Der Historiker Sven Keller sitzt und blättert in dem Album.
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Der Leiter der NS-Dokumentationsstelle Obersalzberg, Sven Keller, mit dem Album.

Vom Institut für Zeitgeschichte für 39 000 Euro ersteigert

Das mysteriöse Hitler-Album

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
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2017 versteigerte ein britisches Auktionshaus eine Kladde mit Aufnahmen vom Obersalzberg – angeblich von Eva Braun. Doch das stimmt nicht. Das Institut für Zeitgeschichte hat jetzt die Wahrheit herausgefunden.

  • 2017 hat ein britisches Auktionshaus ein Fotoalbum aus der NS-Zeit versteigert. Es gehörte angeblich Hitlers Freundin Eva Braun.
  • Wie jetzt herauskam, hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte das Album damals inkognito für 39 000 Euro gekauft.
  • Nach einer Untersuchung steht fest: Das Album gehörte nicht Eva Braun. Sondern höchstwahrscheinlich einem unbekannten SS-Mann.

München – Das Album liegt auf weißem Seidenpapier, auf dem Deckel prangt ein Hakenkreuz, schraffiert in Rot, als hätte es jemand mit dem Buntstift ausgemalt. Doch das Album ist ein Massenprodukt. Hakenkreuzalben waren in der NS-Zeit überall zu kaufen, nur welche Fotos man dann hineinsteckte, das blieb jedem selbst überlassen.

Bei diesem Album, das die Historiker Sven Keller und Albert Feiber nun auf einem Tisch im Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ausgelegt haben, ist der einstige Besitzer unbekannt. Keller hat weiße Handschuhe übergestülpt und blättert vorsichtig in der länglichen Kladde. Das Pergament zwischen den Seiten ist zerfleddert, die Fotos sind oft sehr klein, klar aber ist, dass es einige sehr interessante Aufnahmen enthält: bisher unbekannte Fotos von Hitler, Himmler und Göring aus den frühen 1930er-Jahren, Fotos vom Alltagsleben im Haus Wachenfeld, das später zum Berghof umgebaut wurde und Hitler als Erholungsdomizil diente.

Eine Seite aus dem Fotoalbum.

Man sieht eine jubelnde Menschenmenge um Hitler herum, man sieht einen ungezwungen lachenden SS-Führer Himmler – und schaudert ein wenig, wenn man weiß, dass dieser Scherge in den Tagen, in denen das Foto entstanden sein muss, den Boykott-Tag gegen die Juden am 1. April 1933 vorbereitete.

Aber wer hat die Fotos eigentlich gemacht? Vor dreieinhalb Jahren, im März 2017, ging eine Story über einen vermeintlich neuen Nazi-Fund um die Welt: Das britische Auktionshaus C&T in Kenardington verkaufte ein Fotoalbum von Eva Braun, Hitlers Freundin, die 1945 mit dem Diktator zusammen durch Einnahme von Zyankali im sogenannten Führerbunker unterhalb der Alten Reichskanzlei starb.

Manche sahen es fast als Weltsensation an. „Fotoalbum von Eva Braun für 39 000 Euro versteigert“, titelte „Spiegel Online“. „Das Geheimnis von Eva Brauns Fotoalbum“, raunte „Bild“. Auch die „tz“ zeigte Aufnahmen, wie fast jede Zeitung. 73 Fotografien mit Größen des NS-Regimes, privat, ungewöhnlich ungezwungen. Eva Braun knipste, was das Zeug hielt, das wusste man. 35 ihrer Alben sind in Washingtoner Archiven verwahrt. Jetzt gab es offenbar ein 36. Kleines Problem nur: Das stimmt nicht.

Foto: aus dem Album: Hitler vor Haus Wachenfeld (später zum Berghof umgebaut).

Wer das Album für 34 000 britische Pfund ersteigerte, blieb damals unbekannt. Die meisten tippten wohl auf irgendeinen Militariafreund, der sich dann privat an den Aufnahmen ergötzen würde.

