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Unfair findet Helmut Ratzek, dass für Online-Versandapotheken wie DocMorris keine Preisbindung gilt. Denn so machen sie dem 69-Jährigen das Geschäft kaputt.

Nachwuchsprobleme und Konkurrenzdruck

Rezepte gegen das Apothekensterben

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Bayerns Apotheker fürchten um ihre Existenz. Die Konkurrenz aus dem Internet ist groß und es gibt Nachwuchsprobleme. Vor allem Land-Apotheken müssen schließen. Manche kämpfen noch, andere finden kreative Alternativen.

München – Mit 69 Jahren könnte Helmut Ratzeck seine Rente genießen – eigentlich. Stattdessen steht er aber nach wie vor täglich in seiner Apotheke in Lenggries im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Er habe schon mal ans Aufhören gedacht, sagt er, diese Überlegung aber ziemlich schnell wieder verworfen. „Denn keiner kauft meine Apotheke.“ Und bevor er sie endgültig schließt, macht er lieber weiter.

So wie Helmut Ratzek geht es immer mehr Apothekern. Laut der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK) ist die Zahl der Apotheken im Freistaat rückläufig. Die meisten gab es in den vergangenen 30 Jahren im Jahr 2009, nämlich 3439. 2016 waren es rund 230 weniger.

Für Online-Apotheken gilt keine Preisbindung

„Und es wird nicht leichter, viele Kunden kaufen bei Internethändlern“, sagt Ratzek, der auch Apothekensprecher für den Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist. Die niederländische Versandapotheke DocMorris etwa verkauft rezeptpflichtige Arzneien viel günstiger. Denn während sich Apotheker wie Helmut Ratzek an die Preisbindung in Deutschland halten müssen, gilt das nicht für den Online-Versand. Das hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) vergangenen Herbst entschieden. „Das ist unfair und sollte von der Politik verboten werden. Denn viele nutzen zwar den Kostenvorteil der Versandhändler. Doch wenn sie nachts Hilfe brauchen, wenden sie sich an unseren Apotheken-Notdienst“, sagt Ratzek. Dieser kostet aber Geld.

Erschwerend kommt hinzu, dass es vor allem in ländlichen Gegenden immer weniger Mediziner gibt. „Und mit den Ärzten verschwinden auch die Apotheker“, berichtet der Präsident der Bayerischen Landesapothekerkammer, Thomas Benkert. Er betreibt eine Apotheke in Mammendorf im Landkreis Fürstenfeldbruck und weiß, dass gerade Bürger aus kleinen Orten nur schwer ihre Arzneien bekommen.

Rezeptsammelstellen als Anlaufpunkt für ältere Bürger

In den Gemeinden Irschenberg und Weyarn im Landkreis Miesbach gibt es gar keine Apotheken. Daher hat die Apothekerin Birgitta Seemüller (48) dort je eine Rezeptsammelstelle aufgestellt. In die Sammelstelle, eine Art Briefkasten, können Rezepte und Bestellungen eingeworfen werden. Einmal täglich leert einer von Seemüllers Mitarbeitern den Kasten. Dann werden die Medikamente besorgt und ausgeliefert. Insgesamt betreibt Birgitta Seemüller vier Apotheken im Kreis Miesbach. „Für mich lohnt sich die Sammelstelle zwar wirtschaftlich nicht. Sie ist lediglich eine Dienstleistung für ältere Bürger, die nicht mehr so mobil sind“, sagt sie.

Wer also auf dem Land als Apotheker überleben möchte, muss sich ab und zu etwas Neues ausdenken. Den Trend zur Apotheke im Netz nutzt Katharina Rorer für sich. „Mit unserem regionalen Vorbestellsystem können Kunden direkt beim Arzt ein Foto von ihrem Rezept machen, an uns schicken und die Arznei zum Beispiel nach der Arbeit abholen – ohne Wartezeit “, sagt sie. Das gehe sogar wesentlich schneller als über Online-Versandhändler.

Pharmaziestudium ist arbeitsaufwendig und zeitintensiv

Die 32-Jährige hat vor wenigen Monaten die Apotheke im 2800-Seelen-Ort Hohenlinden (Landkreis Ebersberg) übernommen. Ihr Vorgänger hatte aus Altersgründen aufgehört. Dass immer weniger junge Apotheker nachkommen, wundert sie nicht. Das vierjährige Pharmaziestudium sei arbeitsaufwendig und zeitintensiv, das Gehalt später hingegen verhältnismäßig bescheiden.

„Als Apotheker wird man nicht reich, man muss den Beruf lieben“, sagt Katharina Rorer. Sie lebt vor allem von ihrer Stammkundschaft – genauso wie Helmut Ratzek. Wie lange er noch um seine Apotheke kämpfen will, weiß er nicht. „Aber sie ist meine Altersvorsorge“, sagt er.

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