige Helfer in Affing. Mit zwei Bekannten haben sie gerade einen Traktor aus einem einsturzgefährdeten Schuppen gezogen. „Die Leute sind unglaublich dankbar“, sagt Stefan McKenna – mehr Lohn braucht er nicht. So denken hunderte Helfer in Affing. Einige haben sogar die Menschen aus den 33 und zwölf unbewohnbaren Häusern aufgenommen, so dass ab der zweiten Nacht niemand mehr in der Notunterkunft in der Turnhalle schlafen musste. „Die Bereitschaft und Solidarität der Freiwilligen ist unglaublich“, sagt Landrat Metzger.

Ohne die hätte Marco Kulterer, 27, nicht weiter gewusst. Er steht müde vor dem Haus seiner Schwester. „Das ist keine vier Jahre alt, am Muttertag haben wir im Garten gefeiert, dass der endlich komplett fertig ist“, sagt Kulterer und blickt auf das Haus: Das Dach ist weg, die Scheiben eingeschlagen, im ersten Stock sind tragende Wände eingerissen.

André Westphals Dach ist inzwischen begutachtet. Bereits am Montag soll es neu eingedeckt werden. „Es sieht gut aus“, sagt er und lächelt. An Tag zwei kann er das wieder ein bisschen.

Susanne Weiss

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