Psychiatrie-Prozess

Nervig oder gefährlich?

München - Ein psychisch kranker Mann bedroht immer wieder seine Mitmenschen. Die Staatsanwaltschaft will ihn dauerhaft in die Psychiatrie einweisen. Doch es ist unklar, ob er gefährlich ist.

Auf den Tischen des Gerichtssaals B 277 hat Bernhard Pallmann (64) Zeitungsschnipsel über Justizskandale verteilt. Zum Beispiel über den Fall Mollath. Er läuft zwischen den Tischen hin und her, sucht nach einem der Ausschnitte, die er mit Bildchen und Karten beklebt hat. Dauernd plappert er dem Vorsitzenden Richter, Staatsanwalt und Gutachter dazwischen. Einem Zeugen attestiert er eine „Wampn“. Den Vorsitzenden Thomas Denz nennt er „zäh und unangenehm“. Irgendwann hat der Richter genug: Wegen seiner Kommentare, Plappereien und Sperenzchen lässt er ihn in die Zelle bringen. Da verabschiedet sich Pallmann von Denz – mit den Worten: „Ciao, baby!“

Pallmann, Chemiker und zuletzt am Wörthsee (Kreis Starnberg) daheim, hat jahrelang Mitmenschen beleidigt, bedroht und bezichtigt. Sowohl sein privates Umfeld als auch Staatsbedienstete und CSU-Politiker. Polizisten bezeichnete er als „Trottel“ und „Nazi-Terroristen“. Einer Staatsanwältin sprach er auf den Anrufbeantworter: „I kill you, baby!“ Er bezichtigte mehrere Menschen des Mordes und sonstiger Verbrechen.

Im September 2010 wurde Pallmann in Untersuchungshaft genommen, im April 2011 wieder freigelassen. Daraufhin wies ihn das Landratsamt Starnberg in die Psychiatrie ein. Dort sprang er aus dem Fenster und floh nach Mallorca. Doch voriges Jahr kehrte er zurück. Jetzt sitzt er vorläufig in der Psychiatrie Gabersee (Kreis Rosenheim). Die Staatsanwaltschaft will, dass er dauerhaft dort untergebracht wird. Sie sieht in ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit – nur in diesem Fall darf jemand zwangsweise untergebracht werden. Doch angegriffen hat Pallmann noch nie jemanden.

Nun muss das Landgericht München I darüber entscheiden, ob der 64-Jährige in Freiheit oder in die Anstalt gehört. Kein leichter Fall. Pallmann ist sicher kein einfacher Zeitgenosse. Viele halten ihn für eine Zumutung. Aber ist er nur eine Nervensäge, ein Querulant? Verrückt? Oder ist er kriminell, gefährlich?

Der Beschuldigte selbst – und einige Unterstützer, die in den Gerichtssaal gekommen sind – halten ihn für unschuldig verfolgt. Bernhard Pallmann sieht sich als Leidensgenosse von Gustl Mollath, der seit sieben Jahren für seine Entlassung aus der Psychiatrie kämpft. Mit ihm steht er nach eigener Angabe in Briefkontakt. Es gehe beiden um dasselbe, sagt Verteidiger David Schneider-Addae-Mensah – sie wollten Missstände in der Psychiatrie aufdecken. „Beide verwenden ihren Fall, um Menschenrechtsverletzungen, die da passieren, anzuprangern.“ Der Verteidiger hält Pallmann für „völlig ungefährlich“ und seine Unterbringung für „Freiheitsberaubung und Körperverletzung“.

Psychiater Henning Saß, der auch Beate Zschäpe beurteilt, beobachtet Pallmann nun während des ganzen Prozesses. Am Ende wird wohl sein Gutachten entscheiden.

Von Nina Gut

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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