Doch so war es nicht. Im fernen München hatten sich damals auch die Historiker Keller und Feiber für die Auktion angemeldet. Keller ist Direktor der Geschichts-Dokumentation am Obersalzberg – das Museum dort, viel gerühmt, liegt auf halber Höhe von Hitlers einstigem Domizil. Es ist eine Unterabteilung des IfZ. „Uns waren die Obersalzberg-Fotos aufgefallen“, sagt Keller. Sie hofften auf eine interessante Ergänzung der neuen Dauerausstellung im NS-Dokumentationszentrum. Das Zentrum wird gerade für eine zweistellige Millionensumme erweitert, 2022 ist die Eröffnung. Also steigerten die Historiker anonym, wie das bei Auktionen üblich ist, online mit – und bekamen für ihr Institut tatsächlich den Zuschlag.

So landete das Album im Münchner Institut – und wanderte von dort erst mal ins Bayerische Landeskriminalamt, wo Experten Schrift und Papier untersuchten. Sehr schnell war Keller und Feiber klar geworden, dass die schnelle Zuordnung des Albums zu Eva Braun nicht stimmen konnte. Die Fotos zeigten zwar Szenen aus Hitlers halb-privaten Nahbereich am Obersalzberg. Einige sind aber schon bekannt und nicht als Original im Album. Auch die kärglichen Bildunterschriften („Der Führer in Berchtesgaden“, „Der Führer am See“) klingen seltsam distanziert. Noch wichtiger: Die Handschrift ist nicht die von Eva Braun.

Hitler reiste mit einem umfangreichen Hofstaat

Sven Keller

Außerdem ist die Fotoserie vom Obersalzberg nur die halbe Wahrheit. Es gibt auch zwei Dutzend Fotos, die in Berlin aufgenommen wurden, offenbar im Umfeld der alten Reichskanzlei, die Hitler seit 1934/35 meist privat nutzte (sein Kabinett trat eh nicht mehr zusammen). Manche Fotos sind verschwommen und verwackelt – Hitler steigt aus einem Auto, man ahnt es mehr, als dass man es sieht. Undenkbar, dass Eva Braun solche Aufnahmen in ein Album geklebt hätte.

Wie aber kam dann die Verbindung zu der Hitler-Freundin zustande?

Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1945

Hinweise gibt ein ins Album geklebter Zeitungsartikel aus der britischen Boulevardzeitung „Daily Mirror“ vom 16. Juli 1945, in dem Eva Braun eine Affäre („secret love affair“) mit einem unbekannten SS-Mann unterstellt wird. Oder stimmt es sogar? Man wird es wohl nie erfahren. In dem Artikel werden zwei Albumseiten gezeigt und auch der SS-Mann, der auf verschiedenen Fotos in dem Album auftaucht. Die Vermutung liegt nahe, dass er der Besitzer des Albums war und die meisten Fotos geknipst hat. „Hitler reiste mit einem umfangreichen Hofstaat“, sagt Keller. Der unbekannte SS-Mann gehörte wohl zu seiner Entourage.

Die Historiker haben recherchiert, dass ein nicht weiter bekannter Fotograf namens Edward Dean das Album an sich nahm. Er war für die britische Rheinarmee tätig und hatte das Album wohl in den Monaten nach Kriegsende in den Ruinen von Hitlers Reichskanzlei gefunden – angeblich lag es, so steht es im Artikel der „Daily Mirror“, in einer Schublade des Schminktisches von Eva Braun. Aber das ist vielleicht erfunden. Jedenfalls: Dean fand das Album – und behielt es. Erst 1983 verkaufte er es, angeblich mit anderem Nazitrödel wie Besteck oder Tellern mit Hitler-Monogramm. Der damalige Käufer wiederum ließ es 2017 durch das britische Auktionshaus versteigern.

Das Institut meidet das Wort Fehlkauf

Jetzt liegt das Album im IfZ. Hat sich der Kauf gelohnt? „Ich würde sagen: Ja“, meint Keller. Er vermeidet das Wort Fehlkauf. „Uns waren die Obersalzberg-Bilder wichtig, und da ist das Album ja sehr ergiebig.“ Der Obersalzberg werde ja immer noch unterschätzt, er sei kein Urlaubsdomizil gewesen, sondern ein Ort der Planung. „Es gibt keinen Verbrechenskomplex, der nicht mit dem Obersalzberg im Zusammenhang steht“, sagt Feiber.

Im Moment sei es so, sagt Keller, dass „das Album mehr Fragen aufwirft als beantwortet“. In der neuen Dauerausstellung im Obersalzberg-Museum wird es daher nicht zu sehen sein. Und noch eine Frage ist offen: Wer war nun der SS-Mann, der das Album angelegt hat? Das, sagt Keller, werde man wohl nie erfahren.

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